Stefan Kuntz in der Türkei: Eines Tages könnte er in den Geschichtsbüchern stehen

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Stefan Kuntz verspürt als Nationaltrainer der Türkei erstmals größeren Druck. Der ehemalige U21-Nationaltrainer des DFB wird mit teils absurden Anschuldigungen konfrontiert. Dabei arbeitet Kuntz vielleicht am wichtigsten Projekt der türkischen Fußballgeschichte mit und könnte Teil einer Zeitwende sein.

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Es ist gar nicht allzu lange her, da weinte Stefan Kuntz Tränen der Freude. Es war nach dem 2:1 in Lettland: Die Türkei traf in der neunten Minute der Nachspielzeit zum Sieg und wahrte sich die Chancen auf die WM-Teilnahme. Ein Unentschieden und für Kuntz wäre in seinem zweiten Spiel als Nationaltrainer alles vorbei gewesen in der WM-Qualifikation.

Dass seine Mannschaft nach Rückstand einen großen Kampf lieferte, um das Spiel zu drehen und dass es dann wirklich klappte, löste tiefste Emotionen bei Kuntz aus. Als der Staatssender TRT die Bilder live zeigte, stockten dem Moderator der Sendung die Worte. Der Experte der Sendung weinte sogar mit Kuntz mit.

Tarik Üstün, früher selbst Fußballprofi, wollte eigentlich gerade das Spiel analysieren, bis er Kuntz weinen sah. "Die Emotionen von Stefan Kuntz sollte beim türkischen Volk angekommen sein", sagte Üstün und danach gab es nur noch unvollständige Sätze: "Diese Tränen... von einem Deutschen, von einem Deutschen..."

Die Sympathie, die Kuntz an diesem kalten Riga-Abend entgegengebracht wurde, war für den Deutschen eigentlich nichts Neues. Als Spieler benötigte er genau eine Saison (1995/96), um landesweit Beliebtheit zu erlangen. Nicht nur, dass er bei Besiktas erfolgreich spielte und so es auch in den EM-Kader von Berti Vogts schaffte: Auch außerhalb des Platzes zeigte er ehrliche Nähe und versuchte schnell die Sprache zu lernen, was für ausländische Spieler in der Türkei bis heute nicht gewöhnlich ist.

Stefan Kuntz in der Türkei: Die Szene wird rauer

Mit der Sympathie im Rucksack von damals ließ es sich nun als Nationaltrainer gut arbeiten. Aber der türkische Fußball hat sich seit der Spielerzeit von Kuntz verändert. Früher ging es auf den Tribünen mitunter rau zu. Heute ist es da deutlich ruhiger geworden, nun hat die Fußballszene selbst an Aggressivität und Kampflust zugelegt.

Das viele Geld, das in den letzten Jahren geflossen ist (und fast nicht mehr da ist), hat die Bedeutung erhöht, erfolgreicher als die anderen zu sein. Viele handeln da ohne Rücksicht auf Verluste. Der Fokus wurde dabei so sehr auf kurzfristige Erfolge gelegt, dass die Entwicklung extrem darunter gelitten hat. Viele Vereine produzieren keine jungen Spieler mehr, die Nationalmannschaft bekommt keinen Nachschub und die Qualität schwindet.

Auch für die Trainer ist die Türkei ein heißes Pflaster geworden. Sie werden so schnell ausgetauscht wie nie zuvor. Fast 40 Trainerentlassungen gab es in der Saison 2020/21, etwas weniger in der eben abgelaufenen Spielzeit. Viele inländische Trainer halten sich zurück, was Beschwerden und sogar Klagen für ausstehenden Gehälter oder Abfindungen bei Entlassungen angeht, um im Karussell zu bleiben. Ein Teufelskreis.

Fenerbahce-Präsident Ali Koc bestätigte zuletzt das, was die Szene eigentlich längst weiß. Viele internationale Trainer haben inzwischen Vorbehalte, in die Süper Lig zu kommen. Sein Klub ist eine Topadresse im türkischen Fußball, doch er als einer der reichsten Männer des Landes tut sich schwer, einen fähigen Übungsleiter zu finden. Wobei auch er mit einigen Entlassungen seit 2018 seinen Beitrag geleistet hat.

Bei Joachim Löw blitzte er nach vielen Gesprächen ab. Nach Informationen von SPOX und GOAL soll Jorge Jesus der neue Trainer werden, allerdings lässt es sich der Portugiese offenbar auch ordentlich bezahlen. Bis zu sieben Millionen Euro Gehalt sind im Gespräch. Er wird sie als Trost brauchen, wenn er den harten Alltag erleben wird.

Stefan Kuntz in der Türkei: Ein Fenerbahce-Profi greift ihn an

Die Aufgabe des Nationaltrainers ist da nicht einfacher. Zwar hat sich die Stellung der Nationalmannschaft im Land verändert und ist bei weitem nicht mehr so heilig wie einst. Das Sagen haben die Klub-Mannschaften, weil die Medien von dieser Rivalität, die sie selbst anheizen, leben. Die Nationalmannschaft hat nach wie vor hohe Einschaltquoten, aber die Gewichtung ist anders. Dennoch heißt das für Kuntz nicht, dass er unter dem Radar arbeitet.

Das Aus in den WM-Playoffs gegen Portugal wird ihm in die Schuhe geschoben, weil er plötzlich mit einer Dreierkette agierte, die man in der Nationalmannschaft so gar nicht kennt. Doch die sportliche Qualifikation für ein Turnier ist gar nicht das größte Übel. Kuntz hat eine Aufgabe, deren Bewältigung unmöglich ist: Er muss es allen recht machen. Allen voran Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und Trabzonspor. Aber auch allen anderen.

Wie Präsident und Eigentümer Süleyman Hurma vom Erstligisten Fatih Karagümrük Stefan Kuntz den Krieg erklärte, weil dieser Emre Mor nicht für die Nationalmannschaft berief, ist bedenklich. Mor spielte vielleicht die beständigste Saison seiner Karriere. Aber das ist immer noch nicht beständig genug, um in der Nationalmannschaft die Plätze von Spielern wie Cengiz Ünder (Olympique Marseille), Kerem Aktürkoglu (Galatasaray) oder den Shootingstar der Saison Yunus Akgün (Adana Demirspor) streitig zu machen.

Und auch wenn: Die Art und Weise der Kommunikation, mit einigen Tiefschlägen, ist selbst für türkische Verhältnisse übertrieben und sorgt bei den türkischen Fußball-Fans für Kopfschütteln. Nur ein Tag nach der Hurma-Tirade war es dann Mert Hakan Yandas, der bei der Zeitung Sabah sagte: "Was muss ich noch alles tun, um eingeladen zu werden? Muss ich dafür Fenerbahce verlassen? Für mich gibt es keinen anderen Grund dafür, nicht eingeladen zu werden, als das ich bei Fenerbahce spiele. Das soll mir einer erklären."

Stefan Kuntz in der Türkei: Er hat keine Presse hinter sich

Nun hat Yandas natürlich eine breite Unterstützung und damit eine große Presse aus dem Fenerbahce-Lager, die ihren Spieler schützen, auch wenn seine Äußerungen keiner Logik unterliegen. Kuntz dagegen hat kaum ein Lager hinter sich. Weder nach dem Angriff der Mor-Seite, noch nach dem Angriff der Yandas-Seite gab es vom Verband eine Reaktion.

Der türkische Fußballverband steht vor Wahlen. Man wartet gespannt darauf, wer sich zur Wahl aufstellen wird bzw. aufstellen darf. Dafür wartet man auf ein Zeichen aus der Hauptstadt Ankara. Die Klubs wollen ihre eigenen Kandidaten in Stellung bringen, die Politik ihren eigenen, der Interimsverbandschef Servet Yardimci sich selbst. Es tobt ein Machtkampf und da bleibt keine Zeit, um den Nationaltrainer zu schützen.

Es ist manchmal verblüffend zu sehen, wie der türkische Fußball sein ungemein großes Potenzial einfach wegwirft. Das Land ist eines der Jüngsten der Welt. Fußball ist populär und in Teilen des Landes auch eine Chance auf ein besseres Leben. Was in Brasilien nachhaltig klappt, was in den Banlieues von Paris klappt, in schwierigen Gegenden in Deutschland klappt, bekommt man in der Türkei einfach nicht hin, obwohl der Drang der Jugend da ist.

Hamit Altintop, der 2019 als gewähltes Vorstandsmitglied im Verband seine Arbeit aufnahm, stellte fest, dass die Türkei kein Nachwuchs-, sondern ein Trainerproblem hat. Es bedarf fähige Übungsleiter, die den Kindern die richtige Ausbildung geben. Nun ist es nicht leicht, in einem schnelllebigen Fußballland alle mitzuziehen, wenn so eine Feststellung gemacht wurde. Die Zustimmung für seine These hat Altintop gewiss von jedem. Eine breite und aktive Unterstützung, das Problem zu beheben, kann er nicht erwarten.

Die Stationen von Stefan Kuntz nach seiner Profikarriere

ZeitraumKlub/VerbandAufgabe
1999 - 2000Borussia NeunkirchenTrainer
2000 - 2002Karlsruher SCTrainer
2003Waldhof MannheimTrainer
2003LR AhlenTrainer
2005 - 2006TuS KoblenzSportlicher Leiter
2006 - 2008VfL BochumSportlicher Leiter
2008 - 20161. FC KaiserslauternVorstandsvorsitzender
2015 - 2016Deutsche Fußball-LigaVorstandsmitglied
2016 - 2021DeutschlandU21-Trainer
seit 09/2021TürkeiNationaltrainer

Stefan Kuntz in der Türkei: Hamit Altintop schreitet voran

Also hat sich Altintop selbst an die Arbeit gemacht und eine Bewegung losgetreten, die die Zukunft des türkischen Fußballs nachhaltig verändern könnte. Unter seiner Leitung wird die Trainerausbildung völlig neu gedacht. Von ganz unten bis nach ganz oben. Früher bekamen verdiente Fußballer in einem vierwöchigen Kurs die UEFA-Pro-Lizenz einfach so. In Deutschland, aber auch anderswo, dauert der Lehrgang zehn Monate und ist intensiv.

Auch in der Türkei ist der Schnellkurs Geschichte. Der aktuelle Lehrgang läuft seit Monaten, da werden auch verdienten Nationalspielern, die dabei sind, keine Ausnahmen genehmigt. Selbst Altintops Bruder Halil nicht, der aktuell U17-Trainer beim FC Bayern ist und seine Trainerausbildung beim türkischen Verband macht.

Hamit Altintop hat sich für die Ausbildung prominente Unterstützung aus Deutschland geholt. Bernhard Peters, ehemals u.a. beim Hamburger SV und 1899 Hoffenheim, ist genauso als ständiger Dozent dabei wie auch Levent Sürme, der von RB Leipzig kam und als Trainer-Wunderkind gilt und eben auch Stefan Kuntz selbst.

"Wir brauchen die besten Trainer in allen Altersklassen für die Entwicklung der Spieler. Nur sie können das Talent der Spieler hervorrufen", sagt Kuntz. Gemeinsam mit Kenan Kocak, der im Trainerteam von Kuntz eine wichtige Rolle einnimmt, ist man regelmäßig am hochmodernen Trainingszentrum Riva zugegen und hilft, dass eine neue Generation von Trainern heranwächst.

Für Altintop, der schon zu Spielerzeiten Mängel in der Infrastruktur des türkischen Fußballs ausmachte und dies für viele ungewohnt sehr offen und kritisch ansprach, ist es eine Herzensangelegenheit, dass der türkische Fußball das vorhandene Potenzial abruft und aus seinem Schlaf erwacht. Aber auch Kuntz ist sehr gewillt, dabei zu helfen, eine Zeitwende einzuleiten und vielleicht irgendwann in den Geschichtsbüchern zu stehen.

Wie wichtig diese Wende sein wird, zeigt schon jetzt der Einfluss der neuen Gesichter im türkischen Fußball. Die Erfolge von Nuri Sahin in Antalya, von Emre Belözoglu bei Basaksehir, von Volkan Demirel bei Karagümrük und auch von Ilhan Palut in Konya und von Ömer Erdogan in Hatay sprechen für sich. Sie stellen die neue Generation der türkischen Trainergilde und sie haben alle die Gemeinsamkeit, dass sie daran glauben, dass Fußball nur durch nachhaltige Weiterentwicklung funktioniert. Auch, was ihre eigene Person angeht.

Bekommt es die Türkei hin, im Jugendbereich eine neue Generation an Trainer zu schaffen und die Transformation im Profibereich weiter voranzuschreiten, ist viel getan. Und vielleicht verdrückt dann Stefan Kuntz auch mal eine Träne, dass er einem Fußball-Land mitgeholfen hat, indem ein Präsident ihn dafür beschuldigte, es als "Dritte-Land-Welt" zu sehen.

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