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Fussball

Auswärtsspiel - die SPOX-Kolumne: Warum Stefan Kuntz in der Türkei keine Witze machen darf

Stefan Kuntz soll die Türkei zur WM führen.

Stefan Kuntz kämpft mit der Türkei um ein Playoff-Ticket für die WM 2022, doch die Erwartungen an den ehemaligen U21-Trainer Deutschlands sind weit höher. Er soll einen langersehnten Traum erfüllen und hat prominente Unterstützung aus Deutschland mitgebracht. Allerdings ist es auch ein Kampf gegen große Widerstände.

Es wäre falsch zu behaupten, dass Stefan Kuntz in der Türkei nicht angekommen ist. Der Nationaltrainer des Landes ist seit seiner Zeit als Spieler bei Besiktas in der Saison 1995/96 eng mit den Türken verbunden. Viel Zeit für die Integration benötigte Kuntz nicht, als der 59-Jährige im September 2021 beim TFF anheuerte.

Kuntz verbringt viel Zeit im Land seines Arbeitgebers. Er liebt das türkische Essen, spricht gerne mit den Menschen und versucht viel auf Türkisch zu kommunizieren. Das kommt sehr gut an, Kuntz genießt seit jeher auch große Beliebtheit. Und doch ertappen sich die Türken manchmal dabei, dass sie sich an diesen Kuntz noch gewöhnen müssen.

Ein Beispiel: Am vergangenen Montag trainierte die Nationalmannschaft in Vorbereitung auf das WM-Playoff-Spiel in Portugal (20.45 Uhr live auf DAZN), als Kuntz für ein paar Pressefotos an der Seite von Nationalmannschaftsmanager Hamit Altintop zur Verfügung stand. Gerade, als die Blitzlichter angingen, liefen ein paar Spieler vorbei. Sie duckten sich, um die Aufnahmen nicht zu sabotieren.

Als sich Nationalmannschaftsneuling Yunus Akgün ebenfalls duckte, rief ihm Kuntz hinterher: "Yunus, du musst dich nicht ducken!" Und verwies mit einer Handbewegung auf die nicht allzu üppige Körpergröße von 1,73 Meter des Flügelspielers von Adana Demirspor.

Auch der Besiktas-Trainer war von Stefan Kuntz genervt

Kuntz lachte herzhaft, Altintop mit etwas Verzögerung auch. Verfolgte man aber die Reaktionen in den Medien und in Teilen der sozialen Medien, kam der gutgemeinte Witz nicht überall an. Da war die Rede von "Frechheit" und "Erniedrigung". Andere sagen wiederum, dass das halt der Stil von Kuntz sei und es niemals böse gemeint war.

Ähnliches erlebte Kuntz schon bei seiner ersten Pressekonferenz als Türkei-Trainer. Er sagte, dass er lachen musste, als er seinen ehemaligen Teamkollegen von Besiktas, Sergen Yalcin, nun als Trainer an der Seitenlinie sah. Yalcin galt als Spieler als Lebemann mit mäßigem Interesse an Training.

Dennoch war er ein hervorragender Fußballer, der mit Kuntz super harmonierte und sich auch gut verstand. Da aber die Übersetzung, dass Kuntz über Yalcin lachen musste, etwas schroff herüberkam, gab es erst Kritik der Medien, die Besiktas nahestehen. Später antwortete auch Yalcin, damals war er noch Trainer von Besiktas, ziemlich genervt und forderte von Kuntz mehr Respekt.

Es gibt sicherlich einfachere Orte für Fußball-Trainer als die Türkei. Allein in dieser Saison gab es bereits 23 (!) Trainerwechsel in der Süper Lig. In der letzten Saison waren es fast 40. Kontinuität und Geduld gehören nicht zu den Fähigkeiten der Entscheider.

Hamit Altintop hat eine Vision mit Stefan Kuntz

So gesehen ist es auch für Kuntz kein leichter Job als Nationaltrainer - schon gar nicht, wenn die Öffentlichkeit kurzfristige Erfolge einfordert und Leistungen nur daran misst. Kuntz' Aufgabe ist jedoch langfristig angelegt. "Wir sprechen über die Strukturen, über die Trainerausbildung, über die Entwicklung der Jugendmannschaften", skizziert Kuntz.

Kuntz ist Dauergast in Riva, dem Herzstück des türkischen Fußballs am Stadtrand von Istanbul. Dort arbeitet er eng mit Altintop zusammen. Kuntz war die Wunschlösung des früheren Fußballprofis. Altintop wollte keinen Trainer, der nur die nächste Teilnahme an einem Turnier als Aufgabe sieht, sondern das große Ganze als Herzensangelegenheit in Angriff nimmt.

Altintop erkannte die Unzufriedenheit von Kuntz, nicht Nachfolger von Joachim Löw als Bundestrainer beim DFB geworden zu sein, und griff zum Hörer. Schon kurze Zeit später saß der zweimalige U21-Europameister-Trainer im Flieger nach Istanbul.

Kuntz' jahrelange Arbeit im Nachwuchs des DFB soll helfen, damit nun auch die Türkei strukturell und konzeptionell wächst - ein langwährender Traum diverser Sportfunktionäre, der aber niemals erfüllt werden konnte. So lebt die Türkei fußballerisch vor sich hin. Erfolgreiche Generationen sind mehr ein Produkt des Zufalls als nachhaltiger Arbeit.

Peters, Kocak und Lichte: Unterstützung aus Deutschland

Mit Kuntz sollt es anders werden und daher kam der Pfälzer auch nicht allein. Aus Deutschland nahm er Jan-Moritz Lichte und Kenan Kocak mit. Gerade Letzterer ist omnipräsent in allen Stadien, hält Kontakt mit den Klubs, mit den Spielern und ist für alle Seiten ein wichtiger Ansprechpartner.

Eigentlich wollte Kocak, der die Trainerausbildung gemeinsam mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco absolvierte, nicht als Co-Trainer arbeiten. Altintop und Kuntz blieben im Werben um ihn aber hartnäckig und überzeugten den früheren Hannoveraner vom Weg zum Verband.

Für die Trainerausbildung, die ein großes Problem im Land darstellt, haben die Türken in Bernhard Peters einen bekannten Ansprechpartner gewonnen. Der frühere Hockey-Bundestrainer und spätere Funktionär in Hamburg und Hoffenheim hält Seminare und dient als wertvoller Berater. Das Trainerteam der U21 verstärkte sich mit Levent Sürme, der vom Nachwuchsleistungszentrum von RB Leipzig gewonnen werden konnte.

Die Türkei erhofft sich vom Input aus Deutschland eine langfristige Entwicklung. Man will gute Trainer ausbilden, um das vorhandene Potenzial in der Jugend optimal auszunutzen. Knapp 25 Prozent der türkischen Bevölkerung ist unter 14 Jahre. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei knapp über zehn Prozent. Die Türkei baute in den letzten Jahren viele Stadien und Trainingseinrichtungen, doch wer soll dort trainieren?

Kuntz soll das WM-Ticket nach Katar lösen

Probleme, bei denen Kuntz helfen soll. Doch er weiß auch, dass all die Bestrebungen öffentlich keine Beachtung finden, wenn die A-Nationalmannschaft ihre Spiele nicht gewinnt. Für viele gehört es auch zum Selbstverständnis, dass sich die Türkei gegen Portugal und wohl danach gegen Italien durchsetzt und zur WM fährt.

Für Kuntz ist es eine Gratwanderung zwischen realistischer Einschätzung der Lage und dem Optimismus, dass es die Türkei nach Katar schafft. "Portugal und Italien belegen in der FIFA-Weltrangliste die Plätze acht und sechs. Wir sind auf dem 39. Platz. Diese Platzierung basiert nicht auf dem Aussehen der Schauspieler, sondern auf der Leistung", sagte Kuntz im Socrates Magazin, fügte aber an: "Wir werden extrem unangenehm für sie sein."

Sollte es gegen Portugal nicht klappen, könnte es allerdings für Kuntz unangenehm werden. Die negative Energie im Fußball-Land Türkei, in dem es derzeit viele Brandherde gibt, die Hälfte der Schiedsrichter gestrichen werden, die Liga keinen TV-Partner für die neue Saison findet und die Großklubs von Krise zu Krise eilen, könnte auch auf die Nationalmannschaft Einfluss haben.

Um seinen Job wird sich Kuntz aber keine Sorgen machen müssen. Mit Altintop hat er den wichtigsten Fürsprecher auf seiner Seite. Und wer weiß: Vielleicht überzeugt das Duo die Türkei dann auch irgendwann von einem langfristigen Weg. Dann lacht man auch über die Witze von Stefan Kuntz.

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