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Fussball

Bloß keine Revolution

Von Fatih Demireli
Gheorghe Hagi war als Spieler u.a. für Barcelona, Real Madrid und Galatasaray aktiv
© Getty

Frank Rijkaard sollte bei Galatasaray eine neue Ära einleiten, den Klub in eine neue Sphäre führen. Doch der Niederländer scheiterte und wurde entlassen. Nachfolger Gheorghe Hagi ist ein Gegenentwurf Rijkaards, aber in der aktuellen Situation wohl der richtige Kandidat für die Gelb-Roten. Hagis erste Aufgabe könnte aber kaum schwieriger sein. Es geht am Sonntag (17.45 Uhr im LIVE-TICKER) zum Derby bei Fenerbahce.

Es ist gar nicht so lange her. Da sprach Adnan Polat von einer Revolution im türkischen Fußball. Vor eineinhalb Jahren saß der Präsident Galatasarays im Pressesaal seines eigenen Fünf-Sterne-Hotels Renaissance Polat Istanbul und stellte den vermeintlichen Revolutionär Frank Rijkaard vor.

Der Niederländer wurde am Mittwoch entlassen. Die Revolution gab es nicht einmal im Ansatz und Adnan Polat sagt auch nichts mehr.

Am Freitag saß diesmal sein Stellvertreter Yigit Sardan auf der Bühne. Neben ihm nahm Rijkaards Nachfolger Gheorghe Hagi Platz. Sardan sprach von keiner Revolution und diesmal wurden die Medienvertreter auch nicht in ein Luxus-Hotel geladen, sondern zur Pressekonferenz am Trainingsgelände. Wenn man von Symbolcharakter sprechen kann, dann hier und jetzt.

Hagi, die Galatasaray-Legende

Von einer Revolution will man bei Galatasaray nichts mehr wissen. "Wir sind ein Sportklub, der Erfolge will. In jedem Wettbewerb, in jedem Spiel, kurzfristig oder langfristig", sagt Sardan. Rijkaard hatte keinen Erfolg - weder national noch international. Nun soll es Hagi richten. "Weil er den Klub kennt wie kein anderer. Weil er einer von uns ist", sagt Sardan.

Der 45-jährige Hagi ist eine lebende Legende bei Galatasaray. Er holte als Spieler vier Meisterschaften in Folge, 2000 war der Rumäne der Leader des Teams, das den UEFA-Pokal im Finale gegen den FC Arsenal holte. Auch ein Jahr später war Hagi dabei, als Real Madrid im Supercup-Finale mit 2:1 besiegt wurde. Die glorreichste Zeit des Klubs.

Kein großer Empfang

Dass sein kurzes Trainerintermezzo bei Galatasaray 2004/2005 nicht ganz so erfolgreich verlief, verzieh man ihm schnell. "Man hat nicht vergessen, was ich in der Türkei auf die Beine gestellt habe", sagt Hagi heute. Das Galatasaray-Umfeld freut sich auf seine Rückkehr, frenetisch gefeiert wurde sie aber nur vom Verein beim klubeigenen TV-Sender.

"Gica" ist bei seiner Ankunft am Istanbuler Flughafen nicht von Fan-Massen empfangen worden, wie man sie von zahlreichen Beispielen ausländischer Stars kennt. Die Trauer bei den Gala-Fans über die Entlassung des allseits beliebten Rijkaard ist immer noch sehr groß. Der Klub wurde nach der Trennung mit wütenden Protesten bedacht - zeitgemäß gab es die Unmutsbekundungen a la "Rijkaard ist weg, wann geht der Vorstand?" per Twitter.

Zwitschern auf Deutsch und Türkisch: Der Türkei-Twitter von SPOX

Hagi sucht den direkten Kontakt

Hagi ist unter diesen Umständen wohl die richtige Wahl, da auch der Rumäne mit viel Kredit seine neue Aufgabe angehen kann. Wie beliebt Hagi immer noch ist, bewies die Pressekonferenz. Jeder Journalist hieß Hagi erst einmal herzlich willkommen. Ein junger Reporter sprach ihn sogar mit "Hagi'm" (zu Deutsch: mein Hagi) an.

Auch die Galatasaray-Profis nehmen den Wechsel wohlwollend an. Das Verhältnis der Spieler zum distanzierten Rijkaard galt zuletzt als zerrüttet. Abwehrspieler Servet Cetin war Rijkaards größter Widersacher. Auch Hakan Balta, Elano und selbst Arda Turan galten als Rijkaard-Gegner.

Sabotage-Vorwurf des Dolmetschers

"Beim Spiel gegen Ankaragücü haben ein paar Spieler ihre Mannschaft sabotiert, damit Rijkaard geht", schimpfte Rijkaards Dolmetscher Mustafa Yücedag beim TV-Sender "NTV Spor". Namen nannte er nicht, er gab aber Hinweise auf den Mannschaftsteil: "Drei der vier Gegentore waren fast identisch" - ein Wink an die Abwehr.

Spieler wie Elano spielten unter Rijkaard keine Rolle mehr und sehnten die Winterpause herbei, um wechseln zu können. Dass Hagi bei seinem ersten Training das erste Gespräch mit dem Brasilianer suchte und dass sich Elano daraufhin richtig reinhängte, darf als Einleitung der neuen Ära bei Galatasaray gelten.

Keine Kompromisse

Mit Samthandschuhen wird Hagi seine Mannschaft aber nicht anfassen. Dafür ist der neue Chefcoach viel zu sehr von seinem Ex-Trainer Fatih Terim geprägt, der wie Hagi den nicht ironisch gemeinten Beinamen "Imperator" trägt. Kompromisse wird Hagi kaum eingehen.

Das gilt auch für den neuen Co-Trainer Tugay Kerimoglu, der ebenfalls als Spieler große Erfolge mit Galatasaray feierte, seit jeher Publikumsliebling ist und zuletzt als Nachwuchskoordinator arbeitete. Der frühere England-Profi hatte ein gutes Verhältnis zu Rijkaard, erkannte auch die Strömungen innerhalb der Mannschaft.

Umzug in die neue Arena

Auch Kerimoglu soll der Trainerposten angeboten worden sein, doch der Blondschopf lehnte ab. Bei der Pressekonferenz, bei der er auch zugegen war, ließ Tugay keine Fragen zu. Möglicherweise wird es zur Winterpause einen Schnitt innerhalb des Kaders geben. Bis zum Umzug in die neue Türk-Telekom-Arena im Januar wird das Duo versuchen zu retten, was es noch zu retten gibt.

"Wer mich kennt, weiß, dass ich Disziplin verlange. Hagi heißt arbeiten. Wir werden arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten", kündigt der neue Coach an. Vor dem Derby gegen Fenerbahce muss Hagi aber vor allem viele Gespräche suchen.

"An der Physis wird er in den zwei Tagen, die er hat, sicherlich nichts verbessern können. Aber Hagi ist jetzt vor allem als Psychologe gefragt", sagt Vizepräsident Mehmet Helvaci.

Galatasaray ist seit zehn Jahren sieglos bei Fenerbahce, erlebte historische Debakel wie ein 0:6 oder ein 0:4. "Fenerbahce ist ein großer Klub und sie sind gut drauf, aber Leute, wir sind Galatasaray", sagt Hagi.

Klingt nicht Revolutionär, aber das will ja keiner.

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