Fussball

Die "Rivaldo-Saison" bei Deportivo La Coruna: Als Sündenbock gekommen, als Legende gegangen

Von Oliver Maywurm
Rivaldos Weltkarriere startete bei Deportivo La Coruna.

Bei Olympia 1996 versagt Rivaldo und wird in Brasilien als Sündenbock abgestempelt. Doch kurz darauf läutet ein Wechsel seine Weltkarriere ein.

Wer heute, weit mehr als 20 Jahre später, einen Fan von Deportivo La Coruna nach der Spielzeit 1996/97 fragt, kann wahrscheinlich gar nicht so schnell schauen, wie er eine kurze, aber doch prägnante Antwort bekommt: "Die Rivaldo-Saison", wird er sagen und sich dabei erinnern an den magischen linken Fuß des Brasilianers, der ihnen damals so viel Freude bereitete. Er blieb zwar nur ein Jahr, ehe er weiterzog und sich in Barcelona sogar zum Weltfußballer mauserte. Und doch ist er dort, im äußersten Nordwesten Spaniens, unvergessen.

Dabei war Rivaldos Wechsel zu Depor eigentlich so etwas wie eine Flucht. Eine Flucht vor den Schmähungen in der Heimat. "Ich habe immer noch traurige Erinnerungen an diese Zeit", sagte der Spielmacher später einmal. "Aber sie half mir auch, die Motivation zu finden, um zu beweisen, dass die Kritik an mir nicht gerechtfertigt war."

Rivaldo, der zwei Jahre zuvor die erfolgreiche WM 1994 verpasst hatte, weil Brasiliens damaliger Coach Carlos Alberto Parreira im Mittelfeld lieber auf Arbeiter statt auf Künstler setzte, war vor Olympia 1996 der große Hoffnungsträger der Selecao. Bei Palmeiras hatte er in den beiden vorangegangenen Jahren an der Seite von Spielern wie Cafu, Roberto Carlos oder Edmundo untermauert, was ihn zuvor bei Corinthians zweimal in Folge zu Brasiliens Fußballer des Jahres gemacht hatte.

Mario Zagallo, der Parreira nach der WM 1994 als Coach der Selecao abgelöst hatte, machte Rivaldo für die Sommerspiele in Atlanta zu seiner Nummer 10, er sollte die beiden Superstürmer Ronaldo und Bebeto mit Vorlagen füttern. Doch Rivaldo enttäuschte schon in der Gruppenphase, auch beim Viertelfinalerfolg über Ghana blieb er blass.

Rivaldo nach Olympia 1996: Sündenbock in Brasilien

Und dann kam das Halbfinale gegen Nigeria. Zagallo setzte den zuvor schwachen Rivaldo auf die Bank, brachte ihn in der 67. Minute beim Stand von 3:1 für Brasilien für Juninho Paulista - und die Südamerikaner verloren das Spiel gegen den späteren Olympiasieger noch mit 3:4 nach Verlängerung. Der Traum von Gold war geplatzt und am Zuckerhut gab es in den Zeitungen nur ein Gesicht dafür: Das von Rivaldo. Er wurde zum Sündenbock auserkoren, hatte einige Chancen zur endgültigen Entscheidung vergeben und sich zu allem Überfluss auch noch einen leichten Ballverlust geleistet, der Nigerias Treffer zum 2:3 und damit die Wende einläutete.

Das Gute an dem Fiasko: In Brasilien als Persona non grata verschrien, fiel es Rivaldo, immerhin bereits 24 und kein ganz junges Talent mehr, nun leichter, den Wechsel nach Europa zu wagen. Vor den Olympischen Spielen hatte er kurz davor gestanden, beim AC Parma anzuheuern. Die Italiener hatten seinerzeit gerade Carlo Ancelotti als neuen Trainer geholt, verfügten über ein großes Team um den jungen Gianluigi Buffon, um Fabio Cannavaro, Lilian Thuram, Dino Baggio oder Gianfranco Zola.

Doch nach Olympia sagte Rivaldo Parma dann doch noch ab und wählte stattdessen Spanien. Aber nicht Real, Barca, Atletico oder Valencia, sondern La Coruna. Die Galizier hatten gerade ihren Topstar Bebeto abgegeben, dem in vier Jahren 100 Tore für den Klub gelungen waren.

Um dem Team neuen Samba-Flair zu verleihen, hatte Depor aber eigentlich drei andere Brasilianer auf dem Zettel: Savio, der jedoch noch ein Jahr bei Flamengo blieb und 1997 dann zu Real Madrid wechselte. Amaral, der anstelle von Rivaldo zu Parma ging. Und Giovanni, den sich letztlich dann aber Barca schnappte. Rivaldo war für La Corunas damaligen Präsidenten Augusto Cesar Lendoiro also eigentlich nur die Nummer vier, eine Notlösung.

Für Rivaldo selbst war es indes ein Transfer mit viel Bedacht. Seine Nationalelfkollegen Bebeto und Mauro Silva, der weiter für Depor spielte, hatten ihm dazu geraten: "Sie haben mir so viel Positives über die Stadt und die Fans erzählt, dass ich mich sehr freue, hier zu spielen", sagte Rivaldo.

Rivaldo ärgert gleich mal den Meister

Immerhin zwölf Millionen Euro überwiesen die Spanier für ihn an Palmeiras, bis heute ist er einer der teuersten Neuzugänge der Vereinsgeschichte. 6.000 Fans kamen zu seiner Vorstellung, bei der Präsident Lendoiro nicht ohne Trotz sagte, Rivaldo sei "besser als Barcelonas Giovanni."

Der Neue aus Brasilien sollte die Erwartungen sogar weit übertreffen. Von Anfang an war er gesetzt, spielte einen Mix aus Achter und Zehner, genoss dabei viele Freiheiten. Am 3. Spieltag, auswärts beim amtierenden Meister Atletico, hatte Rivaldo seinen ersten ganz großen Auftritt. Er wirbelte die Colchoneros mit seiner engen Ballführung durcheinander, verteilte die Bälle mit einer unglaublichen Leichtigkeit - und markierte auch seinen allerersten Treffer für Depor. Einen langen Ball spitzelte er geschickt am herausstürmenden Keeper vorbei, netzte dann mühelos ein. Es war das Führungstor, Depor siegte am Ende mit 2:0 in Madrid.

Nach zuvor zwei Unentschieden war das der Startschuss in eine überragende Saison, in der Depor erst am 18. Spieltag gegen Barca seine erste Niederlage kassierte. Im kompletten zweiten Halbjahr 1996 war man ungeschlagen geblieben, lag zum Jahreswechsel nur zwei Punkte hinter Spitzenreiter Real und durfte von der ersten Meisterschaft überhaupt träumen.

Rivaldo war der herausragende Mann in einer Mannschaft, in der hinten der Jugoslawe Miroslav Djukic und der Marokkaner Noureddine Naybet die Abwehr organisierten, in der Rivaldos Landsmänner Mauro Silva und Donato ihm im defensiven Mittelfeld den Rücken frei hielten. Rivaldo durfte zaubern, durfte kreativ sein. Und verstand es, all das auch mit Effektivität zu verbinden.

21 Tore erzielte er für La Coruna in 41 LaLiga-Einsätzen, kam damit als Mittelfeldmann sogar knapp an die 25 Treffer heran, die Mittelstürmer Bebeto im Jahr zuvor geglückt waren. Er führte Depor nach Rang neun im Vorjahr nun auf Platz drei. Und konnte auch abseits des Platzes gefallen, weil er anders als viele seiner brasilianischen Landsmänner bescheiden und demütig auftrat, weil er auf den Sport statt auf das Nachtleben fokussiert war.

Rivaldo: "Aber meine Art ist das nicht"

"Als ich nach Spanien kam, dachten die Leute, ich würde ständig in die Heimat fliegen, die Nächte durchfeiern und disziplinlos sein", sagte Rivaldo mal. "Das mag bei anderen Spielern so gewesen sein, aber meine Art ist das nicht. Ihr werdet mich nie mit irgendwelchen Glamour-Frauen sehen, ich bin lieber mit meiner Familie. Inzwischen wissen sie alle, wer Rivaldo ist und dass ich meine Verantwortung ernst nehme."

Für Depors Fans ist Rivaldo bis heute eine Ikone. Sie werden traurig sein, dass er nur ein Jahr blieb. Aber zu halten war er nach dieser herausragenden Spielzeit ohnehin kaum. Barcelona kam im Sommer 1997 um die Ecke, legte rund 23,5 Millionen Euro auf den Tisch. Damit ist Rivaldo immer noch der zweitteuerste Abgang in La Corunas Geschichte.

Bei Barca sollte er in noch höhere Sphären vordringen, wurde 1999 zum Weltfußballer gewählt, stand mit Brasilien zweimal im WM-Finale und krönte sich 2002 dabei zum Weltmeister. Rivaldo ist einer der filigransten Spielmacher, die der Fußball je gesehen hat. Und so richtig begonnen hat seine Weltkarriere in La Coruna. Dort, wo er eigentlich nur als Notlösung hinkam. Wo er Zuflucht fand vor den Anfeindungen in der Heimat. Vom Sündenbock zur Legende.

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