Lazar Samardzic von Udinese Calcio im Interview: "Ich weiß, dass es für Julian Nagelsmann sehr schwer war"

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Wie haben Sie Nagelsmann als Typ wahrgenommen?

Samardzic: Er hat viele Dinge deutlich anders gemacht, als ich es bis dahin kannte. Herausgestochen ist, dass er uns im Training viel mehr Aufgaben gestellt hat, bei denen man den Kopf anstrengen musste. Er hat mit Farben gearbeitet, extrem auf die Kontaktanzahl geachtet - generell ging es sehr häufig darum, im Kopf schnell zu sein. Das hat ihn ausgezeichnet. Auch waren die Übungen perfekt an den Gegner angepasst. Man erkannte schnell, dass alles einen Sinn ergab. Er bringt einfach alle Fähigkeiten mit, die man als Trainer braucht.

Glauben Sie, dass ihm in München der Umgang mit den großen Stars Probleme bereiten könnte?

Samardzic: Auf keinen Fall. Er hat ein sehr enges Verhältnis zu den Spielern und sucht immer den Austausch. Er ist noch sehr jung. Das macht es sicherlich einfacher, mit den Spielern auf Augenhöhe zu sprechen.

Nagelsmann hat einmal - nachdem er Sie außerdem ausgiebig gelobt hatte - über sie gesagt: "Ihm fehlt der Punch, das Entscheidungs-Gen, die Männlichkeit, um sich in der Bundesliga richtig durchzusetzen. Er muss flinker und aktiver in seinem Laufverhalten werden." Konnten Sie diese Aussage nachvollziehen?

Samardzic: Wenn ich mich heute mit der Zeit in Leipzig vergleiche, gibt es einen deutlichen Unterschied. Vielleicht war ich damals auch noch nicht so bereit und fit, wie ich es mittlerweile bin. Deshalb kann ich das nachvollziehen. Ich musste noch an mir arbeiten und muss es auch immer noch. Ich sehe meine Qualitäten eindeutig auf der Zehn am besten aufgehoben, um meine Kreativität ins Spiel einzubringen, aber auch aufgrund meiner Abschlussstärke. Spätestens in Italien habe ich aber gelernt, alle möglichen Positionen im Mittelfeld zu spielen, ob Sechser, Achter oder auch im rechten Mittelfeld. Meine Stärken liegen zwar in der Offensive, aber auch in der Defensive habe ich mich verbessert.

Samardzic traf in der aktuellen Saison unter anderem beim klaren Sieg gegen die Roma.
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Samardzic traf in der aktuellen Saison unter anderem beim klaren Sieg gegen die Roma.

Samardzic: Leipzig "wollte die Konkurrenz nicht stärken"

Seit 2021 stehen Sie bei Udinese Calcio unter Vertrag, drei Millionen Euro zahlte der Klub an Leipzig. Bei RB konnte man Ihnen nicht die Spielzeit versprechen, die Sie in Ihrem Alter benötigen. Warum wurde es schließlich Udine?

Samardzic: Leipzig wollte mich ungern zu einem anderen Verein in der Bundesliga abgeben, um die Konkurrenz nicht zu stärken. Da ich auch einige Anfragen aus dem Ausland hatte, war das für mich kein Problem. Udine wollte mich unbedingt haben. Sie bewegen sich meist im Mittelfeld der Serie-A-Tabelle. Ich kann also ohne allzu viel Druck spielen und mich weiterentwickeln. Deshalb dachte ich, dass der Verein perfekt zu mir passt, weil ich die Möglichkeit habe, viel mehr zu spielen. Es war bisher leider nicht viel mehr als in Leipzig, aber zumindest ein wenig.

Bei Ihrer ersten Einwechslung im September 2021 gegen Spezia Calcio erzielten Sie direkt das Siegtor, im ersten Jahr kamen Sie auf 22 Spiele, meist als Einwechselspieler.

Samardzic: Es war so abgesprochen, dass das erste Jahr vor allem der Eingewöhnung dienen soll. Jetzt erhoffe ich mir, dass die Spielzeit deutlich mehr wird, weil ich dazu bereit bin. Bereits am Ende der vergangenen Saison wurde ich regelmäßiger eingesetzt. Ich habe im Training gemerkt, dass ich mich steigern konnte und habe auch vom Trainer die Rückmeldung bekommen, dass ich es verdient habe, mehr zu spielen.

Der Vertrag von Cheftrainer Gabriele Cioffi wurde nach der abgelaufenen Saison nicht verlängert, mit Andrea Sottil hat ein ehemaliger Udine-Spieler übernommen. Ungünstig für Sie, weil Sie sich unter Cioffi gerade in der Rangordnung nach vorne gearbeitet hatten?

Samardzic: Das ist im Fußball ja nichts Ungewöhnliches, dass es personelle Veränderungen gibt. Ich habe immer noch das Gefühl, dass dieses Jahr deutlich besser als das letzte wird. Ich habe zuletzt gegen die Roma mein erstes Spiel von Anfang an nach längerer Zeit gemacht, habe getroffen, wir haben 4:0 gewonnen - dann darf man auch mal mit sich zufrieden sein. Auch gegen Sassuolo konnte ich nach meiner Einwechslung kurz vor Schluss einen wichtigen Treffer erzielen. Das Selbstvertrauen aus diesen Spielen nehme ich mit in die kommenden Wochen.

DFB-Zukunft: "Habe noch Zeit für endgültige Entscheidung"

Wie würden Sie Udinese Calcio charakterisieren?

Samardzic: Der Verein wird sehr familiär geführt, jeder kennt jeden. Es ist sehr einfach, hier zu arbeiten, weil dir wirklich alles geboten wird. Was wirklich krass ist: Du bekommst rund um die Uhr etwas zu essen, was auch immer du willst - morgens, mittags, abends. In Leipzig war das auch schon ähnlich, aber in Italien ist das eigentlich nicht üblich. Was das Sportliche angeht, ist die Philosophie darauf ausgelegt, selbst aktiv Fußball zu spielen. Mit Gerard Deulofeu und Roberto Pereyra, die früher bei Barca und Juve waren, sind einige große Namen dabei. Deshalb wird auch ein Platz im internationalen Wettbewerb angepeilt. Es gibt aber kein konkretes Ziel, das ergibt sich im Laufe der Saison.

Wie groß war der Schritt nach Italien für Sie?

Samardzic: Ich war bereits in Leipzig ein Jahr allein, aber natürlich war der Wechsel zu Udine in dieser Hinsicht nochmal eine andere Hausnummer - anderes Land, andere Sprache. Meine Familie und Freundin haben mich oft besucht und das Ankommen für mich erleichtert. Auch meine Mitspieler sind eine große Hilfe. Ich habe serbische Wurzeln, hier gibt es viele Spieler vom Balkan und mit Tolgay Arslan auch einen Deutschen.

Für den DFB sind Sie bereits in der U16, U17 und U20 aufgelaufen, im Juni haben Sie Ihr Debüt für die U21 in der EM-Qualifikation gegeben und auch dort direkt gegen Ungarn getroffen. Wie sehen Sie dort Ihre Rolle?

Samardzic: Natürlich habe ich die Hoffnung, 2023 bei der EM dabei zu sein. Ich freue mich über jeden Einsatz für Deutschland. Im Vorjahr hatte ich mich mit U21-Trainer Antonio Di Salvo ausgetauscht. Er meinte, dass es schwierig für ihn ist, mich einzuladen, wenn ich nicht regelmäßig im Verein spiele. Deshalb war ich erstmal nur bei der U20, damit die Trainer dennoch meine Entwicklung verfolgen können. Dort habe ich überzeugt, wurde für den nächsten U21-Lehrgang auf Abruf nominiert und durfte aufgrund von Verletzungen einspringen.

Der serbische Verband soll immer mal wieder bei Ihrem Vater nachgefragt haben, ob Sie sich einen Verbandswechsel vorstellen können. Wie ist der Stand?

Samardzic: Damit habe ich mich kaum beschäftigt. Ich weiß, dass die Anfragen da sind, aber habe klar gesagt, dass ich auf Deutschland fokussiert bin. Ich habe noch Zeit, eine endgültige Entscheidung zu treffen, erst einmal gelten meine Gedanken nur dem DFB. Ich bin stolz darauf, für das deutsche Team zu spielen, aber natürlich bin ich auch stolz auf meine Wurzeln und da meine Familie aus Serbien kommt, fühle ich mich selbstverständlich auch als Serbe."

Lazar Samardzic Leistungsdaten in Berlin, Leipzig und Udine

VereinSpieleToreVorlagenMinuten
Udinese Calcio3143858
RB Leipzig9-1245
Hertha BSC3--32
Hertha BSC U19171591.483
Hertha BSC U174040143.265
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