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Fussball

Moustapha Cisse: Vom achtklassigen Flüchtlingsklub zum Serie-A-Helden in vier Wochen

Von Andreas Königl
Moustapha Cisse stieg bei Atalanta Bergamo binnen kurzer Zeit zum Helden auf.

Moustapha Cisse flüchtet als Waise nach Italien. Innerhalb von 27 Tagen wird er dann vom achtklassigen Flüchtlingsklub zum Serie-A-Helden.

Merih Demiral ballt seine rechte Faust und schreit seine Freude in den Nachthimmel von Bologna. Auf seiner linken Schulter sitzt ein junger Mann, der sich feiern lässt und aus dem Grinsen gar nicht mehr herauskommt. Doch Atalanta hat nicht etwa gerade die Meisterschaft gewonnen, sondern ein gewöhnliches Spiel in der Serie A.

Gewöhnlich? Nein, denn gewöhnlich ist an diesem lauen Samstagabend im Stadio Renato Dall'Ara gar nichts.

Der Torschütze zum goldenen 1:0-Siegtreffer hört auf den Namen Moustapha Cisse - kennen Sie nicht? Macht nichts, denn die meisten Atalanta-Fans dürften jenen Namen auch zum ersten Mal gehört haben, kickte der 18-Jährige vier Wochen zuvor schließlich noch in der achten Liga. Eine Geschichte, wie sie eben nur der Fußball schreibt. Doch der Reihe nach...

Moustapha Cisse: Eine Reihe familiärer Tragödien

Der kleine Moustapha erblickt am 14. September 2003 das Licht der Welt und wächst in Guinea auf, doch "nach einer Reihe familiärer Tragödien - einschließlich des Todes seines Vaters - brach Moustapha die Schule ab und verließ Guinea auf der Suche nach einem besseren Leben", sagt Antonio Palma, Präsident von ASD Rinascita Refugees, der Gazzetta dello Sport.

Rinascita Refugees ist jener Verein, bei dem Cisse nach seiner Flucht als Waise über das Mittelmeer im Alter von 16 Jahren landet, "orientierungslos, verängstigt." Eine achtklassige Mannschaft auf der apulischen Halbinsel Salento für geflüchtete Erwachsene und Minderjährige, die vom 'Siproimi'-Projekt (Schutzsystem für Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz und für unbegleitete ausländische Minderjährige) betreut werden.

Wie es der Zufall so will, wird Cisse dann am 22. Februar diesen Jahres bei einem Benefizspiel gegen die US Lecce von den Atalanta-Scouts entdeckt und kurzerhand für die U19 in der Primavera-Liga verpflichtet.

"Ich dachte erst, sie machen einen Scherz. Meine Freunde und ich haben eigentlich einfach nur zum Spass Fußball gespielt", erklärt Cisse auf dem offiziellen YouTube-Channel von Atalanta. "Ich wurde zu einem Test nach Bergamo eingeladen und nun bin ich hier bei Atalanta. Ich habe keine Worte, um das zu beschreiben."

Fünf Tage nach seiner Verpflichtung schießt er sein neues Team direkt mit einem Doppelpack zu einem 3:1-Sieg gegen die U19 der AC Milan, zwei Wochen später gewinnt Atalanta dank Cisse mit 1:0 gegen Napolis U19.

Eine beeindruckende Treffsicherheit, die auch Profi-Coach Gian Piero Gasperini nicht verborgen bleibt. Und nachdem fast alle Stürmer im Profi-Kader verletzt sind, nominiert er ihn kurzerhand für die Partie in Bologna am 20. März.

Moustapha Cisse: Aus dem Nichts zum Serie-A-Torschützen

"Er trainiert jetzt seit einer Weile mit uns, aber wenn alle Stürmer verfügbar gewesen wären, wäre er wahrscheinlich gar nicht mit nach Bologna gekommen", wird Co-Trainer Tullio Gritti nach dem Spiel auf der Webseite des Klubs zitiert: "Aber das ist der Beweis dafür, dass immer etwas Gutes verborgen ist und man es nur hervorbringen muss."

Diese Gute bringt der Trainer schließlich in der 65. Minute hervor, als Cisse für Luis Muriel eingewechselt wird, nur um 17 Minuten später frei vor dem gegnerischen Keeper eiskalt sein erstes Tor in der Serie A zu erzielen. "Ein Geniestreich von Gasperini, der zuvor sagte, dass der Junge eine Menge Qualität hat. Vor allem seine Schussgenauigkeit", weiß Gritti.

"Ich habe all meine Emotionen ausgeblendet, um das Beste daraus zu machen. Ich habe alles gegeben", beschreibt der überglückliche Torschütze die Situation vor dem Treffer: "Jetzt habe ich in der Serie A getroffen, aber das ist erst der Anfang und ich werde weiter hart arbeiten."

Wenn Cisse in diesem Tempo weitermacht, steht einer steilen Bilderbuchkarriere nichts im Weg - zumal er "neben seinen tollen fußballerischen Qualitäten auch ein außergewöhnlicher Junge" ist, schwärmt Gritti: "Er kam nach Bergamo, trainierte mit uns, ist exzellent ausgebildet, auch wenn sein Leben bisher nicht einfach war. Aber er ist eine wundervolle Person mit großem Willen zu lernen."

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