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Fussball

"Sie nannten mich Lucky": Wie Luciano Moggi und sein System Juventus ein Jahr in der Serie B bescherten

"Sie nannten mich Lucky": Luciano Moggi, dessen Machenschaften 2006 den größten Skandal des italienischen Fußballs auslösten.

Wenige Wochen, bevor Italien 2006 in Deutschland Weltmeister wurde, erschütterte ein gewaltiger Manipulationsskandal den Calcio, infolgedessen Juventus absteigen musste. Mittendrin: Luciano Moggi, der später wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung verurteilt wurde, aber nie ins Gefängnis musste. Eine Netflix-Doku beleuchtet den unfassbaren Skandal.

Und dann sitzt Luciano Moggi höchstselbst vor der Kamera, zündet sich eine Zigarre an, lächelt kurz sein legendäres Charles-Montgomery-Burns-Lächeln und sagt ohne mit der Wimper zu zucken: "Die Leute nannten mich nicht 'Lucky Luciano'. Sie nannten mich Lucky. Und Glück hat man nicht einfach so. Das Glück muss man suchen."

Auf die Unterscheidung im ersten Teil der Aussage legt der Mann, dessen Machenschaften den Calcio 2006 in seinen Grundfesten erschüttern ließen und dem italienischen Rekordmeister Juventus ein Jahr in der zweiten Liga bescherten, wert. Mit einiger Berechtigung. Der Fall des Lucky Moggi ist tatsächlich einzigartig. Und: Im Gegensatz zum legendären Mobster Charles Lucky Luciano wurde nur der frühere Juventus-Sportdirektor Luciano Moggi rechtskräftig wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung verurteilt.

Lucky Luciano, in den 1930er-Jahren immerhin der Boss aller Bosse der New Yorker Mafia, kriegten die Richter einst dagegen "nur" wegen Prostitution und Mädchenhandel dran. Doch Lucky Luciano musste für seine Vergehen in den Knast. Moggi saß von den fünf Jahren und vier Monaten, zu denen er erstinstanzlich verurteilt wurde, exakt null Tage ab. Weil er unschuldig war, wie er sagt?

Weil das italienische Justizsystem so grotesk langsam arbeitet, dass Haftbefehle regelmäßig wegen zwischenzeitlicher Verjährung letztinstanzlich ausgesetzt werden müssen! Lucky Moggi. "Die Existenz einer kriminellen Vereinigung mit dem Zweck, die Ergebnisse der Spiele zu beeinflussen, ist bewiesen", sagte Staatsanwalt Gabriele Mazzotta vor dem Urteil 2015. "Das Urteil stellt definitiv fest, dass die italienische Meisterschaft von einer kriminellen Organisation beeinflusst wurde", urteilte der Corriere della Sera damals.

Juventus: 29 von 38 Spiele der Saison 2004/2005 verfälscht

Die Auftritte von Moggi in der dem italienischen Fußball-Skandal Calciopoli gewidmeten Episode der True-Crime-Serie "Unsportlich" auf Netflix brennen sich ins Gedächtnis ein. Weniger, weil die Macher Moggi dazu gebracht haben, vor die Kamera zu treten. Schon gar nicht, weil Moggi auch nur ein Fünkchen zur Wahrheitsfindung beizutragen hätte. Sondern weil sie den einst mächtigsten Strippenzieher des italienischen Fußballs, der es unter anderem geschafft hat, 29 von 38 Spielen von Juventus in der Serie-A-Saison 2004/2005 zu verfälschen, einfach machen lassen.

So dürfen wir dabei zusehen, wie Moggi in einer Kirche Kerzen anzündet und über seinen einzigen Richter Jesus Christus schwadroniert. Wie er über seine Selbstmordgedanken spricht, nachdem der Skandal ins Rollen kam, wie er die Existenz eines "System Moggi" leugnet, weil ja schließlich "alle" gemacht hätten, was ihm vorgeworfen wurde. Moggi inszeniert sich in der Doku als perfektes Opfer.

Doch wo die fehlende redaktionelle Einordnung sonst oft problematisch ist, ist sie hier eine der größten Stärken dieser großartigen Sport-Dokumentation. Je mehr Tränen Moggi vergießt, je mehr er jammert, desto mehr entlarvt sich der einst mächtigste Strippenzieher des italienischen Fußballs selbst und desto trauriger ist die Figur, die er abgibt.

Juve-Boss Moggi wünscht sich Gelbe Karten

Wir sehen Moggi jammern. Wir sehen und hören aber auch:

  • herrlich kettenrauchende neapolitanische Staatsanwälte, die detailliert darüber berichten, wie sie nach ersten Hinweisen aus dem Camorra-Milieu (!), dass da was ganz gewaltig schief laufe im Calcio, ihre Ermittlungen starten und nach einer jahrelangen Dauerüberwachung Moggis den Paten des italienischen Fußballs endlich zur Strecke bringen.
  • Moggis Stimme in einem abgehörten Telefonat mit dem obersten Schiedsrichter-Ansetzer Italiens, in dem der Juve-Boss über die idealen Schiedsrichter für die Spiele eines bestimmten Spieltags in der Serie A referiert und wie dann bei der folgenden Auslosung der Schiedsrichter - lucky, lucky - zufällig Moggis Favoriten gezogen werden - bei allen neun Spielen.
  • Moggis Stimme in einem anderen Telefonat mit einem anderen Schiedsrichter, wie er sich bei einem Spiel des FC Bologna gegen die Fiorentina "Gelbe Karten für Bologna" wünscht. Prompt muss Bologna am kommenden Spieltag auf drei gelbgesperrte Verteidiger verzichten. Bologna spielt da gegen Juventus - und verliert 0:3.
  • Die Geschichte des damaligen Spitzenschiedsrichters Gianluca Paparesta, der nach zwei knappen, aber jeweils richtigen Entscheidungen gegen Juventus bei einer einigermaßen peinlichen 1:2-Niederlage gegen Reggina von einem der einflussreichsten italienischen Talkmaster (und zufälligerweise Kumpel Moggis) im TV derart fertig gemacht wird, dass er vom Verband für eine gewisse Zeit nicht mehr für große Spiele eingeteilt wird.

Das alles sind nur Beispiele für das System Moggi, das dank mehr als 171.000 abgehörten Telefonaten zwischen Moggi und seinen Komplizen ans Licht kam.

Moggi verwendete sechs Handys und 300 SIM-Karten

"Ich habe nie verlangt, mich ein Spiel gewinnen zu lassen", beteuert Moggi, der nebenbei erwähnt nicht nur ein leidenschaftlicher Telefonierer und begnadeter Strippenzieher, sondern auch ein wirklich großartiger Spielerentdecker und Kaderplaner war und zuvor unter anderem für Lazio Rom und den SSC Neapel Diego Maradonas arbeitete, in der Netflix-Dokumentation. Wie zuvor auch schon jahrelang vor Gericht. Tatsächlich gehört das zu den wenigen Dingen, die ihm nie vorgeworfen wurden. Das System Moggi, das nach Moggis Überzeugung ein System des gesamten damaligen Calcios war (in der Tat waren neben willfährigen Schiedsrichtern in weit geringerem Maße unter anderem auch Funktionäre des AC Milan, Lazio Rom und des AC Florenz beteiligt), ging subtiler vor und fußte - nach Überzeugung von Staatsanwälten und Richtern - auf drei Säulen:

  1. Wann immer möglich Schiedsrichter nicht nur für die Spiele der eigenen Mannschaft selbst aussuchen oder zumindest die Ansetzung beeinflussen.
  2. Schiedsrichter, die sich dem System widersetzen oder gegen Juventus pfiffen, öffentlich durch den Dreck ziehen lassen.
  3. Dafür sorgen, dass die Gegner geschwächt in die Spiele gegen Juventus gehen müssen.

Mindestens sechs Handys und 300 SIM-Karten soll Dauertelefonierer Moggi in jener Zeit benutzt haben, um sein manipulatives System am Laufen zu halten. Die Anklage umfasste am Ende 2400 Seiten und mehr als 10.000 Beweisstücke.

Es wären noch mehr gewesen, wenn unter anderem die Gazzetta dello Sport und La Repubblica im Mai 2006 nicht Wind von den bereits beinahe drei Jahre laufenden geheimen Ermittlungen bekommen und die Bombe platzen gelassen hätten.

Juventus verlor zwei Meistertitel, Punktabzüge auch für Milan

Wenige Wochen, bevor die Squadra Azzurra im Finale von Berlin gegen Frankreich - im Finale stehen neun Spieler von Juventus auf dem Platz - schließlich Weltmeister wurde und diesen italienischen Sommer 2006 endgültig grotesk werden ließ, versank der an Skandale durchaus gewöhnte Calcio in seinem größten Skandal.

Juventus wurden die Meisterschaften der - ohne Kenntnis von Spieler und Trainer - nachweislich manipulierten Spielzeiten 2004/2005 und 2005/2006 aberkannt. Der Rekordmeister musste zudem in die Serie B zwangsabsteigen, Stars wie Liliam Thuram, Paolo Cannavaro und Zlatan Ibrahimovic verließen den Klub oder gleich Italien, während Gigi Buffon oder Alessandro del Piero mit in die zweite Liga gingen und sich bei den Fans unsterblich machten. Milan, Lazio und Florenz starteten mit Punktabzügen in die nächste Saison.

Und Moggi, dem durch die Enthüllungen "die Seele getötet" wurde? Trat zurück, erhielt lebenslanges Berufsverbot als Sportfunktionär, wurde angeklagt, verurteilt und schließlich wie erwähnt wegen Verjährung freigesprochen. Heute erklärt er beim TV-Sender Sportitalia dem Publikum wieder den großen Calcio. Als ob nie etwas gewesen wäre.

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