Fussball

"Es ging um Leben und Tod": Als Zlatan Ibrahimovic sich im Training prügelte - und eine Rippe brach

Von Dennis Melzer
Zlatan Ibrahimovic spielte zwischen 2010 und 2012 zum ersten Mal für Milan.

Zlatan Ibrahimovic fühlte sich von Milan-Mitspieler Oguchi Onyewu provoziert. Eine handfeste Trainingsschlägerei endete schmerzhaft für den Schweden.
 

Zlatan Ibrahimovic hatte damals, im Herbst 2010, eine düstere Vorahnung. Er spürte, dass "etwas Ernstes" passieren würde. So schreibt er es in seiner berüchtigten Autobiografie mit dem prägnanten Namen "Ich bin Zlatan." Was ihn zu dieser Prophezeiung veranlasste, verriet er nicht - aber er sollte Recht behalten.

"Ich bekam Ärger mit einem Burschen in der Mannschaft. Er hieß Oguchi Onyewu. Er war Amerikaner und so groß wie ein Haus." Als netter Kerl soll dieser charakterisiert worden sein, aber den Schweden habe sein damaliger Teamkollege bei der AC Mailand immer "an einen Schwergewichtsboxer" erinnert.

Zlatan Ibrahimovic: Onyewu? "Er konnte mich nicht ertragen"

An die zwei Meter groß und nahezu hundert Kilo schwer sei der Abwehrspieler gewesen, der vor seinem ablösefreien Wechsel zu den Rossoneri in Belgien für Furore gesorgt hatte und in seinem Heimatland als bester Fußballer des Jahres 2006 ausgezeichnet worden war. "Er konnte mich nicht ertragen. Er wollte mir ans Leder", schreibt Ibra, ehe er dazu ansetzt, den Beginn des Disputs zu schildern.

"Ich bin nicht wie die anderen Verteidiger", soll Onyewu demnach gesagt haben. "Ich lasse mich nicht einschüchtern von deinem Gelaber, von deinem Mundwerk, das die ganze Zeit nicht stillsteht. Ich habe dich in Spielen gesehen, du provozierst die ganze Zeit", so die weiteren Vorwürfe, mit denen der damals 28-Jährige seinen Mitspieler Ibrahimovic konfrontiert habe. Das habe den Star-Angreifer geärgert. "Nicht nur, weil ich alle Verteidiger satthabe, die provozieren wollen. Ich bin auch keiner, der redet. Ich zahle auf dem Spielfeld zurück."

Bereits bevor er auf Onyewu traf, sei Ibrahimovic auf dem Platz regelmäßig beleidigt worden, wobei Ausdrücke wie "Scheiß Zigeuner" sowie Schmähungen gegen die Mutter des gebürtigen Malmöers fielen. Er zahle die Anfeindungen nicht mit Worten zurück, verrät Ibra. "Nein, ich revanchiere mich mit dem Körper." Dies habe er auch Onyewu gesagt. "Aber er machte weiter, und einmal, als ich schrie: 'Das war kein Freistoß!', machte er mit dem Zeigefinger eine Geste, dass ich still sein solle, als wolle er sagen: 'Da siehst du es, du redest nur Mist.' Da dachte ich: 'Jetzt reicht es, jetzt habe ich genug.'"

Sein Mitspieler habe besagte Geste wiederholt, deshalb seien Ibrahimovic schließlich die "Sicherungen durchgebrannt", wie er erklärt. "Als er das nächste Mal den Ball bekam, rannte ich auf ihn zu und sprang mit den Füßen und den Stollen voraus in ihn rein, das ist die schlimmste Form des Tacklings."

Ibra: "Das war keine gute Idee, Oguchi Onyewu"

Ibrahimovics Angriff sei allerdings fehlgeschlagen, Onyewu rechtzeitig ausgewichen. "Er warf sich zur Seite und wir landeten beide im Gras. Zuerst dachte ich: Mist, ich habe ihn nicht erwischt. Ich nehme ihn mir beim nächsten Mal vor", schildert der Ex-Barcelona-Profi und schiebt nach: "Als ich aufstand und wegging, bekam ich einen Schlag gegen die Schulter. Das war keine gute Idee, Oguchi Onyewu."

Ibrahimovic habe seinem Rivalen eine Kopfnuss verpasst, die als Startschuss für eine erbarmungslose Schlägerei diente. "Ich spreche nicht von einem kleinen Handgemenge, wir wollten einander umbringen. Es war brutal. Wir wälzten uns auf dem Boden und schlugen uns, und natürlich stürzte die ganze Mannschaft herbei und versuchte, uns zu trennen."

Selbst Gennaro Gattuso, der nicht zwingend für seine Zimperlichkeit bekannt war, sondern vielmehr als Mann fürs Grobe galt, habe die beiden Streithähne nicht auseinanderhalten können.

Massimo Oddo: Gattuso "bekam einen heftigen Schlag ab"

Laut Massimo Oddo, der damals bei Milan unter Vertrag stand und dementsprechend Zeuge der Auseinandersetzung wurde, sei Streitschlichter Gattuso, mittlerweile als Trainer in Neapel angestellt, zwischen die Fronten geraten. "Gennaro hat versucht, sie zu trennen", sagte der ehemalige Nationalspieler im Gespräch mit Sky Sport Italia. "Dann bekam er einen heftigen Schlag ab."

Auch Massimo Ambrosini erinnerte sich jüngst an den Trainings-Fight. "Ich habe versucht, die beiden auseinanderzubringen, aber es war so, als wolle ich einen verschlossenen Kofferraum mit bloßen Fingern öffnen. Es bewegte sich nichts", wurde er von Sky Sport Italia zitiert. Er ergänzte: "Irgendwann habe ich gesehen, dass Rino Gattuso am Boden lag."

Ibrahimovic: "Es ging um Leben und Tod"

"Wir waren irrsinnig vor Wut", schreibt Ibrahimovic. "Ich gebe zu, du sollst zwar Adrenalin auf dem Platz haben, du sollst kämpfen, aber das überstieg jede Grenze. Es ging um Leben und Tod." Aber "das Krankeste", wie Ibrahimovic Onyewus anschließende Aktion bezeichnet, "geschah hinterher. Onyewu begann, mit Tränen in den Augen zu Gott zu beten. Er bekreuzigte sich und ich dachte mir: Was soll das denn? Ich flippte noch mehr aus." Trainer Massimiliano Allegri habe versucht, Ibrahimovic zu beruhigen, aber dieser hob seinen Coach angeblich einfach zur Seite und wollte erneut auf Onyewu losstürmen.

"Aber da wurde ich von den Mannschaftskollegen zurückgehalten, das war sicher gut so. Es hätte schlimm enden können", schreibt Ibrahimovic. Allegri habe ihn und seinen Widersacher nach der Fehde zu sich ins Büro bestellt und dazu aufgefordert, sich zu vertragen. "Wir gaben uns die Hand und entschuldigten uns. Aber Oguchi war kalt wie ein Fisch. Ich dachte: Von mir aus gern, ist er kalt, bin ich auch kalt."

Offensichtlich hinterließ der Kampf jedoch Spuren bei dem extrovertierten Goalgetter. "Ich spürte Schmerzen in der Brust, verdammt. Wir checkten das. Ich hatte mir eine Rippe gebrochen. Gegen gebrochene Rippen kannst du nichts machen. Die Ärzte bandagierten mich nur."

Neben der davongetragenen Verletzung setzte Ibrahimovic auch die Berichterstattung damals mächtig zu: "Es hatten Zuschauer an der Seitenlinie gestanden, die Geschichte wurde in den Zeitungen verbreitet. Keiner kannte den Hintergrund. Es seien zehn Personen notwendig gewesen, um uns auseinanderzuzerren, stand da. Die Rede war von Unruhe in der Mannschaft und von Ibra als dem Bad Boy. Das Übliche halt."

Oguchi Onyewu: "Einiges davon ist wahr, einiges davon ist gelogen"

Während Ibrahimovic die Handgreiflichkeiten en detail preisgab, hielt Onyewu sich weitestgehend medial zurück. In einem Interview mit ESPN sagte der Defensivmann, der seine Fußballschuhe 2018 an den Nagel gehängt hatte: "Ich erinnere mich an alles. Ich habe seine Biografie nicht gelesen, sondern nur erzählt bekommen, was drinsteht. Einiges davon ist wahr, einiges davon ist gelogen."

Er wolle aber nicht weiter auf der Geschichte herumreiten. Ob er Ibrahimovic tatsächlich die Rippen gebrochen habe? "Fragen Sie ihn selbst."

Onyewu bestritt nur ein Pflichtspiel für Milan

Allzu lange mussten sich die beiden in der Modestadt indes nicht ertragen. Ibrahimovic, der zum Zeitpunkt des Vorfalls vom FC Barcelona an Milan ausgeliehen war, wurde in der Folgesaison für 24 Millionen Euro fest verpflichtet. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Mit 14 Treffern in 29 Spielen zeichnete er mitverantwortlich, dass der Traditionsklub im Mai 2011 den Scudetto in die Höhe stemmen durfte. Mittlerweile geht Ibrahimovic erneut für Milan auf Torejagd - und hat dabei selbstredend nichts von seinem Ego eingebüßt.

Im Gegenteil: Als er nach überstandener Wadenverletzung ins Mannschaftstraining einstieg, kommentierte er beispielsweise ein Foto, dass ihn mit seinen Teamkameraden zeigt, mit dem Hashtag "Gott und seine Schüler." Von der Gazzetta dello Sport auf ein mögliches Engagement Ralf Rangnicks beim dreimaligen Champions-League-Sieger angesprochen, reagierte er auf seine berüchtigte, provokante Art: "Wer ist Rangnick? Ich weiß nicht, wer Rangnick ist. Ich bin ehrlich: Wenn dies der Fall ist, ist es schwierig, mich nächstes Jahr bei Milan zu sehen."

Onyewu zog es im Januar 2011 hingegen für ein halbes Jahr auf Leihbasis zu Twente Enschede, ehe Sporting ihn im Sommer selbigen Jahres ablösefrei nach Lissabon holte. Insgesamt kam er für die AC Mailand in anderthalb Spielzeiten lediglich auf ein Pflichtspiel. In Erinnerung blieb er in der Lombardei daher vor allem aufgrund des Konfliktes.

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