Fussball

Als Milan Andrea Pirlo nicht mehr wollte und er Juventus zurück auf den Thron führte: Die Parabel vom Fisch

Von Oliver Maywurm

Weil der Trainer andere vorzieht und Andrea Pirlo versetzen will, verlässt der Maestro den AC Milan nach zehn Jahren und geht zu Juventus Turin. Ein Glücksfall für beide.

"Wenn das Meer tief ist, kann ein Fisch atmen. Wenn er aber direkt unter der Oberfläche schwimmt, wird er zwar überleben - aber es ist nicht mehr das Gleiche." Auch ohne zu wissen, worum es geht, könnte man drauf kommen, welcher ehemalige Fußball-Weltstar diese philosophischen Worte in seiner Autobiografie gewählt hat. Andrea Pirlo, der heute ein Weingut besitzt, galt schon immer als der etwas andere Profi in kurzen Hosen.

Im Sommer 2011 war er selbst dieser Fisch, von dem er da schrieb. Nach zehn Jahren, zwei Champions-League-Triumphen und zwei italienischen Meistertiteln wollten die Rossoneri den Italiener mit dem Zauberfuß nicht mehr. Besser gesagt, vor allem Trainer Massimiliano Allegri wusste nicht mehr so recht, ob er für ihn noch Verwendung hatte.

Klar, Pirlo war seinerzeit bereits 32 Jahre alt. Und ja, Milan war 2010/2011 praktisch ohne ihn Meister geworden, da Pirlo verletzt vier Monate lang ausfiel und in der Rückrunde so gut wie gar nicht mehr spielte. Und doch sagte etwa Trainerlegende Carlo Ancelotti, der mit Pirlo und Milan zweimal die Königsklasse geholt hatte, knapp ein Jahr später bei Mediaset Premium: "Ich hätte ihn niemals gehen lassen." Augenzwinkernd fügte er an: "Oder halt an Chelsea oder PSG abgegeben, wo er unter mir hätte spielen können."

Andrea Pirlo über Milan: "Wollte um drei Jahre verlängern"

Allegri war aber nicht so begeistert von Pirlo wie Ancelotti. Er vertraute dem genialen Strategen nicht, wollte ihn ob dessen körperlicher Probleme auf einer anderen Position einsetzen, einer, wo er nicht mehr so sehr dem Druck des Gegners ausgesetzt war. "Der wahre Grund, warum ich Milan verlassen habe, war, dass Allegri Ambrosini und van Bommel vor der Abwehr auf der Doppelsechs einsetzen wollte", sagte Pirlo 2012 der Gazzetta dello Sport. Wohlgemerkt waren Ambrosini und van Bommel jeweils sogar noch einmal zwei Jahre älter als er.

Pirlo sollte hingegen auf die halblinke Seite im Mittelfeld versetzt werden - und fühlte sich wie der Fisch, den man zu nahe an die Wasseroberfläche hievte. Hinzu kam, dass Milan ihm ob seines fortgeschrittenen Alters lediglich eine Vertragsverlängerung um ein Jahr anbot. "Ich wollte um drei Jahre verlängern, da ich jünger war als die anderen Spieler, deren Verträge ausliefen", betonte Pirlo.

Allegris sportliche Pläne mit ihm ließen Pirlo dann endgültig seinen Abschied aus Mailand einleiten. "Ich sagte 'Nein Danke' zu Milan. Sie hatten entschieden, dass ich nicht mehr nützlich für sie war. Das hatte ich bei unserem Gespräch sofort verstanden."

Juventus mit Andrea Pirlo: Serienmeister statt Siebter

Am 18. Mai 2011 war es dann offiziell: Pirlo verlässt die Rossoneri. Beim Verabschieden von seinen Teamkollegen am Trainingszentrum vergoss Pirlo bittere Tränen. Zlatan Ibrahimovic, Gennaro Gattuso, Robinho, Clarence Seedorf - sie alle herzten ihn innig. Und pikanterweise gab es die längste Umarmung von Massimo Ambrosini. Einer der beiden, wegen derer Pirlo final dazu gedrängt wurde, Milan Lebewohl zu sagen. Aber eben auch der, mit dem er zehn Jahre lang das Mittelfeld der AC geprägt hatte, an dessen Seite er einst schon für die U21 Italiens gespielt hatte.

"Ich gehe nach zehn unvergesslichen Jahren. Es ist eine einvernehmliche Trennung", sagte Pirlo den wartenden Medienvertretern. Schon da wurde darüber spekuliert, dass er nach Turin gehen würde. Und wenig später war Pirlos ablösefreier Wechsel zu Juventus perfekt. Wie wir heute wissen, ein Transfer, der einen Umschwung im italienischen Fußball mit einleitete.

Juve war gerade zweimal hintereinander nur Siebter geworden in der Serie A. 2010/11 hatten die Bianconeri am Ende satte 24 Punkte Rückstand auf Meister Milan. Warum Pirlo sich Juventus anschloss, verstanden viele daher überhaupt nicht.

Andrea Pirlo verlieh Juventus Turin neuen Glanz

Im Sommer 2012 erzählte Pirlo der Gazzetta dello Sport: "Als ich im Juni letzten Jahres (2011, d. Red.) bei der Hochzeit von Gigi Buffon war, fragten mich alle, ob ich verrückt sei, Milan zu verlassen. Ich antwortete ihnen nur: 'Wenn ich mich entscheide, zu einem Klub zu wechseln, dann tue ich das, weil ich gewinnen will'. Und ich sagte ihnen, dass wir den Scudetto gewinnen würden. Heute danken sie mir, weil sie daraufhin Geld darauf gesetzt haben, dass wir Meister werden."

Juve hatte 2011 Antonio Conte als neuen Trainer installiert. Eine Legende als Spieler von Juve, an der Seitenlinie bis dato aber noch ohne Arbeitsnachweise bei einem Topklub. Pirlo sollte daher mit seiner Erfahrung nicht nur auf dem Platz, sondern auch für die Verbindung zwischen Team und Trainer ein essentieller Baustein werden - und das wurde er.

Als Spielgestalter aus der Tiefe, in der Rolle, die man ihm bei Milan nicht mehr geben wollte, verleiht Pirlo Juventus neuen Glanz. In 35 der 38 Serie-A-Partien in seiner ersten Saison in Turin steht er die kompletten 90 Minuten auf dem Platz. Er organisiert den Spielvortrag, streut Traumpässe in Dauerschleife ein, während Arturo Vidal und Claudio Marchisio für die physische Komponente im Juve-Mittelfeld sorgen.

Andrea Pirlo: Der zweite Frühling

Mit vier Punkten Vorsprung auf Milan wird Juve am Ende Meister, der erste Scudetto der Turiner seit 2005. Für Pirlo, der seinen zweiten Frühling erlebt, muss die Genugtuung riesig gewesen sein. Galt er schon bei Milan als außergewöhnlicher Spieler, gewinnt er in seiner Zeit bei Juve - obwohl schon über 30 - vor allem außerhalb Italiens noch einmal enorm an Ansehen. Auch, weil er die Squadra Azzurra im Sommer 2012 bis ins EM-Finale führt.

Als Pirlo und Juve 2014 mit unglaublichen 102 Punkten das dritte Mal in Folge Meister werden, wird Milan gerade mal Achter. Seit seinem Wechsel gab es ohnehin keinen anderen Meister mehr als Juventus.

Dass sich Pirlo im Sommer 2014 nicht sonderlich gefreut haben dürfte, als klar war, dass Allegri von Conte übernimmt und neuer Juve-Trainer wird, ist klar. Eigentlich hatte der damals 35-Jährige nochmal einen neuen Zweijahresvertrag bei den Bianconeri unterschrieben - er blieb aber nur noch ein Jahr, ehe er seine Karriere in New York ausklingen ließ.

Allegri betonte zwar stets, wie sehr er Pirlo schätze und dass er nie ein Problem mit ihm gehabt habe. Dennoch war die letzte Saison des Freistoßkünstlers bei Juve - auch wegen zunehmender körperlicher Wehwehchen - nicht mehr so gut wie die vorherigen. Weil er bei Allegri nicht mehr der eindeutige Mittelpunkt des Spiels war. Weil das Meer nicht mehr so tief war. Und er zu nahe an der Oberfläche schwimmen musste.

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