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Fussball

Die tragische Geschichte von Manchester Uniteds Ex-Talent Adrian Doherty: Bob Dylan statt Beckham und Best

Von Maximilian Schmeckel
Anstatt der neue George Best zu werden, wollte Adrian Doherty aber lieber Musik machen.

Er galt als so gut wie Giggs und besser als Beckham. Anstatt der neue George Best zu werden, wollte Adrian Doherty aber lieber Musik machen.

Ein kleiner Pub im East Green Village, Manhattan. Es ist ein milder Sommerabend, die Menschen sitzen draußen oder flanieren unter den üppigen Baumkronen, die die Straßen des New Yorker Künstlerviertels säumen. Im Pub sind 20, höchstens 30 Leute. Während draußen ein Windstoß die dünne Staubschicht des Tages auf den Gehwegen durcheinanderwirbelt und die Sonne langsam hinter den Backsteinhäusern verschwindet, nimmt drinnen ein blasser, junger Mann, kaum dem Teenageralter entwachsen, auf einem Barhocker platz. Er hat eine Gitarre dabei, sonst nichts. Er murmelt, kaum gehört von den Pubbesuchern, einige Worte in Englisch mit stark nordirischem Einschlag. Dann schließt er die Augen, atmet tief durch und beginnt zu spielen.

Er singt Songs von Bob Dylan, der wie nun er selbst einst in den Pubs des Viertels spielte. Sein Lieblingssong heißt "All Along the Watchtowers". "There must be some way out of here", singt er, die wenigen Zuhörer hören auf zu sprechen und lauschen seiner kraftvollen und doch irgendwie zerbrechlichen Stimme. "There's too much confusion", singt er weiter. Melancholische Zeilen, mit denen er, weit weg von seinem Zuhause, die stickige Pub-Luft füllt.

Was keiner weiß, in diesem Sommer, 1992, in New York: Vor ihnen sitzt ein angehender Fußballstar. Einer, der für Manchester United spielt. Der mit einem anderen Talent in der Jugend der Red Devils eine Flügelzange bildet, die bald auch im Old Trafford für Furore sorgen wird, da sind sie sich alle sicher. Sein Pendant auf dem linken Flügel heißt Ryan Giggs, heute eine Legende. Der Musiker spielt rechts und heißt Adrian Doherty. Niemand kennt heute seinen Namen.

Adrian Doherty: "Der beste junge Spieler in 30 Jahren"

Doherty wurde im Mai 1973 im nordirischen Strabane geboren, einer kleinen Gemeinde an der Grenze zu Irland, die vor allem dafür bekannt ist, dass sie aufgrund ihrer Lage eines der Herzstücke des blutigen Nordirlandkonflikts war. Beeinflusst wurde seine Kindheit dadurch aber nicht. "Nach Aussagen seines Bruders, seiner Schwester und seiner Freunde hat es sie nicht wirklich beschäftigt", sagte Oliver Kay, Autor eines Buchs über Doherty ("Forever Young"), im Interview mit the42.ie. Was aber bereits in diesen jungen Tagen entstand, war die Liebe zur Musik und zu Gedichten. Bob Dylan begleitete ihn in der Jugend stets und war der Grund, warum Adrian unbedingt das Gitarrespielen lernen wollte.

Er zeigte großes Talent, schrieb bald eigene Gedichte und spielte in einer Schülerband. Noch beeindruckender aber waren seine Leistungen auf grünem Rasen. Wenn er Fußball spielte, tat er das oft intuitiv. Dann schaltete er seinen Kopf aus und war einfach da draußen, bereit, alles zu geben und gleichzeitig Spaß zu haben. Sein Jugendtrainer bei Derry, Matt Bradley, sagt: "Er ist in 30 Jahren Coaching und Scouting in Irland der beste junge Spieler, den ich je gesehen habe." Bradley ist es auch, der schnell erkennt, dass Doherty Großes schaffen kann. Er vermittelt ihn an Premier-League-Klubs.

Arsenal versucht, ihn zu verpflichten. Als auch Manchester United anklopft, fällt die Entscheidung leicht. Denn Doherty schaut zuhause gerne die Spiele der Red Devils, die in Nordirland mit Abstand der beliebteste Klub sind. Schließlich spielte Volksheld George Best elf Jahre für United. Und genau das sah man in Doherty. Das Potenzial, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Denn er war nicht einfach nur talentiert, sondern so brillant, dass noch heute alle ins Schwärmen geraten, wenn sie von ihm sprechen.

Ryan Giggs über Adrian Doherty: "Er war unglaublich"

"Er war unglaublich", sagt Ryan Giggs, der in der Jugend stets mit ihm zusammenspielte, dem Guardian. "Sprechen sie mit Ryan Giggs, Paul Scholes, den Nevilles; sie werden ihnen alle sagen, dass er der beste Spieler ist, mit dem sie in diesem Alter zusammengespielt haben", sagt der heutige Celtic-Trainer Brendan Rodgers, der mit Doherty in nordirischen U-Nationalmannschaften zusammenspielte, in denen das Juwel teilweise mit bis zu vier Jahre älteren Mitspielern auf dem Platz stand. Und Gary Neville nennt ihn "nicht von dieser Welt".

Doherty galt als hochintelligent, anders als andere Sonderlinge wie beispielsweise Martin Bengtsson, der als Talent bei Inter Mailand mit Depressionen zu kämpfen hatte und schließlich versuchte, sich das Leben zu nehmen, war er aber nie ein Außenseiter oder einer, dem seine Liebe zur Musik zum Verhängnis wurde. Er spielte seinen Teamkollegen, die ihn "Doc" nannten, Bob-Dylan-Songs vor und lief nicht selten mit seiner Gitarre über der Schulter durch die Gänge der United-Akademie, in denen in diesen Tagen, Anfang der Neunziger, der Wind von etwas Besonderem wehte. Denn die heute legendäre "Class of 92" war im Begriff zu entstehen, die Ansammlung von Talenten, die in der Jugend alles gewann, und später unter der Ägide von Sir Alex Ferguson zur besten Mannschaft der Welt gehörte.

David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs, die Neville-Brüder Phil und Gary, Nicky Butt und eben Adrian Doherty. "Niemand redete über David Beckham, niemand redete über Paul Scholes, niemand redete über die Nevilles oder Nicky Butt, jeder redete über Adrian Doherty und Ryan Wilson (heute Giggs, Anm. d. Red.). Es war klar, dass sie es in die erste Mannschaft schaffen würden", sagt Kay. Beide waren pfeilschnell, technisch brillant, hatten ein gutes Auge, konnten butterweiche Flanken schlagen und waren im Dribbling so gut, dass sie in der B-Jugend manchmal beide ausgewechselt wurden, wenn es schon 14:0 stand.

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