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Jose Mourinhos Start bei Tottenham Hotspur: The Humble One auf der Suche nach Akzeptanz

Jose Mourinho kehrt mit Tottenham Hotspur ins Old Trafford zurück.

Jose Mourinho hat Tottenham Hotspur zurück in die Erfolgsspur geführt. Seine schlechte Laune aus United-Zeiten ist einem erfolgversprechenden Kuschelkurs gewichen. Das Misstrauen aber bleibt unverändert groß.

Mourinho bei Tottenham - das gleicht einem Paradoxon. Auf den ersten Blick passt der Portugiese rein gar nicht nach Nordlondon. So überraschte auch die erste Reaktion der Fans auf den Trainerwechsel nicht: Der Hashtag "#MourinhoOut" trendete binnen weniger Minuten auf Twitter.

Klar, das soziale Netzwerk mit dem hellblauen Vogel im Logo ist eine eigene, kleine Welt und spiegelt das Stimmungsbild der Spurs-Anhänger kaum adäquat wider. Der Eindruck, Mourinho sei nicht wirklich willkommen, verfestigte sich allerdings im ersten Heimspiel gegen Olympiakos Piräus, als ein großes Banner mit dem Konterfei seines Vorgängers in den Rängen flatterte. Zumindest wurde der 56-Jährige nicht mit offenen Armen empfangen.

Man kann es den Fans nicht verübeln. Vor vier Jahren sagte Mourinho: "Ich würde niemals ein Angebot von Tottenham annehmen, weil ich die Chelsea-Fans zu sehr liebe." Während seiner Tätigkeit als TV-Experte in den vergangenen Monaten kritisierte er die Spurs gern und häufig, warf Harry Kane vor, "nicht bereit" zu sein und riet den Verantwortlichen, Christian Eriksen abzugeben.

Erfolgstrainer Jose Mourinho vs. Sparfuchs Daniel Levy

Am meisten fürchten die Fans aber die langfristigen Folgen der Zusammenarbeit mit Mourinho. Pochettino übernahm die Spurs 2014 von Tim Sherwood und entwickelte Spieler und Mannschaft über fünfeinhalb Jahre zu einem Finalteilnehmer der Champions League. Mourinho ist nicht gerade bekannt für Geduld, sondern für sofortigen Erfolg und Titel.

Dafür greift der Portugiese auch gern tief in die Vereinskasse. "Wenn du als Trainer die Möglichkeit bekommst, die Spieler zu kaufen, die am besten zu deiner Spielidee passen oder am besten geeignet sind, um große Titel zu gewinnen, ist das eine Sache. So wird gearbeitet. Eine andere Sache ist, wenn du diese Möglichkeit nicht hast", sagte Mourinho nach seinem Aus bei Manchester United im Dezember 2018.

Ein Jahr später ist Mourinho Tottenham-Trainer und steht zwangsläufig für die konträre Transferstrategie. Spurs-Boss Daniel Levy ist ein echter Sparfuchs. In den vergangenen fünf Jahren gab der ehemalige Chelsea- und United-Trainer Mourinho allein fast fünfmal so viel für Neuzugänge aus als die Spurs (rund 440 Millionen Euro).

Pl.TeamTransfer-Ausgaben (14/15 bis 19/20)
1Manchester City1,09 Milliarden Euro
2Manchester United976 Millionen Euro
3FC Chelsea875 Millionen Euro
4FC Liverpool716 Millionen Euro
5FC Arsenal644 Millionen Euro
6FC Everton598 Millionen Euro
7Leicester City473 Millionen Euro
8Tottenham Hotspur438 Millionen Euro

Nun aber spricht Mourinho plötzlich über die hervorragende Nachwuchsakademie der Spurs und verspricht, Talente einbinden zu wollen. Da sind Zweifel nicht nur nachvollziehbar, sondern legitim.

Jose Mourinho ist The Humble One bei Tottenham

Das Misstrauen gegenüber Mourinho ist jedoch nicht nur deshalb riesig. Er muss sich nach seinen erfolglosen Stationen bei Chelsea und United erst Kredit erarbeiten. Aktuell steht er bei den Spurs-Fans jedenfalls deutlich im Minus.

Die Mannschaft wirkte nach dem verlorenen Champions-League-Finale ausgelaugt und antriebslos. Nach fünfeinhalb Jahren Vollgas unter Pochettino blieben die Spurs stecken. Und nun soll ausgerechnet Mourinho, der schlecht gelaunte Portugiese, "The Critical One", neue Positivität versprühen?

Spoiler: Er tut es. Mourinho wird seit seiner Vorstellung beim FC Chelsea vor 15 Jahren als irgendein "One" bezeichnet. Anfangs war er eben The Special One. Beim Antritt seiner zweiten Amtszeit bei Chelsea deklarierte er sich als "The Happy One". Nach seinen beiden letzten Stationen verpasste ihm die englische Presse den Beinamen "The Critical One" - aufgrund der negativen Grundstimmung und der ständigen, öffentlichen Kritik an seinen eigenen Spielern. Bei Tottenham schleicht aktuell ein ganz neues Alter Ego herum: The Humble One.

Jose Mourinho fährt Kuschelkurs bei Tottenham Hotspur

Mourinho gibt sich demütig, allein bei seiner Antritts-Pressekonferenz betonte er das fünfmal. Statt laute Töne zu spucken und aufgrund seiner Titel "Respekt, Respekt, Respekt" zu fordern, tritt Mourinho als von seinen Fehlern geläuterter Arbeiter auf. In seiner ersten Arbeitswoche übernachtete er sogar auf dem Trainingsgelände, da er mit seinem Trainerteam bis tief in den Abend an taktischen Details getüftelt hatte.

Zudem fährt Mourinho einen echten Kuschelkurs. Er lässt Spieler und Mitarbeiter nah an sich ran, sein Umgang ist familiär und persönlich. Vom arroganten, autoritären Egozentriker keine Spur.

Stattdessen bedankte er sich beispielsweise persönlich beim Balljungen Callum Hynes, der den zwischenzeitlichen Ausgleich der Spurs gegen Olympiakos einleitete. "Das hätte er nicht tun müssen, aber er kam trotzdem zu mir. Das hat mir nicht nur den Tag, sondern geradezu mein Leben versüßt", sagte Hynes mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mourinho lud den 15-Jährigen am vergangenen Wochenende gar zum Team-Essen ein.

Der Star-Trainer ist sichtlich bemüht und weiß das öffentlichkeitswirksam zu verkaufen. Aber auch intern setzt Mourinho auf Harmonie.

Jose Mourinho muss Spieler von sich überzeugen

Schließlich dürfte er auch bei seinen neuen Spielern nicht postwendend über jeden Zweifel erhaben sein. Zu viel verbrannte Erde hinterließ er in Manchester. Die Spieler seien nach Mourinhos Entlassung so erleichtert wie nie gewesen, schrieb die englische Presse. Ein derart negatives Arbeitsklima spricht sich herum, spätestens bei Länderspielreisen.

Es spricht Bände, dass die Tottenham-Stars sich anfangs nicht einmal trauten, laut Musik zu hören. "Die Kabine ist ihr Zuhause, da dürfen sie machen, was sie wollen. Aber vielleicht haben sie sich gefragt, ob ich die Musik erlaube oder nicht", sagte Mourinho. Die faszinierende Aura, die Mourinho einst umgab, scheint eine angsteinflößende geworden zu sein.

Mourinho muss sich das Vertrauen seiner neuen Mannschaft erst erarbeiten. Das funktioniert natürlich am besten mit Erfolg - nicht nur der Mannschaft, sondern auch einzelner Spieler.

Beides bekommt Mourinho derzeit hin. Drei Spiele, drei Siege und der zuletzt so formschwache und kritisierte Dele Alli war der vielleicht wichtigste Spieler in diesen Partien. Schon jetzt sagenhaft ist Mourinhos erstes Gespräch mit dem 23-Jährigen, in dem er den Engländer gefragt haben soll: "Bist du Deles Bruder?" Er habe Alli aufgefordert, wieder wie der "echte" Dele zu spielen. Das Ergebnis: In drei Spielen unter Mourinho erzielte Alli drei Tore und bereitete einen Treffer vor.

Doch es geht nicht nur um Alli. Die ganze Mannschaft tritt wieder selbstbewusster auf. "Es ist wichtig, dass alle Spieler wissen, dass sie gebraucht werden", sagte Mourinho nach dem 3:2-Sieg gegen Bournemouth. Das zeigt er durch eine gesunde Rotation, enge Kommunikation und jede Menge Späßchen. Zum Fan-Song "Oh Moussa Sissoko" sagte er: "Ein toller Song, wunderschön, wirklich. Ich habe auch mitgesungen."

Als sich die Tottenham-Fans über Jose Mourinho lustig machten

Der Start ist also gelungen. Tottenham hat die Sechs-Punkte-Lücke zu den Europapokal-Rängen geschlossen. Die Spurs kletterten von Rang 14 auf fünf. Der von Mourinho erwartete Sofort-Erfolg hat eingesetzt. Die Frage, die sich das Gros der Spurs-Fans allerdings stellt, ist: Wie lange bleibt Mourinho das singende Gute-Laune-Bärchen und wann zeigt er sein wahres Gesicht?

Dieses Misstrauen hat sich Mourinho durch sein Auftreten bei ManUnited selbst zuzuschreiben. Auch bei den Red Devils trat er zunächst als die demütige Positivität in Person auf. Wie schon zuvor bei Chelsea. In beiden Fällen entwickelte sich Mourinho zu The Critical One, in London langsamer, in Manchester schneller. Wann legt sich also bei Tottenham der Schalter um? Wann weicht die gute Laune?

Ein erster Gradmesser könnte Mourinhos Rückkehr ins Old Trafford (20.30 Uhr im LIVETICKER) sein. Zum einen aus taktischer Sicht. Von einer unattraktiven, destruktiven Spielphilosophie, die von einem Mourinho-Team schon beinahe erwartet wird, war bisher nichts zu sehen. In den drei Spielen unter Defensiv-Spezialist Mourinho fielen 16 (!) Tore. Bleibt er auch gegen ein Top-Team angriffslustig?

Zum anderen ist das Spiel aus psychologischer Sicht interessant. Bisher gab sich Mourinho erstaunlich zurückhaltend vor dem Duell mit seinem Ex-Klub. Gut vorstellbar, dass er in der emotional aufgeladenen Atmosphäre "rückfällig" wird und der Vulkan explodiert. Das Gegenteil gilt es für Mourinho zu beweisen.

Beim letzten Besuch der Spurs im Old Trafford stand Mourinho noch für United an der Seitenlinie. Nach dem 3:0-Auswärtssieg von Tottenham sangen die mitgereisten Fans: "You're not special anymore." Vor Mourinho liegt ein langer Weg zur Akzeptanz.

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