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Fussball

Fabio Paim: Einst mehr Talent als Cristiano Ronaldo

Von Tobias Lorenz
Jung, talentiert, begehrt und von CR7 gepriesen. Dann änderte sich alles. In Paims Karriere ist viel falsch gelaufen, sie gilt als mahnendes Beispiel. Stolz ist er aber trotzdem.

Jung, talentiert, begehrt und von CR7 gepriesen. Dann änderte sich alles. In Paims Karriere ist viel falsch gelaufen, sie gilt als mahnendes Beispiel. Stolz ist er aber trotzdem.
 

Sommer 2002. Frankreichs Fußball liegt am Boden. Als amtierender Weltmeister ist die Equipe Tricolore bei der WM in Japan und Südkorea krachend gescheitert. Nur ein Punkt nach drei Spielen. Heimflug. Das Turnier geht ohne die Grande Nation weiter und in Paris wird hinter den Kulissen fleißig am Team der Zukunft gebastelt.

Die Lösung scheint im Anflug! Sie ist 14 Jahre alt und ist mit seiner Familie der Einladung des französischen Fußballverbandes gefolgt. Die Hauptstadt Frankreichs wartet. Die Familie soll zukünftig finanziell unterstützt werden und obendrauf eine schicke Villa in Frankreich bekommen, das Savoir-Vivre kennenlernen. Die Bedingung? Fabio Paim muss sich für eine Karriere im Trikot der Equipe Tricolore entscheiden - und damit gegen sein Heimatland Portugal.

Der Youngster soll in der Zukunft die Siege für den Verband einfahren. Doch Paim und seine Familie lehnen ab, lassen sich von den Verlockungen des Weltmeisters von 1998 nicht verführen. Für Portugal zu spielen, das ist eine Herzensangelegenheit der Familie Paim. So viel vorweg: Bereits mit 14 Jahren sollte der begnadete Dribbler samt seiner Entourage den Versuchungen des Geldes ein letztes Mal widerstehen. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Doch wo kommt eines der einst begehrtesten Talente Europas her?

Vom Asphalt auf den Rasen

Paim lernt das Fußballspielen auf einem Asphaltplatz im beschaulichen Estoril, unweit der großen Hauptstadt Lissabon, taucht aber schon früh auf den Radaren der Scouts auf - kein Zufall bei seinen Anlagen.

Jorge Vicente, der ihn im Kindesalter trainierte, erinnert sich noch heute an eine Szene: "Er dribbelt an zwei Spielern vorbei und sieht, dass der Torwart zu weit vor der Linie steht. Sie spielen fünf gegen fünf. Fabio schiebt seinen rechten Fuß über den Ball und haut ihn in einem engen Winkel mit seiner linken Hacke in das Tor. Ich dachte: 'Oh mein Gott - der Junge ist acht Jahre alt.'"

Zwei Jahre später steht der Wechsel nach Lissabon zu Sporting ins Haus. Die große Karriere wartet, schließlich genießt die Talentschmiede europaweit einen exzellenten Ruf. Für Paim war alles neu. Die Großstadt, die schönen Rasenplätze, die perfekten Trainingsbedingungen. Er entwickelt sich prächtig, durchläuft alle Jugendteams, wusste immer zu gefallen. Und ganz nebenbei beginnen die Vergleiche. Die Vergleiche mit einem Spieler, der gerade einmal drei Jahre älter ist und ein paar Altersklassen über ihm in Lissabon spielt. Sein Name? Cristiano Ronaldo.

"Er ist einer der talentiertesten Jugendspieler, den ich jemals sah", schwärmte damals der spätere spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque über Paims Fähigkeiten - und betonte, dass er damit auch Cristiano Ronaldo einschließe.

Ronaldo: "Wartet, bis ihr Paim spielen seht"

Das Schicksal der beiden Youngsters ist in den Jahren nach der Jahrtausendwende geradezu untrennbar miteinander verwoben. Beide kommen aus Portugal. Beide kicken in der Sporting-Jugend. Beide sind enorm schnell, trickreich und torgefährlich, in ihren Jugendteams gehen sie vorweg, räumen Trophäe um Trophäe ab und beide haben den - damals noch unbekannten - gleichen Manager, Jorge Mendes. Und es war auch Ronaldo, der den Hype um das Talent von Paim, der ihm schon oft im Jugendtraining von Sporting aufgefallen war, vollends entfachen sollte.

Manchester im Jahr 2003. Ein Jahr nach Paims Besuch beim französischen Verband hat der 18-jährige Ronaldo gerade bei United unterschrieben - ihm wird eine Mega-Karriere prophezeit. Doch ist er wirklich das größte Talent Europas? Nicht, wenn es nach ihm persönlich geht. "Wenn Ihr denkt, dass ich gut bin, dann wartet, bis Ihr Fabio Paim spielen seht", gab der spätere Weltfußballer gegenüber der Presse preis.

Allüren schleichen sich ein, die Karriere stockt

Die Fußballwelt horchte auf: Paim. Paim. Paim. Kaum ein Name weckte in dieser Zeit ähnliche Begehrlichkeiten. Und der Gepriesene selbst? Der verfiel mit 15 Jahre dem Glauben, es schon geschafft zu haben. Bei Sporting die besten Aussichten und in den Juniorenauswahlen der Portugiesen stets gesetzt. Der Mann mit den langen, im Wind wehenden Dreadlocks genoss den Hype um sich sichtlich. Immer mehr schlechte Eigenschaften schlichen sich peu a peu ein. Er entwickelte Starallüren, kam immer öfter zu spät ins Training.

Die Karrieren von Cristiano und Fabio drifteten auseinander. Während die von CR7 durch die Decke ging, sackte die von Paim in den Keller. Im Interview mit wort.lu blickt der heute 28-Jährige zurück und kennt die Erklärung dafür: "Auf dem Platz war Ronaldo nicht viel besser als ich. Aber er war seriös. Ich nicht."

Sporting setzt aber trotz seines Lebenswandels weiter auf ihn, stattet ihn mit einem Profivertag aus - wohl auch aus der Angst heraus, ein künftiges Jahrhunderttalent zu verlieren. Fortan stehen verschiedene Leihen zu hierzulande eher unbekannten unterklassigen portugiesischen Vereinen in seiner Vita. Doch selbst dort setzte sich der offensive Mittelfeldspieler nicht mehr durch, galt als Querulant, als Problemspieler und eckte immer wieder bei den Trainern an.

London Calling: Doch noch die große Chance?

2008 kommt sie dann doch, die lange ersehnte Chance. Der FC Chelsea und dessen Cheftrainer Luis Felipe Scolari klopfen an. Die Hoffnung beim Weltmeistertrainer von 2002? Er werde den Jungen mit Hilfe von dessen Landsleuten Jose Bosingwa und Ricardo Carvalho schon wieder auf Spur bringen. Jetzt ist Paim endlich da, wo er sich selbst immer gesehen hatte: An der Seite von Weltstars wie Didier Drogba, Michael Ballack, Frank Lampard oder Petr Cech - doch vorerst aber nur auf dem Trainingsplatz.

Der Traum zerplatzt schnell, ein Profispiel für die Blues absolviert er nicht. Scolari schafft es nicht, ihn zu bändigen. Immer wieder setzt sich der damals 20-Jährige aus London ab, reiste nach Lissabon, um ausgedehnte Shoppingtouren zu unternehmen, gibt 300.000 Euro im Jahr für Autos und Partys aus. Der Klub verliert nach wenigen Monaten die Geduld und gibt ihn wieder ab.

"Sie haben meine Karriere kaputt gemacht"

"Was mich anbelangt, muss ich sagen, dass ich von vielen falschen Freunden umgeben war, die nur wegen meines Geldes und meiner Berühmtheit bei mir waren. Sie haben meine Karriere kaputt gemacht", gibt sich ein geläuterter Paim heute reumütig. Doch nach seinem Versagen bei Chelsea war es bereits zu spät.

2010 wird sein Vertrag in Lissabon nicht mehr verlängert, Berater Mendes wendet sich endgültig von ihm ab. Und für Paim beginnt nun der richtige Absturz, sollte er doch selbst in Portugal nur noch in der dritten Liga einen Arbeitgeber finden. Monatsgehalt? 1000 Euro. Die weiteren Stationen seiner Karriere bis ins Jahr 2015 sprechen für sich: Angola, Katar, Malta, Litauen, Luxemburg.

"Er war nicht vorbereitet für eine Welt wie diese, in der alles erlaubt ist. Er hat vermutlich geglaubt, das Leben würde so weitergehen", stellt ein sichtlich berührter Ex-Jugendtrainer Vicente klar.

Das Leben von Fabio Paim ist ein mahnendes Beispiel für viele junge, ambitionierte Spieler. Das weiß auch der Protagonist selbst: "Alles, was ich den jungen Spielern sagen möchte, ist: 'Macht nicht die gleichen Fehler wie ich! Talentiert zu sein ist nicht genug. Völlig abgesehen von deinen Fähigkeiten musst du immer hart arbeiten und immer, ich betone immer, hungrig bleiben.'"

Talent reicht nicht - Stolz ist trotzdem da

Oder wie die Trainerlegende Walerij Lobanowskij zu sagen pflegte: Ein Top-Spieler besteht aus einem Prozent Talent und 99 Prozent harter Arbeit. Und Paim kennt sogar einen, der das mit Bravour geschafft hat: seinen früheren Wegbegleiter Cristiano Ronaldo. "Was für ein großartiger Spieler er im Gegensatz zu mir geworden ist. Er war eben diszipliniert und stets ein harter Arbeiter. Tag für Tag hat er gearbeitet bis zum Umfallen", gibt er unverhohlen zu.

In Portugals erster Liga hat Paim lediglich sieben Partien absolviert - für den FC Pacos de Ferreira. Für Sporting durfte er in der Beletage niemals das Trikot der Profis überstreifen. Auch in der Landesauswahl war bei der U21 Schluss.

Doch schämen für das, was passiert ist, tut er sich keinesfalls: "Die Tatsache, dass ich sogar eine ähnliche Karriere wie er (Ronaldo, Anm. d. Red.) hätte haben können, macht mich unglaublich stolz."

Wäre er verbissener, engagierter und disziplinierter gewesen, wäre es egal, wie er sich im Sommer vor 14 Jahren entschieden hätte: Im Finale der Europameisterschaft in diesem Sommer hätten wir ihn mit Sicherheit auf dem Platz gesehen - egal ob für Portugal oder Frankreich. Und vielleicht hätten sie in der magischen Nacht von Paris sogar gemeinsam für ihr Land jubeln können, Fabio Paim und Cristiano Ronaldo. Vielleicht.

Fabio Paim: Sein Profil im Überblick

NameFabio Miguel Malheiro Paim
Geburt15. Februar 1988 in Alcoitao (Portugal)
Größe1,71 Meter
PositionRechtes Mittelfeld
Starker FußRechts
AusbildungSporting Lissabon
U-Nationalspiele24 (4 Tore)
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