Fussball

Platzverweise, Verschwörungstheorien und Rückennummer-Revolution: Edgar Davids' bizarres Comeback als Spielertrainer

Von Stefan Petri

Als Edgar Davids mit 39 Jahren noch einmal für den unterklassigen Londoner Klub FC Barnet den Spielertrainer gab, endete sein Comeback nach anfänglichem Erfolg in einem kapitalen Fehlschlag. Mit dabei: Verschwörungstheorien, die Rückennummer 1 - und drei Platzverweise in fünf Spielen. SPOX blickt zurück.

Comebacks im Sport sind gang und gäbe. Champions, die es nach ihrem Karriereende in hohen Jahren noch einmal wissen wollen. Das kann in Glanz und Gloria enden (George Foreman etwa wurde mit 45 noch einmal Weltmeister im Schwergewicht), oder auch einfach nur in Mitleid (Björn Borg gewann bei seinem Comeback in zwei Jahren kein einziges Match).

Und dann gibt es die Comebacks, die sich sportlich gar nicht so leicht in Erfolg und Misserfolg einordnen lassen. Die im Gegenzug aber so bizarr verlaufen, dass man im Rückblick einfach nur den Kopf schütteln muss.

Wie bei Edgar Davids.

2008 beendete der niederländische Mittelfeld-Motor erstmals seine glorreiche Karriere. Meistertitel mit Ajax und Juventus, Triumphe in der Champions League und UEFA Cup, 74 Länderspiele. Der Mann mit den Rasta-Zöpfen und der Schutzbrille trug lange Jahre den vielleicht treffendsten Spitznamen im Fußball: So wie Berti Vogts einst der Terrier war, so war Davids der Pitbull - es passte einfach.

Davids' erstes Comeback - sieben Einsätze für Crystal Palace in der Championship-Saison 2010/11 - war so kurz wie nicht der Rede wert. Seine zweite Rückkehr auf den Rasen jedoch ... nun, so leicht ist das mit einem Wort gar nicht zu umschreiben.

Edgar Davids' Comeback beim FC Barnet: Warum kehrte er zurück?

Im Oktober 2012 stand der Nordlondoner Viertligist FC Barnet bei zwölf Spielen in Serie ohne Sieg und auf einem Abstiegsplatz. Im Schatten der großen Nachbarn Arsenal und Tottenham verkümmerte der Klub vor sich hin, gespielt wurde im über 100 Jahre alten Underhill Stadium. Die Aussichten: trübe. Doch dann konnte der Klub plötzlich einen 39 Jahre alten ehemaligen Weltstar verkünden. Und zwar nicht nur als Spieler, sondern als Spielertrainer.

Warum? Davids lebte zu diesem Zeitpunkt seit einigen Jahren in der Gegend, er wusste um die Misere seines lokalen Klubs. Sein Trainerjob bei Brixton in einer Amateur-Sonntagsliga füllte ihn nicht aus, ebenso wenig die eigene Modelinie. Eine große Trainerkarriere, das wäre doch was. Also wollte er sich, so ist es in Holland Tradition, hocharbeiten und für größere Aufgaben empfehlen. Und natürlich juckte es ab und an noch in den Füßen, wie bei so ziemlich jedem großen Fußballer eben.

Also bot Davids dem Klub seine Hilfe an, unentgeltlich. Barnet, auf der Suche nach Publicity und einem Funken jeglicher Art angesichts der sportlichen Krise, nahm natürlich dankend an: Zunächst wurde Davids als Spielertrainer dem amtierenden Manager Mark Robson gleichgestellt, nur zwei Monate später stand er allein am Ruder.

Edgar Davids' erfolgreiche erste Saison beim FC Barnet

Und, was soll man sagen: Es funktionierte. Gleich bei seinem ersten Einsatz auf dem Rasen führte Davids Barnet zu einem 4:0 über Northampton Town und wurde zum Spieler des Spiels gewählt. Der Pitbull, er tat den "Bees", so der Spitzname von Barnet, ausnehmend gut: Davids setzte sich selbst auf diversen Positionen im Mittelfeld ein, auch ohne Coaching-Erfahrung konnte er das Team mitreißen, ließ attraktiven Fußball spielen.

Es hätte eine hundertprozentige Erfolgsgeschichte sein können: Tatsächlich manövrierte Davids (29 Einsätze) seine Bienen zwischenzeitlich aus der Abstiegszone, der Klassenerhalt war in greifbarer Nähe. Doch am letzten Spieltag der Saison setzte es ein 0:2, ausgerechnet gegen Northampton, und Wimbledon zog doch noch vorbei. Barnet stieg ab. In die fünfte Liga, ins Amateurlager. Und Davids? Der blieb. "Er hat hier eine fußballerische Revolution angestoßen", jubelte Vereinsboss Tony Kleanthous. "Das zeigt, was für eine Art Mann er ist. Einmal Biene, immer Biene!"

Bizarres Davids-Comeback: Rückennummer 1 und drei Rote Karten

In puncto Revolution hatte Edgar Davids allerdings noch lange nicht genug. Vielmehr schien er erst auf den Geschmack gekommen zu sein. So ließ er sich vor der neuen Saison von der Vereinsführung zusichern, nicht zu Auswärtsspielen in weit entfernte Gegenden des Landes reisen zu müssen.

Außerdem lief er bei einem Vorbereitungsspiel plötzlich mit der Nummer 1 auf dem Rücken auf - und trug das Trikot auch darüber hinaus. "Mit dieser Rückennummer gehe ich in die Saison. Ich werde damit einen Trend starten", sagte er der Barnet Times. Sein Keeper hätte nichts dagegen gehabt. "Ich weiß nicht, ob es sein Ego war, oder ob er einfach etwas aufrütteln wollte", erinnerte sich besagter Keeper Graham Stack, der fortan mit der Nummer 29 spielte, später bei Vice. "Das macht ihn nicht zu einem schlechten Menschen, aber wahrscheinlich wollte er einfach im Rampenlicht stehen."

Auf dem Platz baute der mittlerweile im Amateurfußball angekommene 40-jährige Davids weiter ab, und versuchte das mit noch mehr Aggressivität zu kaschieren - Pitbull eben. In acht Einsätzen sah er immer mindestens Gelb. Innerhalb von fünf Spielen kassierte er zudem unglaubliche drei Platzverweise, darunter einmal glatt Rot für einen Ellbogenschlag.

Edgar Davids beim FC Barnet: Verschwörungstheorien und Rücktritt

Schuld daran waren natürlich die anderen. "Man hat mich und das Team auf dem Kieker", sponn er im Dezember 2013 Verschwörungstheorien: "In jedem Spiel fallen die Entscheidungen gegen uns aus." Und drohte seinen Rücktritt an: "Das ist lächerlich. So spiele ich nicht mehr weiter, das macht keinen Spaß."

Immerhin damit sollte er Recht behalten: Edgar Davids spielte nie wieder für den FC Barnet. Zwei Partien verpasste er gesperrt, nach einer 1:2-Niederlage gegen Chester am 18. Juni 2014 wurde sein Vertrag mit Barnet "in beiderseitigem Einvernehmen" aufgelöst. "Wir wünschen ihm alles Gute bei der Fortsetzung seiner, daran haben wir keinen Zweifel, illustren Karriere", gab ihm der Klub, zu diesem Zeitpunkt Tabellenzehnter, mit auf den Weg.

Sechs Jahre später steht eine Fortsetzung dieser Trainerkarriere immer noch aus. Gewisse Trends sind eben nicht jedermanns Sache.

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