Fussball

Ronaldo-Erbe, Depressionen, Alkoholprobleme: Der Aufstieg und Fall des Imperators Adriano

Adriano spielte 2001/2002 und von 2004 bis 2009 für Inter Mailand.

Sie verschmähten ihn als "Tombadour", verehrten ihn als "Imperator" und den perfekten Stürmer, erwarteten, dass er Fußballgeschichte schreibe. Doch es kam alles anders. Persönliche Tragödien, lange Partynächte, Depressionen und viel Alkohol sorgten für den tiefen Fall von Adriano. Die traurige Geschichte eines designierten Ronaldo-Erben, dessen Dämonen niemand vertreiben konnte.

Im Fußball machen Schüsse unsterblich, unvergessen, erschaffen Götter oder Witzfiguren. Helmut Rahn 1954 wurde durch einen Schuss von der Sechzehnerkante zu einer Legende. Davon können auch Mario Götze oder der Uruguayer Alcides Ghiggia ein Lied singen. Aus Mario Gomez oder Roberto Baggio wiederum wurde mit einem Schuss das Gegenteil. Ein fataler Schuss, der sein Ziel verfehlte, war alles, was es dazu brauchte.

Und so waren es Schüsse, die auch den Brasilianer Adriano Ribeiro Leite prägten - positiv wie negativ. Sie machten ihn einerseits zu dem Fußballer, der als 'Imperator' von den Fans gefeiert wurde, der Ronaldos Erbe antreten sollte, der "Fußballgeschichte schreiben" sollte, wie es Brasiliens Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira einmal sagte. So gut, so brutal, so kraftvoll war seine linke Klebe, mit der er aus gefühlt nahezu jeder Position ab der Mittellinie treffen konnte.

Doch gleichzeitig waren es auch Schüsse, die in Adriano Dämonen hervorriefen. Schüsse, die in Vila Cruzeiro, einem Elendsviertel von Rio de Janeiro, fielen und einen tragischen Einfluss auf die Karriere des heute 38-Jährigen hatten, den Roberto Mancini, Inter Mailands Trainer von 2004 bis 2008, einst als die perfekte Stürmer-Symbiose beschrieb.

Ein Stürmer, der "die Kraft von Gigi Riva, die Beweglichkeit von Marco van Basten und den Egoismus von Romario" gehabt habe, jedoch in Depressionen und Alkohol ertrank und nie sein ganzes Potenzial ausschöpfte.

Adrianos Schicksalsschlag: "Jener Tag veränderte mein Leben"

Spricht man auf diese Weise in der Retrospektive über die Karriere eines Mannes mit Superstar-Potenzial, wirft das eine entscheidende Frage auf: Wann war der Punkt, ab dem alles schiefzulaufen begann? In Adrianos Fall ist die Antwort auf diese Frage einfach.

Es ging bergab seit einer März-Nacht 1992 in der Vila Cruzeiro, als die Polizei das Armenviertel Rios stürmte, um mit einer Razzia gegen die dort ansässigen berüchtigten Drogenbarone des "Comando Vermelho" vorzugehen.

"Jener Tag veränderte mein Leben", sagte Adriano Jahre später in einem Gespräch mit fifaworld.com: "Mit einem Schlag wurde ich erwachsen." Der damals gerade zehn Jahre alte Junge hatte mit ansehen müssen, wie sein Vater Almir Ribeiro, ein Briefträger in den Favelas, von einer Kugel in den Kopf getroffen wurde.

Er überlebte knapp, doch die Kugel blieb in seinem Schädel, weil das Geld für einen operativen Eingriff fehlte. Sie sollte zwölf Jahre später ihr todbringendes Werk vollenden und einen schwelenden Brand in Adrianos Kopf legen, dem er am Ende fußballerisch erlag.

Adrianos Umschulung zum Stürmer: Der Anti-Brasilianer

Dass er zu jenem Zeitpunkt, als das Feuer unlöschbar in der Psyche loderte, überhaupt als Superstar galt, hatte er auch seinem Jugendtrainer bei Flamengo, Luiz Antonio Torres, zu verdanken, der ironischerweise selbst an einer großen Karriere des damaligen Verteidigers Adriano zweifelte.

"Kein besonderes Talent" habe er erkannt: "Er war zwar gut, aber nicht besser als seine Mitspieler", sagte Torres einmal. Überhaupt sei Adriano "schwerfällig, wenig trickreich", ergo ein Anti-Brasilianer gewesen, der nicht schwebe, "wie andere Jungs, wie die großen Spieler Brasiliens".

Doch als der 14-jährige Adriano bei den "Peneiras", den legendären Auswahlverfahren der Profiklubs in Brasilien, zu scheitern drohte, bat Torres den Auswahltrainer darum, Adriano mal ins Sturmzentrum zu stellen. Ein Schicksalsschlag im positivsten Sinne.

Der Anti-Brasilianer hatte seine Position gefunden und walzte fortan durch den Jugendbereich. Bei der U17-WM schoss er Brasilien zum Titel, ein Jahr später folgte sein Debüt für die Profis von Flamengo. Dort brauchte er nur fünf Minuten für seinen ersten von 14 Treffern in seiner ersten Profi-Saison. Zudem legte er drei weitere Tore auf. Sein Stern war endgültig aufgegangen.

Von seinem ersten Gehalt bei Flamengo kaufte er seiner Familie eine Wohnung in Rios Nobelviertel Barra da Tijuca. Da, wo auch sein Idol Ronaldo ein Haus besaß. "Im aufrechten Gang" habe er die Favelas und die darin schwelende Kriminalität, Mord und Totschlag hinter sich gelassen, sagte er später. Währenddessen erreichte die Kunde von seinem Talent auch einen gewissen Massimo Moratti, damals Haupteigentümer von Inter Mailand.

Adrianos märchenhaftes Inter-Debüt: Am Anfang war der Knall

Seine zweite Saison bei Flamengo spielte er nicht mehr zu Ende. Moratti bot den in Italien gescheiterten Vampeta plus fünf Millionen Euro für den bulligen Stürmer, Flamengo akzeptierte und Adriano schloss sich dem Klub an, bei dem der größte brasilianische Stürmer seit Pele spielte: Ronaldo.

Weil dieser noch mit den Folgen seines zweiten Kreuzbandrisses zu kämpfen hatte, kam Adriano nur drei Tage nach dem Wechsel schon zu seinem unverhofften Debüt in einem Freundschaftsspiel gegen Real Madrid. Es waren acht Minuten "reine Magie", wie die ortsansässige Presse hinterher schrieb.

Adriano machte mit Reals Aitor Karanka, was er wollte, tunnelte ihn sogar, ließ Abwehrchef Fernando Hierro wie einen Schuljungen stehen und trat in der 90. Minute zu einem Freistoß an, den er selbst herausgeholt hatte.

Mit nachgemessenen 180 km/h jagte der Unbekannte aus dem Armenviertel von Rio den Ball aus 16 Metern ins rechte obere Eck zum 2:1. Am Anfang von Adrianos Zeit bei Inter war der Knall. Ein Schuss, der ihm Tür und Tor in Italien öffnete.

Adriano auf Leih-Tour in der Serie A: Die "Zona Adriano"

Doch Ronaldos Comeback rückte näher und da waren ja auch noch Christian Vieri und Mohamed Kallon im Sturm der Nerazzurri. Also verlieh Inter den 1,90-Meter-Schrank im Winter erst nach Florenz und dann im Sommer 2002 zur AC Parma.

Die finanziell schwer angeschlagene Fiorentina sollte er im Jahr eins nach dem Abgang des legendären Gabriel Batistuta vor dem Abstieg bewahren. In 15 Spielen traf er sechsmal, oft sogar in letzter Minute wie gegen Chievo Verona und Milan. Auch deshalb liebten ihn die Tifosi in Florenz, weil er ein Spieler war, der die Hölle in den Himmel verwandeln konnte, so wie einst Renato Cesarini.

Der Juventus-Legende ist noch heute der geflügelte italienische Begriff "Zona Cesarini" gewidmet, der für Tore in letzter Sekunde steht. Die "Zona Adriano" gab es in Florenz jedoch nur ein halbes Jahr zu bestaunen. Am Ende der Saison stieg die Fiorentina ab, ging insolvent, bekam die Lizenz entzogen und Adriano wurde weiter nach Parma verliehen.

Dort glänzte er mit seinem kongenialen Partner Adrian Mutu, der wie Adriano später in seiner Karriere an sich selbst scheitern sollte. Das Duo harmonierte so gut, dass Parma für Adriano 14,5 Millionen Euro hinlegte. Als er in den ersten neun Spielen der Saison 2003/04 acht Treffer für Parma erzielt, holte Moratti Adriano im Winter auch auf Druck der eigenen Fans zurück.

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