Fussball

Eine Geschichte von Amin Younes: Ich bete für Appie, meinen kleinen Bruder

Von Amin Younes

Zwei Jahre und neun Monate nach seinem tragischen Herzstillstand bei einem Testspiel gegen Werder Bremen ist Abdelhak Nouri aus dem Koma erwacht. Der einstige Nachwuchsspieler von Ajax Amsterdam schläft, isst und lächelt, wie sein Bruder jüngst im niederländischen Fernsehen verriet. Rührende Neuigkeiten in schwierigen Zeiten - auch für Amin Younes. In einem Gastbeitrag für SPOX und Goal erinnert sich der Profi der SSC Neapel an den Jungen, der für ihn mehr war als ein normaler Mitspieler.

Amsterdam. Juli 2015. Ich hatte Deutschland gerade zum ersten Mal in meiner beruflichen Karriere verlassen, um mich einer neuen Herausforderung zu widmen. Einer großen Herausforderung. Bei einem großen Verein. Ajax.

Ich würde lügen, wenn ich erzählen würde, es hätte auf Anhieb alles funktioniert. Ich plagte mich erst einmal mit einer lästigen Muskelverletzung herum, außerdem kannte ich mich nicht in der Stadt aus und tat mich mit der neuen Sprache schwer. All diese Sorgen sollten sich aber schneller in Luft auflösen als ich dachte, weil ich wunderbare Mitspieler hatte, die mich herzlich aufnahmen und mit meinem neuen Zuhause vertraut machten.

Mitspieler wie Abdelhak Nouri.

Appie, wie ihn jeder im Verein nannte, war bei meiner Ankunft gerade einmal 18 Jahre alt. Fast noch ein Kind. Bei Ajax ist es aber nicht so, dass die Jugendspieler vor irgendetwas oder irgendjemandem in Ehrfurcht erstarren müssen. Erst recht nicht die Jugendspieler, die zu jener Zeit an der Profimannschaft schnupperten.

Appie gehörte der talentierten Clique um Frenkie de Jong, Matthijs de Ligt und Donny van de Beek an. Sie waren neben dem Rasen unzertrennlich. Und auf dem Rasen unheimlich gut. Jeder, der keine Tomaten auf den Augen hatte, wusste: Diese Jungs können es einmal ganz groß rausbringen. Ich schaute mir nach dem Training häufiger noch Spiele von Jong Ajax, der zweiten Mannschaft, an und kam nicht mehr aus dem Staunen heraus, als ich sie spielen sah. Insbesondere Appie. Er machte mit seiner Ballsicherheit, seiner Dribbelstärke und seiner Übersicht den Unterschied. Wenn ich ihn dann bei uns im Training sah, dachte ich mir jede Woche aufs Neue: Mensch, der Junge wird immer besser!

Appie war ein Supertalent. Bereit, die Welt zu erobern.

Das wirklich Schöne an ihm aber war nicht das, was er machte, wenn der Ball rollte. Es war das, was er machte, wenn der Ball ruhte. Er war keiner, der sich wie so einige junge Spieler heutzutage erst einmal das Handy und die Kopfhörer schnappte. Er war aufgeschlossen. Redselig. Wissbegierig. Saugte alles auf, was man ihm erzählte - besessen von dem Traum, es weit zu bringen.

Wir beide entwickelten allein wegen unseres Glaubens schnell ein enges Verhältnis zueinander. Gemeinsam mit Anwar El Ghazi, einem weiteren Muslim in unserer damaligen Mannschaft, beteten wir oft in der Kabine. Und als 2016 während eines Trainingslagers der Ramadan anstand, trafen wir uns nach Sonnenuntergang immer in einem unserer Hotelzimmer, um zusammen zu essen. Das waren vielleicht Festmähler!

Appie gefiel mir einfach vom ersten Tag an als Mensch.

Ein Mensch mit einer Bescheidenheit, wie ich sie selten zuvor bei einem Mitspieler sah. Das hing auch mit seiner Kindheit und seiner Erziehung zusammen. Als Sohn marokkanischer Einwanderer wuchs Appie nicht gerade in der nobelsten Ecke von Amsterdam auf. Seine Eltern lehrten ihm, gütig gegenüber seinen Mitmenschen zu sein und sich auch mit wenig zufrieden zu geben. Sein älterer Bruder Mohammed zeigte mir einmal den Bolzplatz, auf dem Appie als Kind gekickt hatte. Es war ein heruntergekommener Platz. Aber Appie war das egal gewesen. Ich merkte auch im Training bei Ajax immer wieder, mit viel viel Lebensfreude ihn das Fußballspielen erfüllte. Und ich war mir spätestens nach seinen starken Auftritten in der Saison 2016/17, als wir das Finale in der Europa League erreichten, sicher: Nichts kann diesen Jungen stoppen.

Leider lag ich falsch. Leider passierte das, was am 8. Juli 2017 passierte.

Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen. Ich hatte ein paar Tage vorher den Confed Cup mit Deutschland gewonnen und mich mit meinem Vater in meine libanesische Heimat begeben, um ein wenig abzuschalten. Ich öffnete den Liveticker auf meinem Smartphone, um zu erfahren, wie wir uns gegen Werder Bremen schlugen. Und dann sickerte plötzlich durch, dass irgendetwas Schlimmes mit Appie passiert war. Ich dachte erst, er hätte einen kleinen Schwächeanfall wegen des Ramadans erlitten - oder weil es einfach zu heiß war. Aber ein paar Stunden später rief mich Dennis Bergkamp an und bat mich, so schnell wie möglich nach Österreich ins Trainingslager zu kommen.

Die Anreise war für mich die reinste Katastrophe. Ich hatte einen Kloß im Hals und betete für meinen kleinen, gerade einmal 20 Jahre alten Bruder. Als ich, der einzige Resturlauber, im Trainingslager ankam und in den Besprechungsraum ging, sah ich nur versteinerte Gesichter. Der Mannschaftsarzt teilte uns daraufhin mit, was mit Appie geschehen war. Viele brachen dabei sofort in Tränen aus. Es war die Hölle. Besonders für seine drei engsten Freunde Frenkie, Matthijs und Donny, denn sie kannten Appie ja schon von Kindesbeinen an und damit besser als ich, El Ghazi und alle anderen. In mir herrschte im ersten Moment nur eine unglaubliche Leere.

Ich konnte das alles noch gar nicht realisieren. Ich sah in diesem Moment immer noch den wunderbaren Fußballer mit der Nummer 34 vor mir, dem alle Türen offen standen. Das Supertalent.

Das ist Appie heute nicht mehr. Er wird nicht mehr spielen. Aber wir, seine Freunde, werden ihn niemals vergessen. Ich trage seine 34 bei meinem aktuellen Verein, um ihm Tribut und Respekt zu zollen. Um mir täglich all die schönen Momente vor Augen zu führen, die wir zusammen erlebt haben. Ich habe seine Familie seit dem Unglück vom 8. Juli 2017 häufiger besucht und weiß, dass er in besten Händen ist. Seine Eltern und seine Geschwister gehen vorbildlich mit der Situation um. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch. Und wer weiß, vielleicht erkennt Appie mich eines Tages und wir lachen noch einmal so wie früher.

Ich hoffe es. Ich bete dafür. Für Appie. Den lebhaften Jungen. Den Träumer von der Straße. Meinen kleinen Bruder.

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