Fussball

"Die Polizei schlief bei uns im Haus": Warum Holland-Legende Johan Cruyff auf die WM 1978 verzichtete

Von Oliver Maywurm
Warum Johan Cruyff bei der Weltmeisterschaft 1978 fehlte, wusste lange kaum jemand.

In Holland sind viele bis heute überzeugt, mit Johan Cruyff wäre man 1978 Weltmeister geworden. Warum der Superstar fehlte, wusste lange kaum jemand.

Vier Jahre lang hatte ganz Holland darauf hingefiebert. Der Stachel, 1974 ausgerechnet gegen die ungeliebten deutschen Nachbarn das WM-Finale verloren und damit nach überragendem Turnier den ganz großen Wurf verpasst zu haben, er saß tief. Zumal Oranje, da waren sich auch alle Experten einig, dem DFB-Team fußballerisch klar überlegen gewesen war. Jetzt, 1978, sollte es endlich so weit sein, dass sich die Goldene Generation um Superstar Johan Cruyff mit diesem so begehrten Pokal belohnt.

Sie hatten ja nicht nur Cruyff. Da waren noch Ruud Krol, Johan Neeskens, Arie Haan oder Rob Rensenbrink, die für den berühmten "Voetbal Totaal", den totalen Fußball standen, mit dem die Holländer in den 1970er Jahren die Welt begeisterten. Aber Cruyff war ganz sicher ihr Anführer, an seine Eleganz am Ball, sein unbeschwertes Spiel reichte seinerzeit kein anderer heran.

Er war im Weltfußball das, was zuvor Pele gewesen war, was später Diego Maradona oder Zinedine Zidane wurden und in der jüngsten Vergangenheit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind.

Er war der Beste, gewann dreimal den Ballon d'Or, führte Ajax Amsterdam Anfang der 70er dreimal in Folge zum Triumph im Europapokal der Landesmeister. Okay, im Sommer 1978 war Cruyff immerhin schon 31 Jahre alt - ein Auslaufmodell war er aber längst nicht. Gerade hatte er mit Barcelona den spanischen Pokal geholt, ja sogar noch einige Jahre später sollte er nach seiner Rückkehr in die Niederlande zuerst Ajax und dann Feyenoord noch einmal zu Meistertiteln führen.

Johan Cruyff: Spekulation über sein Fehlen bei der WM 1978

Umso größer war die Enttäuschung darüber, dass Cruyff die WM 1978 in Argentinien sausen ließ. Auch ohne ihn schaffte es Oranje zwar ins Finale, dort unterlag man jedoch den Gastgebern mit 1:3 nach Verlängerung und war wieder kurz vor dem Ziel gescheitert. "Wenn Cruyff gespielt hätte, wären wir Weltmeister geworden", sagte Marteen Wijffels, ein holländischer Sportjournalist, Jahre später dem Guardian - und sprach damit wohl die Gedanken all seiner Landsleute aus.

Über den wahren Grund für die Abwesenheit Cruyffs, der seitdem nie wieder für Holland spielte und sein letztes von 48 Länderspielen damit im Oktober 1977 gegen Belgien machte, konnte man fast 30 Jahre lang nur spekulieren. Einige unkten, seine Frau Danny Coster habe ihn dazu überredet, andere sprachen von Unstimmigkeiten mit dem holländischen Verband. Wieder andere vermuteten, Cruyff boykottierte das Turnier wegen der damals kritischen Menschenrechtslage im Gastgeberland Argentinien.

Cruyff, der im März 2016 mit 68 Jahren infolge einer Krebserkrankung verstarb, brachte erst 2008, drei Jahrzehnte nach seiner mysteriösen Abwesenheit, Licht ins Dunkel. In einem Interview mit Catalunya Radio enthüllte er, dass er wegen eines wenige Monate vor der Weltmeisterschaft erfolgten Entführungsversuches auf die Chance verzichtete, seine ruhmreiche Karriere auch noch mit dem WM-Pokal zu krönen.

"Sie sollten wissen, dass ich am Ende meiner Zeit als Spieler hier (in Barcelona, d. Red.) einige Probleme hatte", sagte Cruyff, der im Sommer 1978 von Barca zu den Los Angeles Aztecs in die USA wechselte, und führte aus: "Ich weiß nicht, ob sie davon gehört haben, dass mir jemand ein Gewehr an den Kopf hielt und meine Frau vor den Augen meiner Kinder in unserem Haus in Barcelona fesselte."

Wie er den Entführungsversuch letztlich vereitelte, verriet Cruyff nicht. Glücklicherweise gelang es ihm jedoch, auch mit Hilfe der Polizei. Die Zeit danach wurde dennoch zum Albtraum: "Polizisten begleiteten unsere Kinder auf dem Weg zur Schule. Die Polizei schlief sogar drei oder vier Monate lang bei uns im Haus und ich fuhr mit einem Bodyguard zu den Spielen", erklärte Cruyff.

Johan Cruyff: "Ich konnte nach dieser Zeit keine WM spielen"

Seine Sicht auf das Leben habe sich durch diese komplizierten Monate gewandelt, betonte er. "In solchen Momenten zählen andere Werte im Leben. Wir wollten von nun an ein bisschen zurückhaltender sein und den Fußball vorerst hintanstellen. Ich konnte nach dieser Zeit keine WM spielen."

Cruyff, der seine Vereinslaufbahn noch für weitere sechs Jahre fortsetzte, sagte also ab, flog nicht mit dem Nationalteam nach Argentinien. Indirekt sorgte er damit auch dafür, dass die Geschichte eines Spiels, das schon damals weit zurücklag, an Bedeutung gewann: Nämlich jenes vom Intercontinental Cup 1972, dem Vorgänger des Weltpokals und Vor-Vorgänger der Klub-WM.

Cruyff und Ajax trafen seinerzeit als Europapokalsieger der Landesmeister auf den Gewinner der Copa Libertadores, auf den argentinischen Traditionsklub Independiente. Das Hinspiel in Avellaneda, im Großraum von Buenos Aires, sollte die einzige Partie sein, die der große Johan Cruyff jemals auf südamerikanischem Boden spielte.

Johan Cruyff im Steckbrief

Geboren25. April 1947 in Amsterdam, Niederlande
Gestorben24. März 2016 in Barcelona, Spanien
NationalitätNiederlande
Größe178 Zentimeter
PositionOffensives Mittelfeld, Sturm
StationenAjax Amsterdam, FC Barcelona, Los Angeles Aztecs, Washington Diplomats, UD Levante, Feyenoord Rotterdam
Länderspiele / Tore48 / 33

Johan Cruyff: "Du wirst mich nicht wieder treten"

Nur kurz zeigte er dabei sein Genie, als er Ajax nach fünf Minuten durch einen wunderbaren Heber über den Torwart hinweg in Führung brachte. "Cruyff war elektrisierend, wie ein Blitz", schwärmte Independientes damaliger Keeper Miguel Santoro einmal gegenüber Pagina 12. "Als ich rauslief, um ihn zu stoppen, lupfte er den Ball einfach über mich hinweg."

Dass Cruyff ein weiterer Treffer gelang, verhinderte wenig später Independientes beinharter Verteidiger Dante Mircoli. Als letzter Mann ließ er sich den Ball vom Ajax-Spielmacher abluchsen und wusste sich dann nicht anders zu helfen, als Cruyff auf dessen Weg in Richtung Tor mit einem Tritt auf den Knöchel zu stoppen.

Der Gefoulte nahm dankend an - offenbar auch, um im damals nicht sonderlich beliebten Intercontinental Cup vorzeitig unter die Dusche zu können: "Er ging mit einer Knöchelverletzung vom Platz - und ich sage ihnen, da steckte Berechnung dahinter", sagte Mircoli 2019 in einem Interview mit Infobae.

Das Spiel endete letztlich 1:1, drei Wochen später holte sich Ajax im Rückspiel mit dem wieder genesenen Cruyff dank eines 3:0-Erfolgs den Intercontinental Cup. Und der Superstar erinnerte sich noch gut 20 Jahre später an Mircolis Foul, als letzterer geschäftlich in Barcelona war und den damaligen Barca-Coach Cruyff beim Besuch einer Trainingseinheit der Blaugrana traf. "Er rief mir zu: 'Du wirst mich nicht wieder treten'", erzählte Mircoli. "Ich begrüßte ihn, wir redeten ein bisschen, dann ging ich wieder. Es war toll. Immer, wenn ich in Barcelona war, fragte ich, ob wir uns treffen sollen."

Und dennoch: Johan Cruyff hätte sich wohl andere Erinnerungen an Fußballspiele in Südamerika gewünscht als nette Plauschereien mit einem ehemaligen Gegenspieler. Viel lieber wäre ihm der Gewinn des WM-Pokals gewesen.

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