Fussball

FK Sarajevos bewegende Geschichte: Von Serben beschossen, der Belagerung entkommen, die Welt bereist

© SPOX

Als Sarajevo im Zuge des Bosnien-Krieges in den 1990er Jahren belagert wurde, beschlossen die Fußballer des FK Sarajevo, die Stadt zu verlassen: Sie flüchteten unter serbischem Beschuss und bereisten als Botschafter Bosnien-Herzegowinas die Welt.

Hinten ragen die vier mächtigen Flutlichtmasten des Kosevo Stadions von Sarajevo in den Himmel und vorne Hunderte weiße Grabsteine. Vielleicht auch Tausende. Darunter begraben liegen Hunderte Menschen, die bei der Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges zwischen 1992 und 1995 ums Leben gekommen sind. Vielleicht auch Tausende.

1425 Tage lang war die Stadt damals von der serbischen Armee und der Armee der bosnischen Serben umzingelt, Von den umliegenden Bergen wurde auf Sarajevo herabgeschossen: auf Häuser, auf Menschen, auf alles. Rund 11.000 Tote forderte die Belagerung. Um Platz für Friedhöfe zu schaffen, mussten irgendwann auch Trainingsplätze des FK Sarajevo weichen. Wo jetzt Tote liegen, wurde früher gespielt.

Der Flughafen als einziger Ausweg

Als in der Stadt nicht mehr gespielt werden konnte, wollten die Fußballer des FK Sarajevo auf das Spielen aber nicht verzichten. Es war am 22. Februar 1993, als die Flucht begann. Es gab nur eine Möglichkeit, die Stadt zu verlassen und das war über den Flughafen, den UN-Kräfte hielten. Er diente als Luftbrücke in die italienische Stadt Ancona, von wo aus Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter eingeflogen werden konnten. Hinter dem Flughafen wartete freies, bosnisches Territorium.

Der Korridor von der Stadt zum Flughafen war schmal, links und rechts lauerten serbische Heckenschützen. Keiner sollte die belagerte Stadt ihrer Meinung nach verlassen oder betreten - und die Flughafenbesetzer dahinter hatten die gleiche Vorgabe. Die United Nations Protection Force (UNPROFOR) war zur Neutralität verpflichtet und durfte niemanden durchlassen. Zwei Hürden galt es also zu nehmen.

Schüsse und das Taxi in die Freiheit

"Wir haben uns in der Nähe des Flughafens hingekniet, bis ein Beamter, der uns begleitete, rief: 'Rennt um euer Leben!'", erinnert sich der damalige Trainer des FK Sarajevo Fuad Muzurovic im Buch "Behind the Curtain" von Jonathan Wilson. Wir, das waren Spieler, Trainer und andere Vereinsmitarbeiter. "Mit unseren Taschen auf dem Rücken sind wir knapp 200 Meter gerannt, während auf uns geschossen wurde." Sie überlebten den Korridor und erreichten UN-Gebiet.

"Als wir dort die Scheinwerfer eines Panzers sahen, haben wir uns sofort umgedreht und so getan, als wären wir auf dem Weg nach Sarajevo. Die UN-Soldaten fanden uns, packten uns in einen Transporter und brachten uns in das freie Territorium, wo sie dachten, dass wir herkommen", sagt Muzurovic. Es war das Taxi in die Freiheit.

Zu Fuß, mit dem Truck und dem Bus nach Kroatien

In der Freiheit aber war es kalt und überall lag Schnee. Zwei Tage wanderten die Spieler, Trainer und Vereinsmitarbeiter weiter, dann erreichten sie eine Kleinstadt. Dort hielt ein Truck und nahm sie mit. Mit einem Bus ging es schließlich über die Grenze nach Split. In Kroatien absolvierte der FK Sarajevo zwei Freundschaftsspiele gegen die Top-Klubs Hajduk Split (0:4) und Dinamo Zagreb (0:1).

Bis vor kurzem hatten sie noch gemeinsam in der jugoslawischen Liga gespielt. Split und Zagreb bildeten gemeinsam mit Roter Stern Belgrad und Partizan Belgrad die großen Vier des jugoslawischen Fußballs. Die, die es zu schlagen galt. Der FK Sarajevo schaffte das zweimal, 1967 und 1985 holte der Klub den Titel - als einer von nur drei Vereinen außerhalb der großen Vier.

Der FK Sarajevo war der beliebteste Klub in Bosnien-Herzegowina, das nun eine eigene Nation werden wollte. Genau wie es in den Monaten zuvor schon Slowenien und Kroatien geschafft hatten. Das Streben nach Unabhängigkeit war der Grund für Krieg und Belagerung. Die Fußballer des FK Sarajevo verfolgten all das fortan aus der Ferne. "Wir waren sowas wie Botschafter", sagt Mirza Varesanovic, einer der geflüchteten Spieler, in Wilsons Buch.

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