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FIFA-Phänomen Matteo Brighi: Besser als Messi und keiner weiß, warum

Matteo Brighi hatte bei FIFA 03 einen Gesamtwert von 97.

Er war besser als Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo - zumindest in der Videospiel-Welt: Matteo Brighi ist der Spieler mit dem zweithöchsten FIFA-Gesamtwert aller Zeiten. Doch kaum einer kennt ihn.

Sie wussten nicht, was sie tun. Das ist vermutlich die einzige Erklärung für diese 97.

Sie, das sind die Entwickler von EA Sports. 97, das ist die Gesamtstärke, die Matteo Brighi bei FIFA 03 hatte. 97! In der immerhin über 20 Jahre langen Historie des Videospiels erreichte nur der Brasilianer Ronaldo einen noch höheren Score (98 in FIFA 04). Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo kommen nicht einmal in die Nähe von Brighi.

Die beiden fünfmaligen Ballon-d'Or-Gewinner kamen nie über einen Gesamtwert von 94 hinaus. Die höchste persönliche Auszeichnung, die Brighi hingegen gewann, war die des besten Nachwuchsspielers der Serie A in der Saison 2001/02.

Carlo Ancelotti: "In gewisser Weise ähnelt er mir"

Es war Brighis Durchbruch im italienischen Oberhaus. Er wurde von Juventus für ein Jahr an den FC Bologna verliehen. Die Rossoblu führte er als lauf- und zweikampfstarker Mittelfeldspieler bis auf Platz sieben der Serie A. Er glänzte dabei nicht, war an keinem Tor beteiligt, aber überzeugte durch sein sicheres Passspiel und seinen Einsatz.

"In gewisser Weise ähnelt er mir, er ist ein einfacher, linearer Spieler", sagte der damalige Juve-Trainer Carlo Ancelotti, unter dem Brighi sein Serie-A-Debüt feierte. Elf Einsätze verzeichnete der 19 Jahre alte Brighi in seinem Rookie-Jahr. In Bologna sollte er Erfahrung sammeln, bevor er zurück zur Alten Dame kehrte.

Brighi nutzte diese Chance, avancierte in Bologna zum Stammspieler und wurde fester Bestandteil der U21 Italiens, wo er Spielmacher Andrea Pirlo den Rücken freihielt. Doch schon zuvor war um ihn ein Mythos kreiert. Brighi wurde zum Jahrhunderttalent hochgejubelt. Sein Arbeitgeber Juventus trug eine Mitschuld daran.

Matteo Brighi im Steckbrief

geboren14. Februar 1981 in Rimini (Italien)
Größe1,78 m
Gewicht77 kg
Positionzentrales Mittelfeld
starker Fußrechts
StationenRimini, Juventus, Bologna, Parma, Brescia, AS Rom, Atalanta, AS Rom, FC Turin, US Sassuolo, Bologna, Perugia, Empoli
Serie-A-Spiele/-Tore405/25

Brighi über seine 97er-Wertung: "Ich weiß auch nicht"

Heutzutage werden Talente meist behutsam aufgebaut. Am liebsten würden ihre Klubs sie vor der Öffentlichkeit verstecken (siehe Youssoufa Moukoko). Vor 19 Jahren gab Juve-Boss Luciano Moggi nicht viel auf Understatement oder die gute alte Euphoriebremse. Er brauchte einen Hoffnungsträger, der die Juve-Fans von der neuen Transferpolitik überzeugen soll. Juve setzte vermehrt auf junge Talente, holte Spieler wie Andreas Isaksson, Sergio de Windt, Vincent Pericard, Ronnie O'Brien - und eben Brighi. Einige der Youngster waren bereits zu Flops deklariert worden, weswegen Juve alle Hoffnungen in Brighi setzte.

Moggi verglich ihn also kurzerhand mit Real-Legende Fernando Redondo, damals schon zweimaliger Champions-League-Sieger und spanischer Meister. Brighi sei sogar besser als der Argentinier.

Das alles löste bei den FIFA-Entwicklern von EA Sports offenbar einen derart unverhältnismäßigen Hype aus, dass sie Brighi die Gesamtwertung 97 verpassten. Eine Entscheidung, die nicht einmal Brighi selbst nachvollziehen kann. "Ich weiß auch nicht. Da müssen Sie die Hersteller fragen. Ich bin kein großer Fan von Videospielen, ich zocke höchstens noch MLB", sagte er Jahre später zu ESPN.

Zu wenig Strahlkraft: Brighi "spricht nicht, er flüstert"

Trotz der viel zu hohen Erwartungshaltung war Brighi zweifelsohne ein großes Talent. Dass er den Durchbruch in Turin nicht schaffte, hatte viele Gründe. Aufgrund der großen Konkurrenz im Mittelfeld (Antonio Conte, Edgar Davids, Zinedine Zidane) war der Schritt zu Juventus einfach zu groß für den damals 20-Jährigen.

Dabei sollte Brighi schon als 18-Jähriger zur Alten Dame kommen. Er selbst entschied sich jedoch dagegen. "Ich bin noch nicht bereit", erklärte er, blieb ein weiteres Jahr in Rimini und schloss sein Diplom zum Buchhalter ab. Doch auch danach war er nicht bereit.

Juventus verlieh ihn also. Trotz seiner starken Saison in Bologna war Brighi nurmehr ein Tauschmittel. Er wurde im Transfer von Marco Di Vaio verrechnet und an Parma verhökert. Brighi war zwar noch immer ein riesiges Talent, brachte jedoch zu wenig Strahlkraft mit sich. "Er sollte weniger schüchtern sein", erkannte Ancelotti früh. Emanuele Gamba von La Repubblica schrieb 2000: "Er spricht nicht, sondern flüstert. Er bewegt sich, als ob er immer um Erlaubnis fragen würde."

Seine devote Art passte zu seinem Spielstil. "Ich rede nicht gern, ich arbeite", sagte Brighi einst zu Sky Italia. Trainerlegende Marcelo Lippi bezeichnete Brighi 2008 als einen der fleißigsten Mittelfeldspieler überhaupt. Doch trotz der vorbildhaften Arbeitsethik stagnierte Brighis Entwicklung. Er war oft verletzt, kämpfte mit Trainingsrückstand und hinkte der Konkurrenz hinterher.

Matteo Brighi: Pokalsieger, Nationalspieler, FIFA-Legende

Dennoch entwickelte er sich zu einem guten Serie-A-Spieler. 2004 kehrte er zu Juventus zurück, nur um in einem erneuten Tauschgeschäft mit AS Roms Emerson verrechnet zu werden. Von der Roma wurde er direkt für drei Jahre in Verona geparkt. Nach seiner Rückkehr etablierte sich Brighi in der Hauptstadt, erlebte die Hochphase seiner Karriere. Er gewann die Coppa Italia, spielte Champions League und feierte unter Giovanni Trapattoni sein Debüt für die A-Nationalmannschaft. Mehr als vier Mal lief er für die Squadra Azzurra aber nicht auf.

Brighi ist im Reinen mit seiner Karriere. Die vermeintlich große Bürde der 97 bei FIFA kümmerte ihn nie. Ex-Roma-Keeper Julio Sergio erinnert sich an Brighi als "extrem intelligenten, kultivierten" Typen. An einen, der "anders war als der Standard".

Heute ist Brighi 38 Jahre alt, kam in der vergangenen Saison noch auf zehn Kurzeinsätze für Serie-A-Absteiger Empoli. Nun ist er vereinslos. Vermutlich verlässt er ganz Brighi-like still und heimlich die Fußballbühne, der einst beste Spieler der Welt.

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