Fussball

Dmitri Sychev: Von Russlands Wunderkind zum "Abseits-Sychev"

Von Thomas Weber
Dmitri Sychev war 2004 Fußballer des Jahres in Russland.

Er galt in Russland als Wunderkind, mittlerweile kickt er in Armenien. Dmitri Sychevs Karriere ist wahrlich keine gradlinige. Sie ist ein Auf und Ab, eine Geschichte voller Möglichkeiten und Rückschläge.

Sychev wird Russlands Fußballer des Jahres, durchlebt eine viermonatige Sperre, gewinnt die Meisterschaft in seinem Heimatland und landet 2019 über Umwege in Armenien. Mit 35. Endet seine Geschichte dort? Ein Porträt.

"Er will einfach nur Fußball spielen", sagt der russische Journalist Ilya Sokolov, der unter anderem für Russian Football News schreibt. Dies allerdings darf Dmitri Sychev im Laufe seiner Karriere nicht immer - und so stürzt der Angreifer vom "Wunderkind Russlands" bis in die fußballerische Bedeutungslosigkeit. Zwischenzeitlich geht Sychev vielen anderen Beschäftigungen nach, so rappt er etwa bei den MTV Music Awards, spielt in einem Film mit, versucht sich als DJ und Surfer und hat seit neustem eine eigene YouTube-Show.

Es sind die ungewöhnlichen Folgen einer Karriere, die eigentlich sehr vielversprechend beginnt. "Er war einer der zwei, drei talentiertesten Spieler Russlands", sagt Sokolov zu SPOX und Goal. Im Gespräch mit ihm lässt sich heraushören, wie er den guten Zeiten des Stürmers ein wenig nachtrauert. Diese begannen 2002: Bei der WM in Japan und Südkorea debütiert Sychev mit gerade einmal 18 Jahren und 222 Tagen für die russische Auswahl - bis heute Rekord.

Dmitri Sychev, der WM-Held Russlands

In seinem Debüt gegen Tunesien legt nach gerade einmal vier Minuten den 1:0-Treffer von Jegor Iljitsch Titov auf, holt den Elfmeter heraus, der zum 2:0 für die Sbornaja führt, und wird Spieler des Spiels. Ein kometenhafter Aufstieg: "Hätte mir vor sechs Monaten jemand gesagt, dass ich zur WM fahre, hätte ich demjenigen psychiatrische Hilfe empfohlen", sagt Sychev später.

Im letzten Gruppenspiel gegen Belgien gelingt Sychev sogar sein Debüttreffer, dieser allerdings ändert nichts an der Niederlage. Russland scheidet aus. Nach dem Schlusspfiff zeigt sich der 18-Jährige im Gegensatz zu seinen Mitspielern emotional, bricht in Tränen aus - und wird so zum Gesicht der Niederlage.

"Diese Tränen waren wundervoll, weil der Junge dort war, um sein Mutterland zu retten", kommentiert etwa der russische Journalist Viktor Shenderovic. "Nicht alles ist verloren, wenn Jungen noch weinen!", titelt die russische Sport-Express.

Nach der WM geht es bergab

Vieles verloren geht in der Folge allerdings für Sychev. Binnen zwei Monaten wird er vom Helden der Nation zum Buhmann. Warum? Das ist bis heute nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass zwischen Sychev und seinem Verein Spartak Moskau ein neuer Vertrag im Raum steht, vermutet werden Verstrickungen krimineller Gruppen in das Geschehen.

Angeblich fordert der Stürmer nach seinen Leistungen bei der WM eine angepasste Entlohnung. "Er wollte nur, was ihm zustand", sagt Ilya Sokolov. Mit von der Partie ist wohl auch die Mafia, die mitverdienen will. Ob Sychev zu viel verlangt? Oder Spartak die ausgehandelte Summe einfach nicht zahlt? Unklar. Am Ende wird Sychev für sechs Monate gesperrt. Die offizielle Begründung lautet schlicht "Vertragsbruch".

Auf eine Erklärung Sychevs wartet man in Russland bis heute. Er habe "Angst, darüber zu sprechen", sagt Sokolov. Spartak-Präsident Andrei Chervichenko spricht sich damals mit den anderen 15 Klubs der russischen Liga ab und sorgt so dafür, dass Sychev während seiner Sperre nirgends mittrainieren, geschweige denn -spielen darf.

Im August 2002 beginnt so die erste ungewollt fußballfreie Zeit in Sychevs Karriere - es soll nicht die einzige bleiben.

Sychev versucht den Neuanfang in Frankreich

Als er dann endlich wieder kicken darf, zieht es Sychev ins Ausland. Er wechselt in die Ligue 1 zu Olympique Marseille - und liefert auch dort auf Anhieb. In seinem ersten Spiel von den Fans mit einer riesigen Russlandflagge und Gesängen des bekannten russischen Volksliedes "Kalinka" empfangen, netzt Sychev in seinen ersten fünf Spielen zwei Mal. Auch der entscheidende Treffer in der Champions-League-Quali ist ein Sychev-Tor.

Ganz zurecht kommt der damals 19-Jährige im fremden Land aber nicht. "Er hatte Heimweh", sagt Sokolov. Und so zieht es Sychev zurück in die Heimat, er wechselt zu Lokomotive Moskau. Dort fühlt er sich pudelwohl: In seinem ersten Jahr wird er mit seinem neuen Klub Meister, trifft 16 Mal in der Liga und wird Russlands Fußballer des Jahres. "Er war damals ein Star, Russlands bester Stürmer - und auf dem Weg zu einer Legende", erinnert sich Sokolov.

Es ist auch die Zeit, in der auf einmal auffällig viele junge, weibliche Fans in Lokomotives RZD-Arena strömen. Sie alle wollen den attraktiven Dmitri Sychev sehen. Bis heute werden die Lok-Fans von rivalisierenden Anhängern aufgrund dieser Zeit als "Girls" verspottet.

Kreuzbandriss: Sychev Karriere scheitert endgültig

Dann aber folgt der nächste Bruch in der immer noch jungen Karriere, Sychev ist gerade 21 Jahre alt. Kurz vor Ende der Saison gastiert Lokomotive als Tabellenführer in Kasan und dort passiert es: Sychev reißt sich das Kreuzband. Ohne ihn verliert Lokomotive das Spiel und letztlich auch die Meisterschaft. Neun Monate soll es dauern, bis Sychev sein Comeback gibt.

Als er endlich wieder "einfach nur Fußball spielen" kann, ist Sychev allerdings ein Schatten seiner selbst. Er färbt sich die Haare blond, genießt seinen Status als Frauenschwarm und handelt sich den Spitznamen "Abseits-Sychev" ein. Ein Spitzname, der sich auf zweierlei bezieht: seine Vorliebe, auf dem Platz im Abseits zu stehen - und seine Tätigkeiten abseits des Platzes. Letztlich verleiht ihn Lok aufgrund ungenügender Leistungen bis zu seinem Vertragsende.

Dmitri Sychev: "Vielleicht packt er nach seiner Karriere aus"

Im Januar 2016 steht das einstige "Wunderkind Russlands" ohne Verein und ohne Perspektive da, kein Verein zeigt Interesse am Stürmer. "Als er keine Angebote hatte, hat er eben etwas anderes gemacht", sagt Sokolov, der auch von Zukunftsängsten und schlaflosen Nächten Sychevs berichtet. "Etwas anderes" ist in diesem Fall eine Rolle im Film "Trener - Coach", der von einem Stürmer handelt, der nach einem fatalen Fehler aus dem großen Fußballgeschäft aussteigt.

Ganz steigt Sychev in der Folge aber nicht aus, 2017 zieht es ihn nach einem Jahr Pause zum russischen Drittligisten Lokomotive Kazanka. Sein Engagement dort endet nach nur einem Jahr, es folgt eine erneute Pause. Mittlerweile ist Sychev 35 Jahre alt und bei Pyunik Erewan in Armeniens erster Liga untergekommen. Endet seine Geschichte dort? "Vielleicht packt er nach seiner Karriere aus", sagt Sokolov. Aufzulösende Rätsel gibt es in der Karriere des Dmitri Sychev schließlich noch genug.

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