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Fussball

Christian Eriksen weiter auf dem Weg der Besserung - Kasper Hjulmand übt Kritik

Von SPOX/sid
Dieser junge Fußballfan und Eriksen-Unterstützer wurde am Sonntag im Londoner Wembley Stadion fotografiert.

Christian Eriksen befindet sich nach seinem Kollaps weiter auf dem Weg der Besserung. Die Fußballwelt zeigt sich solidarisch, die Kritik an der Fortsetzung des Spiels zwischen Dänemark und Finnland nimmt zu. Fragen und Antworten zum Fall im Überblick.

Auch nach dem Tag, an dem der Fußball einer seiner größten Tragödien entronnen war, befand sich ganz Dänemark noch im Schockzustand. Das Drama um Mittelfeldstar Christian Eriksen ließ niemanden kalt. Die Fernsehsender des Landes kannten am Sonntag kein anderes Thema, am Nachmittag dann sagte Sportdirektor Peter Möller: "Die Spieler möchten das Turnier zu Ende spielen. Es mag sich hart anhören, aber das Leben geht weiter."

Der Schrecken über den Vorfall aber wirkte nach, auch wenn es aus dem dänischen Lager, das von Krisenpsychologen betreut wird, am Sonntag positive Nachrichten gab. Eriksen sei stabil, teilte der nationale Verband DBU mit. Man habe am Morgen mit ihm sprechen können, den Spielern habe es einen "riesigen Boost gegeben, als sie ihn lachen gesehen haben", berichtete Hjulmand und fügte bewegt hinzu: "Er hat uns gefragt, wie es uns geht. Das ist typisch Christian, dass er mehr an andere denkt als an sich."

Eriksen: Was ist passiert?

Eriksen war in der 43. Minute des EM-Spiels Dänemarks gegen Finnland (0:1) nach einem Einwurf ohne Fremdeinwirkung nach vorne auf den Rasen gefallen und kollabiert. Nach erster Einschätzung des behandelnden Kardiologen Jesper Kjärgaard war der Kollaps die Folge eines Herzinfarktes. Jedoch darf Eriksen auf eine vollständige Genesung hoffen. "Ich denke, er wird auf jeden Fall wieder auf die Beine kommen", sagte er dem dänischen Sender TV2.

Danach hatte es quälend und schier endlose 50 Minuten am Samstag zunächst nicht ausgesehen. "Wir haben es geschafft, ihn zurückzuholen", schilderte Dänemarks Mannschaftsarzt Martin Boesen am Sonntag die dramatischen Szenen.

Spieler und Zuschauer hielten sich im Parken-Stadion entsetzt die Hände vors Gesicht - die Schockwelle erfasste ganz Europa. Eriksens Freundin kämpfte sich auf das Feld. Die Dänen stellten sich auf Anweisung ihres Kapitäns Simon Kjaer im Kreis um Eriksen und die Notärzte auf, um einen Sichtschutz zu bilden. Hjulmand sank betend auf die Knie. Die Finnen verließen mit Tränen in den Augen den Platz. Als Eriksen vom Platz getragen wurde, war er bei Bewusstein, er meldete sich wenig später aus dem Krankenhaus bei seinen Mannschaftskameraden. Um 20.30 Uhr wurde die Partie fortgesetzt.

Eriksen: Hatte er schon mal Herzprobleme?

Nein. Der Mannschaftsarzt von Eriksens Arbeitgeber Inter Mailand zeigte sich überrascht vom Vorfall. "Weder bei Tottenham noch bei Inter hat es irgendwelche Hinweise auf eine mögliche Erkrankung gegeben. Und in Italien gibt es sehr strenge Kontrollen", sagte Piero Volpi der Gazzetta dello Sport . Der Teamkardiologe Tottenham Hotspur, Sanjay Sharma, sagte der Daily Mail, dass bei Eriksen während der Untersuchungen zu seiner Zeit in der Premier League (2013 bis 2020) nie irgendwelche Auffälligkeiten oder Vorerkrankungen festgestellt worden seien. "Er hatte weder Covid-19 noch wurde er geimpft", präzisierte Inter-Direktor Beppe Marotta noch.

Eriksen: Wieso wurde die Partie fortgesetzt?

Eriksen selbst soll seinen Mannschaftskameraden aus dem Krankenhaus den Wunsch mitgeteilt haben, weiterzuspielen. Die UEFA teilte mit, die Partie sei "auf Wunsch" beider Teams zu Ende gespielt worden. Dänens Nationaltrainer Kaspar Hjulmand bestätigte am Sonntag nach der Partie, es habe "keinerlei Druck" von der UEFA gegeben. Am Sonntag gestand er aber ein, er habe nun doch ein "schlechtes Gewissen" deswegen.

Die Alternative wäre eine Fortsetzung des Spiels am Sonntagmittag gewesen, doch das sei zunächst nicht infrage gekommen, berichtete Hjulmand. "Die Spieler konnten sich nicht vorstellen, schlafen zu können und dann Sonntagmorgen zum Spiel in den Bus zu steigen. Es war besser, es gleich hinter uns zu bringen." Am Sonntag sagte der Nationaltrainer: "Ich weiß, dass es eine schwierige Situation war, aber meiner Ansicht nach war es falsch, sich zwischen den beiden genannten Szenarien festzulegen. Das war eine sehr schwere Entscheidung für die Spieler. Sie wussten zwischenzeitlich nicht einmal, ob sie ihren besten Freund möglicherweise sogar verlieren. Meiner Ansicht nach war es falsch, weiterzuspielen. Wir hätten vielleicht wieder in den Bus steigen sollen und schauen, was die kommenden Tage bringen. Ich bin aber sehr stolz auf die Reaktionen auf diesen Vorfall. Im Fußball geht es sehr oft um viel Geld, aber gestern haben wir gesehen, worum es wirklich geht: Mitgefühl und Liebe."

Die UEFA verwies auf Artikel 29 ihres Regelwerks. "Wenn ein Spiel nicht beginnen oder zu Ende gespielt werden kann, wird das komplette Spiel oder die verbleibende Spielzeit nach den Regularien am kommenden Tag ausgetragen", heißt es dort. Artikel 29 behandelt allerdings nur den Ablauf bei der Neuansetzung einer Partie. Situationen wie am Samstag werden darin nicht erwähnt.

Eriksen: Wie sind die Reaktionen auf die Spielfortsetzung?

Die meisten Beobachter kritisierten die Spielfortsetzung. Die dänische Fußball-Ikone Michael Laudrup etwa sagte: Die Spieler wurden "vor eine Wahl gestellt, die keine echte Wahl ist". Auch Christoph Kramer hielt die Fortsetzung für falsch: "Das ist für mich der absolute Wahnsinn, das geht nicht. Da liegt der Fehler meiner Meinung nach bei der UEFA. Da muss irgendjemand sagen: 'Leute, jetzt schlaft mal eine Nacht drüber'", sagte der Weltmeister von 2014 im ZDF.

Die Optionen der UEFA seien "lächerlich" gewesen, schimpfte auch der dänische Nationalkeeper Kasper Schmeichel bei der BBC. Der 34-Jährige von Leicester City hatte beim Tor zum 0:1 durch Finnlands Joel Pohjanpalo unglücklich agiert.

SPOX-Kommentar zum Vorfall um Christian Eriksen bei der EM 2021: Es muss endlich eine klare Regel geben!

Eriksen: Wie reagierte die Fußballwelt auf den Vorfall?

Bereits wenige Stunden nach dem Vorfall hatte Romelu Lukaku, Eriksens Mitspieler bei Inter Mailand, seine Tore beim 3:0 Belgiens gegen Russland dem Dänen gewidmet. Lukaku war nach seinem ersten Treffer zu einer TV-Kamera gerannt und hatte "Chris, stay strong! Chris, I love you!" gerufen.

Auch der Österreicher Stefan Lainer schickte bei seinem Torjubel im Spiel gegen Nordmazedonien eine Botschaft an Eriksen. Der Profi von Borussia Mönchengladbach hielt nach seinem Treffer in der 18. Minute ein Shirt mit der Aufschrift "Eriksen stay strong" in die Höhe. Teamkollege Michael Gregoritsch tat es ihm im selben Spiel gleich.

Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft hatten noch am Abend Genesungswünsche geschickt. Ähnliche Botschaften schickten Fußballer aus aller Welt.

Eriksen: Wer wurde neben den Rettungskräften gefeiert?

Noch am Abend wurde Dänemarks Kapitän Simon Kjaer als heimlicher Held im Hintergrund gefeiert. Kjaer war unmittelbar nach dem Kollaps seines Freundes im Vollsprint von der Mittellinie zur Unglücksstelle gerannt und hatte Eriksen in eine stabile Seitenlage gebracht. Nach Eintreffen der Notärzte trommelte der Profi des AC Milan sofort seine Mitspieler zusammen und wies sie an, einen Kreis um Eriksen zu bilden - als Sichtschutz vor den Fernsehkameras und neugierigen Zuschauern.

Und selbst dabei behielt Kjaer noch den Überblick. Als übereifrige Ordner Eriksens Freundin Sabrina Kvist Jensen nicht auf den Rasen lassen wollten, schritt der Kapitän ein. Kjaer klärte die Situation, holte sie auf den Platz. Gemeinsam mit Torhüter Kasper Schmeichel nahm er Kvist Jensen, die mit Eriksen gemeinsam zwei kleine Kinder hat, minutenlang in den Arm und spendete Trost. "Ich könnte nicht stolzer auf diese Gruppe von Menschen sein, die sich gut umeinander kümmern", sagte Hjulmand - vor allem gilt das sicher für seinen Kapitän.

Der ehemalige Wolfsburger wollte auch Eriksens Wunsch noch erfüllen und das Spiel zu Ende bringen. Doch das war dann des Guten zu viel. "Simon war sehr getroffen, sie sind sehr gute Freunde", schluchzte der ebenfalls mit den Tränen kämpfende Trainer Kasper Hjulmand: "Er wollte es versuchen, aber es war unmöglich. Die Gefühle haben ihn übermannt."

Eine gute Viertelstunde nach der Halbzeit bat Kjaer um seine Auswechslung.

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