Fussball

Terrence Boyd im Interview: "100 Meter von mir entfernt wurde einer abgeknallt"

Terrence Boyd spielte vor seinem Wechsel nach Wien für Borussia Dortmund.

Terrence Boyd spielte einst für Borussia Dortmund und RB Leipzig - und steht aktuell beim Drittligisten Hallescher FC unter Vertrag. Im Interview mit SPOX und Goal erzählt der 29-jährige Stürmer von verletzungsbedingten Existenzsorgen, Begegnungen mit Wiener Polizisten und seinen trinkfesten Ex-BVB-Kollegen Ilkay Gündogan und Kevin Großkreutz.

Boyd spricht über Jürgen Klopp, seinem ehemaligen US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann und gibt außerdem emotionale Einblicke zu seinen Erlebnissen im Zuge des antisemitisch motivierten Anschlags von Halle im Oktober: Zum Zeitpunkt der Tat saß Boyd in einem Cafe in der gleichen Straße.

Herr Boyd, Sie spielen seit vergangenem Sommer in Halle. Im Oktober ist es dort zu einem antisemitisch motivierten Anschlag mit zwei Toten gekommen. Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?

Terrence Boyd: Ich saß zu dem Zeitpunkt des Anschlags in einem Cafe in der gleichen Straße, in der der Attentäter eine Person in einem Dönerladen erschossen hat. Das war völlig surreal: 100 Meter von mir entfernt wurde einer abgeknallt! Der Chef des Cafes war gerade auf der Straße, kam hereingerannt und schrie, dass wir alle sofort von den Fenstern weggehen sollen, weil draußen ein Killer herumrennt. Im ersten Moment habe ich gelacht, weil ich es nicht glauben wollte. Erst als ich Push-Meldungen auf mein Handy bekam und auf der Straße immer mehr Polizei auftauchte, begriff ich, dass das wirklich passiert.

Wie ging es weiter?

Boyd: Zufälligerweise waren zwei Polizisten in Zivil in dem Cafe. Die haben sofort Kontakt mit dem Revier aufgenommen und allen anderen Gästen die neuesten Nachrichten durchgegeben. Irgendwann hieß es, dass wir gehen dürfen. Da ich Training hatte, bin ich zum Vereinsgelände gefahren. Beim Autofahren habe ich mich die ganze Zeit geduckt, weil ich so einen Verfolgungswahn hatte.

Terrence Boyd: "Es gibt Idioten, die im echten Leben GTA spielen wollen"

Wie war die Stimmung in der Mannschaft?

Boyd: Sehr angespannt. Training fand dann doch keines statt, stattdessen haben wir gemeinsam Nachrichten geschaut. Über dem Vereinsgelände kreiste währenddessen ein Helikopter. Deshalb dachten wir, dass der Killer in der Nähe sein muss. Irgendwann flog der Helikopter aber wieder weg und die Lage entspannte sich. Dann sind wir alle heimgefahren.

Was haben diese Erlebnisse bei Ihnen ausgelöst?

Boyd: Seitdem weiß ich, dass es einen immer und überall erwischen kann. Wenn ich Döner essen will - was ich als Profisportler natürlich nicht darf, aber falls ich es dürfte -, könnte jemand kommen und mich willkürlich erschießen. Es gibt Idioten, die unzufrieden mit allem sind und als Reaktion darauf im echten Leben GTA spielen wollen. Das kann weder die Polizei noch sonst jemand verhindern.

Der Anschlag von Halle war antisemitisch motiviert. Wurden Sie im Laufe Ihrer Karriere mit Rassismus konfrontiert?

Boyd: In der Regionalliga bekam ich oft Sprüche zu hören, aber im Profifußball habe ich das bisher noch nicht erlebt. Das würde ich mir auch nicht bieten lassen, sondern sofort den Platz verlassen. Gegenspieler und gegnerische Fans sollen mich wie jeden anderen auch ganz normal als "Arschloch" beleidigen und nicht wegen meiner Hautfarbe.

Wie ließe sich Rassismus in Fußballstadien Ihrer Meinung nach am besten bekämpfen?

Boyd: Ich bin für Punktabzüge gegen die Klubs. Wenn diese Fans sehen, dass ihr Lieblingsklub wegen ihrer Dummheit auf einmal statt um den Titel gegen den Abstieg spielt, ändern sie ihr Verhalten vielleicht. Geldstrafen bringen nichts.

Terrence Boyd: "Gündogan und Großkreutz waren seit einer Woche on fire"

Blicken wir auf Ihre Karriere: Mit 20 Jahren wechselten Sie von Hertha BSC II zu Borussia Dortmund II. Sie stiegen mit der Reserve in die 3. Liga auf, die Profis gewannen in der gleichen Saison das Double. Wurde gemeinsam gefeiert?

Boyd: Eine Woche nachdem die Profis den Meistertitel fixiert hatten, machten wir den Aufstieg klar. Am Abend waren wir von der Reserve alle gemeinsam in Dortmund in einer Bar feiern. Auf einmal kamen Ilkay Gündogan und Kevin Großkreutz herein und haben mitgefeiert. Die waren schon seit einer Woche on fire und hatten immer noch Bock. Das war extrem geil. Beim DFB-Pokalfinale in Berlin und bei der Party danach waren wir von der Reserve alle dabei.

Wie haben Sie Trainer Jürgen Klopp erlebt?

Boyd: Er tritt gegenüber der Mannschaft genauso auf wie im Fernsehen. Er verstellt sich nie. Ich durfte einige Male bei den Profis mittrainieren und stand bei einem 5:0-Sieg gegen den 1. FC Köln im Kader, weil Lucas Barrios krank war. Als ich am Tag davor zum Abschlusstraining kam, nahm mich Klopp sofort zur Seite und sagte nur: "Bitte, bitte pass' auf, dass du mir keinen kaputt trittst." Er kannte meine Spielweise also bestens.

Die Karrierestationen von Terrence Boyd

ZeitraumVereinPflichtspieleToreAssists
2009 bis 2011Hertha BSC II44156
2011 bis 2012Borussia Dortmund II32205
2012 bis 2014SK Rapid Wien803711
2014 bis 01/2017RB Leipzig83-
01/2017 bis 02/2019SV Darmstadt 984452
02/2019 bis 07/2019FC Toronto13--
seit 07/2019Hallescher FC25107

Bereits nach einer Saison verließen Sie Dortmund wieder. Warum?

Boyd: Ich hätte bei den Profis mittrainieren dürfen, sah aber null Einsatzchancen. Barrios verließ den Klub zwar, doch es gab immer noch Robert Lewandowski, der einerseits weltklasse und andererseits nie verletzt ist. Außerdem kam in jenem Sommer Julian Schieber. Im Nachhinein betrachtet setzte er sich beim BVB nicht durch, aber damals gab es große Erwartungen an ihn.

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