Ein Fußballmärchen im Verborgenen

Von Eugen Epp
Ein gewohntes Bild in der 3. Liga: die Spieler des SV Sandhausen bejubeln ihren Erfolg
© Getty

Vor fünf Jahren kickte der SV Sandhausen noch in der Oberliga, jetzt klopft der Verein ans Tor zur 2. Liga. Nahezu unbemerkt hat sich der Dorfklub zum Aufstiegskandidaten gemausert. Doch trotz des sportlichen Aufschwungs steht Sandhausen noch ganz am Anfang.

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Wo liegt eigentlich Sandhausen? Diese Frage dürften sich derzeit Fußballinteressierte beim Blick auf die Tabelle der 3. Liga stellen, wo sich der SV Sandhausen nach einer bärenstarken Hinrunde auf klarem Aufstiegskurs befindet. Die Antwort, für die man bei "Wer wird Millionär" sicherlich mindestens 16.000 Euro abräumen könnte: im Rhein-Neckar-Kreis, zwischen Hardtwald und Kraichgau, vor den Toren von Heidelberg.

Mindestens ebenso rätselhaft wie die geografische Lage der knapp 15.000 Einwohner zählenden Gemeinde dürften die Gründe für den Aufschwung ihres Fußballklubs sein. In den Medien findet der Höhenflug außerhalb der Ergebnismeldungen bisher kaum Beachtung. Geradezu im Verborgenen mauserte sich der SV Sandhausen, bei dem Jogi Löws Assistent Hansi Flick in der Jugend spielte, zu einem Top-Klub der 3. Liga, der vehement an das Tor zur 2. Liga klopft.

Auf direktem Aufstiegskurs

Wochenlang führte der SVS in der Hinrunde die Tabelle souverän an, ehe das Team ein kleiner Einbruch ereilte. Doch auch nach drei sieglosen Spielen unmittelbar vor der Winterpause steht Sandhausen auch nach mehr als der Hälfte der Saisonspiele auf einem Aufstiegsplatz und verpasste die Tabellenspitze nur durch ein ausgefallenes Spiel.

Neben einer soliden Finanzpolitik, gerade in der 3. Liga bei weitem keine Selbstverständlichkeit, sorgen eine kompakte Abwehr und gnadenlose Effizienz (keine Drittliga-Mannschaft gewann häufiger mit einem Tor Vorsprung) dafür, dass in der nordbadischen Idylle still und heimlich ein kleines Fußballmärchen seinen Lauf nimmt.

Dais macht die Defensive zum Prunkstück

Vor allem ein Mann steht für den Sandhäuser Erfolg: Gerd Dais. Der Trainer arbeitete bereits von 2005 bis 2010 beim SVS, kehrte dann im Februar 2011 als Nachfolger von Pawel Dotchew an den Hardtwald zurück. Seine Diagnose für die damals abstiegsgefährdete Mannschaft war eindeutig: "Wir hatten die schlechteste Abwehr der Liga." Mittlerweile ist das Gegenteil der Fall. Kein Drittliga-Team hat weniger Gegentore kassiert als Sandhausen, die Defensive gilt als das Prunkstück der Mannschaft.

Bekannte Namen sucht man im Kader weitestgehend vergeblich. Trotzdem verfügt Dais über Spieler wie Roberto Pinto, der 129 Bundesligaspiele für Hertha, Stuttgart und Arminia Bielefeld bestritten hat, die auch Erfahrung in höheren Spielklassen aufweisen.

Der Coach scheint die perfekte Mischung aus jungen, dynamischen Spielern und erfahrenen Routiniers gefunden zu haben, die für ein erfolgreiches Mannschaftsgefüge unerlässlich ist. Das Kollektiv ist der Star - was aber nicht heißt, dass es keine Eckpfeiler gibt.

Löning weiß, wie man aufsteigt

Zum Beispiel den 29-jährigen Kristjan Gilbo, der vor der Abwehr eine überragende Saison spielt und der Defensive Stabilität verleiht. Oder Frank Löning, der schon den SC Paderborn zum Aufstieg in die 2. Liga schoss, dort aber vor zwei Jahren ausgemustert wurde. Jetzt trägt der 31-jährige Stürmer das schwarz-weiße Trikot, hat wieder neun Tore auf dem Konto und will sein Paderborner Husarenstück in Sandhausen wiederholen.

Und dann wäre da noch Daniel Ischdonat, der für eine der schönsten Geschichten dieser Drittliga-Saison sorgte. Eigentlich hatte Ischdonat seine Karriere schon so gut wie beendet, war ursprünglich als Torwarttrainer nach Sandhausen gewechselt.

Dann wurde er von Dais noch einmal reaktiviert - und spielt nun die Saison seines Lebens. Achtmal hielt Ischdonat seinen Kasten bereits sauber und ist damit einer der Sandhäuser Erfolgsgaranten. Mit 35 Jahren könnte der Keeper noch einmal einen Schritt nach vorne in seiner Karriere machen.

Keine Zeit für Luftschlösser

Der Aufstieg also schon so gut wie unter Dach und Fach? Mitnichten, meint Gerd Dais: "Es ist noch nicht die Zeit, über Luftschlösser und Träumereien zu sprechen, vielmehr sollten wir in der Rückrunde so konzentriert und hart weiter arbeiten, wie wir es bisher getan haben."

Auch sein Innenverteidiger Daniel Schulz stapelt tief: "Wir denken von Spiel zu Spiel. Klar, wir wollen jedes Spiel gewinnen. Doch die 3. Liga ist in dieser Saison sehr ausgeglichen. Jeder kann jeden schlagen."

Auf die Euphoriebremse muss man in Sandhausen ohnehin nur sehr sachte treten - irgendwie scheint in der badischen Provinz kaum jemand zu realisieren, dass der lokale Fußballverein gerade kurz vor dem großen Sprung steht.

Wo bleibt die Euphorie?

Das macht sich vor allem bei den Heimspielen bemerkbar. Gut 10.200 Zuschauer fasst das Hardtwaldstadion, die Heimat des SV Sandhausen. Wer an Karten für die Spiele kommen will, muss sich keine Sorgen machen: Nur einmal in seiner Geschichte war das Stadion ausverkauft - beim Erstrundenspiel im DFB-Pokal, als in dieser Saison Meister Borussia Dortmund zu Gast war.

In der Liga liegt der Schnitt dagegen auch in dieser Saison bei mageren 2300 Zuschauern. Die Atmosphäre ist gesetzt und nur selten stimmungsvoll. Zum Vergleich: Beim Tabellenletzten Carl Zeiss Jena besuchen im Durchschnitt doppelt so viele Fans die Spiele.

Euphorie sieht anders aus. Dem kleinen Klub (700 Mitglieder) fehlt es derzeit nicht an sportlicher Klasse, dafür aber an Tradition und Rückhalt bei den Fans. "Sandhausen ist eben ein Dorf. Hier müssen viele Dinge erst entstehen, von regenerativen Maßnahmen bis zur Fankultur", weiß auch Mittelfeldspieler Tim Danneberg.

Im Schatten von Hoffenheim

Dafür kann man dort in Ruhe arbeiten. Im Schatten der wohlbetuchten TSG Hoffenheim mit ihrem schwerreichen Investor Dietmar Hopp, die 20 Kilometer entfernt in der Bundesliga spielt, fristet der SV Sandhausen ein zwar idyllisches, aber auch nahezu vergessenes Dasein.

Das Sandhäuser Flair könnte im Vergleich zu dem der TSG kaum gegensätzlicher sein, doch der sportliche Aufschwung der vergangenen Monate spricht für sich. Immerhin: In der Winterpause leistete sich der Verein den Luxus eines einwöchigen Trainingslagers im türkischen Belek, wo zeitgleich auch fünf Bundesligisten trainierten.

Hält der SVS durch?

Sportlich scheint derzeit vieles für den Aufstieg zu sprechen. Und doch tut man beim SVS wohl durchaus gut daran, sich noch nicht allzu fest darauf einzustellen, die Saison 2012/13 in Liga zwei zu verbringen.

Es bleibt abzuwarten, wie lange Sandhausen so von Verletzungen und Sperren verschont wird wie im vergangenen Kalenderjahr. Genauso fraglich scheint, ob der Kader die nötige Tiefe besitzt, um über die gesamte Saison höchstes Drittliga-Niveau zu halten - die fünf Punkte Vorsprung, die Sandhausen derzeit auf einen Nichtaufstiegsplatz hat, bieten zwar eine komfortable Ausgangsposition für die Rückrunde, sind im Zweifelsfall aber schneller dahin als gedacht.

"Die nächsten Schritte gehen"

Gerade wenn einer der Schlüsselspieler für längere Zeit ausfällt, könnte der Aufstiegskandidat Probleme bekommen. Auch deshalb wurde in der Winterpause der zweitligaerfahrene Nico Klotz vom SC Paderborn verpflichtet, der einen Vertrag bis zum Saisonende erhielt.

Doch die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte macht Lust auf mehr. "Wir wollen die nächsten Schritte gehen", schreibt SVS-Präsident Jürgen Machmeier fast schon forsch auf der Vereinswebsite - das hieße wohl Aufstieg. Spätestens dann wäre Sandhausen auch endlich kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte.

Der SV Sandhausen im Steckbrief

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