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Fussball

Ex-Supertalent Sergej Evljuskin im Interview: "Vielleicht hätte ich präsenter sein müssen"

Von Chris Lugert

Sergej Evljuskin galt als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Er war der erste Nachwuchsfußballer, der die Fritz-Walter-Medaille in Gold in zwei Jahrgängen gewann, nach ihm gelang das nur einem gewissen Mario Götze. In den U-Nationalmannschaften des DFB war der heute 34-Jährige einst Kapitän von Mesut Özil, Jerome Boateng oder Benedikt Höwedes.

Doch während seine damaligen Weggefährten die großen Karrieren hinlegten und 2014 sogar gemeinsam Weltmeister wurden, blieb dem zentralen Mittelfeldspieler der große Durchbruch verwehrt. Zwei Jahre nach der WM 2014 veröffentlichte er seine Biografie. Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Evljuskin über seine Laufbahn, die so einige Hürden zu bieten hatte, über Felix Magath und seinen heutigen Beruf als Autobahnpolizist.

Herr Evljuskin, Sie haben schon früh in Ihrer Karriere für Furore im Jugendbereich gesorgt: So sollen Sie in der C-Jugend beim Braunschweiger SC einmal 98 Tore in einer Saison geschossen haben. Stimmt das?

Sergej Evljuskin: Ja, allerdings waren da auch Turniere und Freundschaftsspiele mit dabei. Es gab dort damals eine interne Torschützenliste von der G- bis zur A-Jugend und in dem Jahr bin ich der Torschützenkönig des Klubs geworden.

Für Braunschweig spielten Sie acht Jahre lang, ehe es 2003 mit 15 zum VfL Wolfsburg ging. Auch das damals sehr erfolgreiche Werder Bremen hatte Interesse an Ihnen. Wieso also der VfL?

Evljuskin: Ich habe in Bremen ein Probetraining absolviert und mir das Stadion angeschaut, aber mich für die Nähe zu meinem familiären Umfeld entschieden. Auch Hannover 96 und Eintracht Braunschweig waren wie der VfL schon längere Zeit an mir dran. Zwischen Wolfsburg und dem Braunschweiger SC gibt es bis heute eine Kooperation, es war daher einfach der logische Schritt. So konnte ich weiter in Braunschweig wohnen und dort zur Schule gehen.

Sie sind dann als B-Jugendlicher in Wolfsburg in den Kader der deutschen U16-Nationalmannschaft berufen worden. Wie erinnern Sie sich daran?

Evljuskin: Das erste Länderspiel gegen die Schweiz werde ich nie vergessen. Dass ich dort als einer von nur elf Spielern aus ganz Deutschland auf dem Platz stand, war eine riesige Ehre. Plötzlich bin ich mit 15 durch halb Europa gereist, kickte gegen Frankreich, war in Katar im Trainingslager. Da sind die Erfahrungen nur so auf dich eingeprasselt.

Und Ihre sportlichen Leistungen waren dabei so herausragend, dass Sie 2005 im U17- und 2006 im U18-Jahrgang als erster Nachwuchsspieler zweimal in Folge die Fritz-Walter-Medaille in Gold gewannen. Das ist seither nur noch Mario Götze gelungen.

Evljuskin: Von der Fritz-Walter-Medaille hatte ich zuvor nie gehört. Die wurde 2005 auch das erste Mal verliehen. Auf einmal bekam ich einen Brief und wusste erst gar nicht, um was es da eigentlich genau geht. (lacht) Mit den Medaillen stieg letztlich der Erwartungsdruck. Plötzlich hieß es: Wir haben hier Deutschlands besten Nachwuchsspieler! Da hat man im Verein natürlich viel von mir verlangt. Wir haben Sergej, der muss am Ende das Spiel entscheiden, hieß es dann.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Evljuskin: Ganz gut, würde ich meinen. Der Hype um mich war schon groß, es gab viele Journalisten, die dann etwas von mir wollten. Ich habe aber nie den Dicken markiert oder mich für den großen Star gehalten. Eher im Gegenteil, der Hype war mir fast unangenehm. Ich bin eigentlich ein bescheidener, bodenständiger Kerl.

Evljuskin: "Magath hatte offenbar eine andere Einstellung erwartet"

Nach vier Jahren in der Wolfsburger Jugend unterschrieben Sie 2006 schließlich Ihren ersten Profivertrag.

Evljuskin: Das war für mich das ein Zeichen, dass der Verein mit mir plant. Ich wollte den Weg dort weitergehen, denn der führte bis dahin nur nach oben. Ich dachte mir: Jetzt geht's erst richtig los!

Als Sie unterschrieben, wurden die Profis von Klaus Augenthaler trainiert. Der musste nach einer enttäuschenden Saison jedoch gehen und es kam Felix Magath. War das ein Problem für Sie?

Evljuskin: Im Nachhinein frage ich mich schon, wie es gelaufen wäre, wenn man Augenthaler mehr Zeit gegeben hätte, um ein Team zu formen. Der Verein war aber auch sehr ambitioniert. Mit Magath kam ein neues Trainerteam mit einer anderen Denke. In der Vorbereitung durfte ich mit ein paar Jugendspielern die ersten Einheiten unter ihm mitmachen. Mehr war leider nicht drin, denn zu diesem Zeitpunkt fand auch die U19-Europameisterschaft statt - und ich war der Kapitän des Teams. Da wollte ich natürlich unbedingt teilnehmen. Ich war dann aber drei Wochen bei den Profis raus.

Wie war während seiner Amtszeit Ihr Verhältnis zu Magath?

Evljuskin: Ich hatte einmal ein Gespräch mit ihm im Büro. Da wollte ich ihm erklären, dass wir unsere Abi-Zeugnisse überreicht bekommen und ich an diesem Tag daher nicht zum Vormittagstraining kommen kann. Der Fußball stand bei mir immer an erster, zweiter und dritter Stelle und ich habe stets jeden Termin so angepasst, dass der Fußball nicht darunter leidet. Das nun war aber ein Pflichttermin und ich wollte da schon mit dabei sein. Zur Einheit am Nachmittag wäre ich ja auch wieder dabei gewesen.

Wie hat Magath reagiert?

Evljuskin: Er sagte nur: Wenn du meinst, dass es richtig ist. Er hatte offenbar eine andere Einstellung erwartet. Danach gab es keine Berührungspunkte mehr mit ihm, weil ich dann dauerhaft Teil der zweiten Mannschaft war.

Sergej Evljuskin: Die Stationen seiner Karriere

SaisonVereinSpieleTore
2005 - 2010VfL Wolfsburg (U17, U19 und Wolfsburg II)12216
2010 - 2011Hansa Rostock17-
2011 - 2013Babelsberg 03652
2013 - 2014Goslarer SC274
2014 - 2021Hessen Kassel1836
seit 2021FSV Schöningen167
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