Fussball

Klaus Augenthaler und der WM-Triumph 1990: Heimvorteil in Italien

Von Niklas König
Klaus Augenthaler gewinnt mit Deutschland 1990 den WM-Pokal.

Ein lombardisches Schloss, ein stinkender Fisch, eine vierstündige Dopingprobe und Partys ohne Zapfenstreich: Wie Klaus Augenthaler mit Deutschland vier Jahre nach dem Chaos von Mexiko bei der WM 1990 triumphierte.

Klaus Augenthaler drückt unauffällig seine Zigarette aus und blickt in die Ferne. "Ja, das war eine sehr schöne Zeit", seufzt er. Bevor er sich verabschiedet, erzählt er noch eine letzte Anekdote.

Es ist ein sonniger Tag im Juni 1990. Augenthaler weilt mit der deutschen Nationalmannschaft in Kaltern am See. Ein herrlich idyllisches Fleckchen Erde, mitten in Südtirol, etwa 14 Kilometer südlich von Bozen. Die Landschaft erstrahlt in freundlichem Grün, dicht bewachsene Wälder umringen das Wasser, im Hintergrund erstrecken sich die Alpen.

"Ich habe dort eines Abends einen Fischer kennengelernt, sein Spitzname war Seewolf", sagt Augenthaler im Gespräch mit SPOX und Goal. Seewolf nimmt Auge mit zum Angeln. Für den Profi des FC Bayern München ist es eine willkommene Abwechslung, eine Oase der Ruhe zwischen all den Trainingseinheiten, kurz bevor in Italien die Weltmeisterschaft beginnt.

"Einen Tag bevor wir in unser Teamquartier nach Erba gefahren sind, habe ich abends einen Zander gefangen - den habe ich mitgenommen", sagt Augenthaler. Provisorisch in Alufolie verpackt, landet der Fisch im Gepäckfach des Mannschaftsbusses.

Augenthaler zunächst mit Verletzungsproblemen

Als der Tross drei Autostunden später im Castello di Casiglio ankommt, ist der Fisch längst vergessen. Das Teamhotel für das Turnier in Italien ist ein lombardisches Schloss. Vor mehr als 800 Jahren soll hier Kaiser Barbarossa aufgeschlagen sein, später residierten hier Bischöfe, Fürsten und Grafen. Nun also die deutsche Nationalmannschaft.

Das steinige Gemäuer erstreckt sich zwischen Wiesen und Bergen hinter einem steinernen Wall am Rande der Via Cesare Cantu. Die meisten Zimmer sind hübsch eingerichtet, manche gar luxuriös, mit antikem Mobiliar, schmucken Kaminen und edlen Baldachin-Betten. Umgeben ist die Herberge von einem 55.000 Quadratmeter großen Park. Dieser wiederum ist abgeschnitten vom Rest der Welt. Dichte Hecken und dicke Mauern beschließen das Areal, ein üppiges Polizei- und Sicherheitsaufgebot sorgt in letzter Instanz für hermetische Abgrenzung. Das ist er also, der Ort, an dem 1990 alles beginnt. Dabei wäre für Klaus Augenthaler nur wenige Wochen zuvor beinahe alles vorbei gewesen.

"Meine prägendste Erinnerung im Zusammenhang mit der WM 1990 ist die an unsere erste Vorbereitung in Malente", sagt Augenthaler: "Wir haben dreimal am Tag trainiert, aber ich war angeschlagen, hatte große Achillessehnen- und Leistenprobleme." Vor dem allmorgendlichen Lauf im Altenburger Wald muss Co-Trainer Berti Vogts beim Ankleiden helfen, trotz starker Schmerzen schleppt sich Augenthaler durch den Forst. "Ich habe mich die ersten paar Tage gequält ohne Ende." Bis eines Nachmittags nichts mehr ging. "Da bin ich zu Beckenbauer gegangen und habe ihm gesagt: 'Franz, das hat keinen Sinn, ich habe unglaubliche Schmerzen.'"

Der Traum von der Weltmeisterschaft, er scheint vorbei. Schon wieder. 1986 war Augenthaler in Mexiko zwar dabei, verletzte sich aber im zweiten Spiel und erholte sich nicht mehr bis zum Ende des Turniers. "Bis zum Finale", sagt Augenthaler, "war ich nur noch Zuschauer - oder besser gesagt: Urlauber."

Nun also, im Sommer 1990, droht ein ähnlicher Tiefschlag. Augenthaler ist 32 Jahre alt. Er weiß, dass es seine letzte Chance auf eine WM-Teilnahme ist.

Über Wochen liegt er zwei, drei Stunden täglich bei Physiotherapeut Klaus Eder auf der Massagebank. Er kämpft, probiert alles, aber die Beschwerden wollen einfach nicht weichen. "Auch in Kaiserau war es noch so schlimm, dass ich gesagt habe: 'Ich schaffe es nicht'"

Beckenbauer überredet Augenthaler schließlich, weiterzumachen und nach Kaltern mitzukommen, dort steigt nach Stationen in Malente und Kaiserau die dritte und letzte Etappe der WM-Vorbereitung. Und erst da wird es besser. Erst da legt Augenthaler den Grundstein für die Fahrt nach Erba. Zuvor hatten ihm die Ärzte bereits geraten, sich an der Leiste operieren zu lassen und den Traum von der WM zu begraben, um in der neuen Saison mit dem FC Bayern wieder angreifen zu können. "Aber so fußballverrückt, wie ich damals war, konnte ich doch nicht einfach sagen: 'Herr Beckenbauer, Schluss, Aus, vorbei.'", sagt Augenthaler.

Eröffnungsspiel gegen Jugoslawien wird zum "Schlüsselspiel"

Als die Mannschaft am Nachmittag des 11. Juni zum altehrwürdigen Giuseppe-Meazza-Stadion nach Mailand aufbricht, sind all die Schmerzen vergessen. Augenthaler ist fit, die Zeit des Wartens hat ein Ende, das Eröffnungsspiel gegen Jugoslawien wird in wenigen Stunden beginnen.

Der Mannschaftsbus hat das Castello gerade verlassen, da steigt dem Tross ein penetranter Geruch in die Nase. "Plötzlich haben alle gefragt: Was zum Teufel stinkt denn hier so? Und da ist mir aufgefallen: Shit, der Fisch. Der hatte schon Verwesungsgerüche angenommen", lacht Augenthaler.

Angeführt vom überragenden Doppeltorschützen Lothar Matthäus schlägt die DFB-Elf Jugoslawien mit 4:1, die weiteren Tore erzielen Rudi Völler und Jürgen Klinsmann.

"Das", sagt Augenthaler 28 Jahre später, "war das Schlüsselspiel. Jugoslawien ist als Mitfavorit ins Turnier gegangen. Deshalb war dieser Sieg absolut entscheidend für unseren Glauben, dass wir ganz, ganz weit kommen können."

Von dem Erfolg beflügelt, besiegt Deutschland auch die Vereinigten Arabischen Emirate deutlich mit 5:1 und zieht nach einem 1:1 gegen Kolumbien in die K.o.-Phase ein. Dort werden im Achtel- und Viertelfinale erst die Niederlande (2:1) und dann die Tschechoslowakei (1:0) aus dem Weg geräumt. "Wir haben nicht überragend gespielt, aber überzeugend", sagt Auge.

Die Deutschen haben nach drei Wochen in Italien längst ein Heimatgefühl entwickelt. "Das Schlösschen" in Erba, wie Augenthaler das Castello di Casiglio nennt, dient als Rückzugsort, die ersten fünf Spiele des DFB-Teams finden allesamt im Giuseppe Meazza statt.

"Das war gewissermaßen unser Heimstadion. Du kanntest die Anfahrtwege, die Katakomben, die Kabinen. Du hast dir immer wieder einige Stunden vor Anpfiff den Platz angeschaut, da waren schon 40.000 oder 50.000 Zuschauer da. Und man hat fast nur Deutschland-Fahnen gesehen", erinnert sich Augenthaler.

In Italien gibt es viele Sympathien für die Deutschen. Das liegt vor allem an den insgesamt sieben Legionären im Kader. Neben Matthäus, Klinsmann und Andreas Brehme (alle Inter Mailand) sind das Rudi Völler, Thomas Berthold (beide AS Rom), Thomas Häßler (Juventus Turin) sowie Karl-Heinz Riedle (Lazio Rom).

Der Heimvorteil sei ein wichtiger Faktor gewesen, sagt Augenthaler, "noch entscheidender war aber das Miteinander während des Turniers".

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