Der Gestalter im Hintergrund

Von Für SPOX in Tourrettes: Stefan Rommel
Hansi Flick (M.) ist beim DFB seit 2006 als Assistent von Joachim Löw tätig
© Getty

Hansi Flick agiert beim DFB-Team als Assistent von Bundestrainer Joachim Löw wie früher als Spieler: Lautlos, akribisch, unscheinbar. Dabei sind es seine Ideen, die dem Spiel der deutschen Mannschaft erst den nötigen Verve verleihen. Ein Porträt vor dem letzten EM-Testspiel gegen Israel (20.15 Uhr im LIVE-TICKER).

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Emilio Butragueno saß erschöpft, aber glücklich in den Katakomben des Estadio Bernaubeu. Real Madrid hatte soeben Bayern München aus dem Europapokal der Landesmeister geworfen. Vor der Partie wurde Butragueno ein ganz besonderes Erinnerungsstück an diese Partie versprochen. Also freute er sich darauf.

El Buitre wurde er damals genannt, der Geier. Weil er im Spiel auf seine Chance warten konnte und dann kühl zuschlug. Also wartete der Geier auch diesmal.

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Die Tür flog auf und ein rotes Trikot mit der Rückennummer sieben in den Raum. Entgegen der Abmachung hatte Butragueno plötzlich nicht das blaue Leibchen des damals wohl besten Torhüters der Welt in Händen, sondern das von Flick, Hans-Dieter, wie Bayerns Nummer sieben bei der UEFA geführt wurde.

Der Legende nach soll der sonst eher zurückhaltende Butragueno erbost gewesen sein. Das Trikot blieb nicht weiter beachtet einfach liegen.

Ein Leiser unter vielen Lauten

Die Episode ist fast ein Vierteljahrhundert her. Schon damals war es so, dass Hans-Dieter "Hansi" Flick ein Leiser unter den vielen Lauten war. Eine eher unscheinbare Gestalt beim FC Bayern mit Granden wie Matthäus, Augenthaler, Pfaff, Brehme.

"Im Fußball", sagt Flick, "wird viel geklappert. Und leere Dosen klappern am lautesten." Ein schlauer Satz, der vielen in der Glitzerwelt schnell die Berechtigungsgrundlage entziehen könnte. Aber wer will das in einem durch und durch kommerzialisierten Geschäft schon?

Seit sechs Jahren ist Hansi Flick Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Diese Rolle interpretiert er wie die Spiele zu seiner Zeit als Profi: Ruhig, sachlich, mannschaftsdienlich und bescheiden.

Bittere Finalpleite gegen Madjers Hacke

148 Mal hat er in der Bundesliga für die Bayern und den 1. FC Köln gespielt. Mit den Bayern ist er viermal Meister geworden, hat aber auch ein Finale im Landesmeistercup verloren. Als haushoher Favorit gegen den FC Porto und Rabah Madjers Hacke.

Im September 1992 war mit 28 Jahren Schluss, mehrere Knieverletzungen stürzten Flick in die Sportinvalidität. Flick ging zurück in seine Heimat, eröffnete dort mit seiner Frau ein Sportgeschäft und wäre als gelernter Bankkaufmann beinahe in der Sparkasse in Neckargemünd gelandet. Gekickt wurde beim FC Viktoria Bammental, Verbandsliga Baden-Württemberg.

Flick wurde Spielertrainer, schaffte den Aufstieg. Schon Ende der 90er Jahre hatte er eine andere Vision vom Fußball, heute würde man sagen: eine modernere, als viele seiner Kollegen in höheren Spielklassen.

Wechsel zur TSG Hoffenheim

In der Nachbarschaft wurde Dietmar Hopp auf den jungen Flick aufmerksam und holte den Trainer im Jahr 2000 zur TSG Hoffenheim, die sich von der A-Klasse bis in die Oberliga gespielt hatte. Flick schaffte dort den Aufstieg in die Regionalliga Süd, mit Methoden, die den Spielern von damals noch bestens im Gedächtnis sind.

Schlittenläufe, Sprinttraining mit Bremsfallschirmen und die Analyse, selbst der Trainingseinheiten, per Video waren schnell normal, erinnert sich Ex-Spieler Michael Zepek. Die Zeit in Hoffenheim neigte sich nach fünf Jahren dem Ende zu. Hopp drängte vehement auf den Sprung in den bezahlten Fußball, hatte sein Konzept mit Spielern nur aus der eigenen Region längst aufgeweicht.

Flick wurde Ende 2005 entlassen, heuerte danach bei seinem Ex-Teamkollegen Lothar Matthäus und Giovanni Trapattoni bei Red Bull Salzburg an, das nächste ehrgeizigen Projekt. Dann hörte Jürgen Klinsmann nach der WM 2006 als Bundestrainer auf - und plötzlich nahm Flicks Karriere die nächste steile Wendung.

Auf Augenhöhe mit Jogi Löw

Mit Joachim Löws Bruder Markus spielte Flick in der Jugend beim SV Sandhausen, die beiden kannten sich also schon. Flick hatte 2003 als Jahrgangsbester die Ausbildung zum Fußballlehrer absolviert, galt als einer der hoffnungsvollsten jungen Trainer des Landes.

Als Assistent arbeitet er seitdem seinem Chef zu. Wobei die Klassifizierung eher schwammig ist. Als Arbeiter aus der zweiten Reihe muss sich Flick nicht fühlen. Er bewegt sich auf Augenhöhe mit Löw, ist zusammen mit Chefscout Urs Siegenthaler der Tüftler im Hintergrund.

Unzählige Daten und Zahlen hat er erfasst und auf DVD gebrannt. Jede Entwicklung des Spielers, jeder Leistungsabfall, Laufleistung, Laufintensität, kurze Sprints, lange Sprints, Spiel ohne Ball, Ballverarbeitung, Ballannahme und -mitnahme, selbst die Art des Foulspiels.

Elektronisch festgehalten, zur Demonstration für den Einzelnen. Dann bittet Flick jeden Spieler zum Studium, zeigt gute Aktionen und Fehler auf. Mit Löw und Siegenthaler trifft man sich auch gerne zu Hause in Bammental.

Unzählige Daten und Fakten

Fast triebhaft sucht Flick alles über den Fußball zusammen. Weil er es für das schwierigste Spiel von allen hält. "Ich bin der Meinung, dass man möglichst alles wissen sollte. Fußball ist das komplexeste Spiel, das es gibt. Du hast 22 Mann auf dem Platz, jeder mit seinen eigenen Problemen, Stärken und Schwächen. Von daher ist Fußball unglaublich schwer vorhersehbar", sagt er.

Die letzten drei Wochen waren seine Wochen. Endlich konnte er seine Erkenntnisse der letzten Wochen, Monate, Jahre in die Praxis umsetzen. Die unzähligen Daten und Zahlen in gewinnbringende Anweisungen verwandeln und an seine Spieler weitergeben.

"Hansi Flick ist ein sehr, sehr guter zweiter Mann hinter Joachim Löw und keiner, der nur die Hütchen aufstellt", sagt Sami Khedira. "Er ist ein sehr intelligenter Trainer, der taktische Anweisungen gut vermitteln kann. Und er ist ein guter Ansprechpartner für uns Spieler, mit dem man auch Dinge außerhalb des Fußballs besprechen kann."

Fokus auf Offensivformationen

Er nehme als Assistenztrainer sogar mehr Einfluss auf die Mannschaft als sein Vorgänger, sagt Per Mertesacker. Der muss es wissen, er hat als einer der wenigen in der Mannschaft sowohl Flick als auch Löw als Co-Trainer erlebt.

Flicks Spezialgebiet sind dabei die Offensivformationen. An den klar strukturierten Pass- und Laufabfolgen vertieft er sich bis ins kleinste Detail. Er fühlt sich letztlich dafür zuständig, "dass im letzten Drittel des Platzes die Automatismen gegen eine kompakte Defensive noch besser greifen."

Die oft zitierten Automatismen sind nichts anderes als die Vertrautheit mit dem Gewohnten. Und es ist Flicks Job, für das Wohlgefühl zu sorgen. "Ein Blick muss genügen, damit der eine Spieler weiß, genau da will er den Ball hin haben, und der andere ihn dann auch genau dorthin spielt. Man muss sich wohlfühlen, um diesen Pass auch spielen zu können."

Playbook wie im Basketball

Hansi Flick ist kein Reformer des Fußballs. Aber er ist ein sehr besessener Arbeiter. Den Faktor Zufall zu minimieren, ist seine Aufgabe.

Also hat er auch eine Art Playbook für die Nationalmannschaft entwickelt, ähnlich wie in besser zu kontrollierenden und planbaren Sportarten wie Basketball oder Football.

Hier ist genau vermerkt, was mannschafts- und manchmal auch individualtaktisch nach einem Rückstand, einer Führung oder einem Platzverweis zu tun ist. Trainer wie Hans-Dieter Flick nehmen dem Fußball immer mehr von seiner Anarchie. Er kann damit wohl sehr gut leben.

Hansi Flick im Steckbrief

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