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Fussball

Watsch'n mit System

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Bestach als Torschütze und Ideengeber im System mit einer Spitze: Kapitän Michael Ballack
© Getty

Nach dem Sieg über Wales gab es fast nur ein Thema: Die Kontroverse von Michael Ballack und Lukas Podolski samt dessen Watsch'n für den DFB-Kapitän. Dabei bot der Abend in Cardiff auch die Renaissance einer taktischen Variante.

Michael Ballack dürfte sehr erleichtert darüber sein, dass der Spuk in den nächsten Monaten vorerst ein Ende hat.

Das 2:0 in Cardiff gegen Wales war das letzte Pflichtspiel der deutschen Nationalmannschaft bis tief in den August hinein. Erst dann steht die nächste Abenteuer-Reise an, ins schöne Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan.

Dazwischen liegt auch noch die Asien-Reise des DFB, hinter der bis auf ein paar Marketingstrategen bis heute niemand so recht den Sinn erkennen mag. An der wird der Kapitän aber so gut wie sicher nicht teilnehmen.

Asien-Reise wohl ohne Ballack

Der Ausflug ist direkt hinter dem letzten Bundesligaspieltag platziert, auch in der Premier League wird dann eben erst Schluss sein.

Ballack und sein FC Chelsea haben noch große Chancen, in der Liga und in der Champions League Silberware zu gewinnen, also wird der 32-Jährige wohl bis zum Schluss eingespannt sein und nach einer langen Saison wahrscheinlich erst einmal ausspannen wollen. Eine Asien-Reise mit den Gegnern China und Vereinigte Arabische Emirate stört da nur.

Den letzten Aufreger einer turbulenten Saison in der WM-Qualifikation lieferte in Cardiff zwar nicht Ballack, unfreiwillig war er aber auch wieder daran beteiligt. Nach den schier endlosen Diskussionen um seinen Streit mit Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff hatten sich im Frühjahr endlich die Wogen etwas geglättet.

Bierhoff schimpft mit Poldi

Ballack wurde nicht mehr alle naselang auf den Zwist, seinen Führungsstil oder Reibereien mit Mitspielern befragt - da kam Lukas Podolski in der 67. Minute im Millennium Stadium zu Cardiff plötzlich die sehr fragwürdige Idee, seinem Kapitän doch mal non-verbal die Meinung zu geigen.

Und schon war sie wieder da, die Diskussion um den Kapitän Ballack. Doch anders als in den Monaten zuvor erfuhr der unfreiwillige Protagonist Ballack gleich im Anschluss an das Spiel Unterstützung von den Leuten, mit denen er vor ein paar Wochen noch im Clinch gelegen war.

"Wir fordern von Michael als Kapitän, dass er auf dem Feld auch Dinge anspricht. Dann kann man als Mitspieler nicht so reagieren", schimpfte Bierhoff energisch, wollte die Sache aber kurz darauf gleich auch wieder beenden.

"...dann ist das vergessen"

"Es haben sich alle wieder beruhigt. Wir werden nochmal darüber diskutieren, aber die Sache wird keine weiteren Konsequenzen haben." So ganz mag man dem Teammanager seinen Plan aber nicht abnehmen.

Natürlich war es nur ein leichter Wischer und Meinungsverschiedenheiten gehören auf dem Platz immer dazu. Doch es gab einfach zu viele Störfeuer in den letzten Monaten, die wie auch immer geartet bestraft wurden. Podolski würde da eine Ausnahme bilden - und die sportliche Führung sich selbst untreu werden.

"Wir haben uns schon in die Augen geschaut, werden nochmal miteinander reden und dann ist das vergessen", sagte auch Ballack. Der, der so viel einstecken musste und für seine öffentliche Kritik auch öffentlich verbal abgewatscht wurde.

DFB muss reagieren

So wirklich würde es ihm nicht passen, wenn ein anderer mit einer offensichtlichen Entgleisung ihm gegenüber ungeschoren davon kommen würde.

Denn Ballack ist eben erst wieder dabei, den Grat zwischen notwendiger Autorität und einem gesunden Maß an Zurückhaltung neu zu begehen. Da fiele ihm eine ungeahndete Bloßstellung wie die von Podolski nur in den Rücken.

Der DFB muss reagieren, einen weiteren vor sich hin lodernden Schwelbrand kann sich keiner wünschen. Die Sache muss schnell und wenn nötig auch mit Konsequenzen aus der Welt geräumt werden.

"Zweite Garde" zeigt Engagement

Denn was sich aus einer kleinen Meinungsverschiedenheit entwickeln kann, hat nicht zuletzt der Streit zwischen Ballack und Bierhoff nach dem EM-Finale gezeigt. Sehr interessant in dem Zusammenhang war auch, wer sich alsbald in den aufkommenden Disput einschaltete. Per Mertesacker und Philipp Lahm gingen beherzt dazwischen.

Nun hatten beide in ihrer Funktion als Verteidiger auch den kürzesten Anreiseweg zum Ort des Geschehens, aber andere Spieler, die ebenfalls in der Nähe waren, schauten sich die Szenerie nur unbeteiligt an. Die beiden aus der "zweiten Garde" der Führungsschicht zeigten Engagement.

"Dass es mal Meinungsverschiedenheiten gibt, ist normal. Aber es kann nicht um zwei Personen gehen, sondern um die gesamte Mannschaft", zeigte Mertesacker wenig Verständnis für Podolski.

Löw überrascht mit einer Spitze

Im ganzen Trubel um diese eine Szene ging ein eher nüchtern geführtes Spiel der deutschen Mannschaft ziemlich unter. Dabei hatte Löw gleich zu Beginn eine Überraschung in Form eines alternativen taktischen Konzepts bei der Hand.

Der Bundestrainer stellte wie zuletzt bei der EM gegen Portugal und die Türkei nur einen Stürmer auf, erhoffte sich von drei offensiven Mittelfeldspielern aber dadurch mehr Druck aus der zweiten Reihe. Der Plan ging so weit auch ganz gut auf.

Besonders Ballack und dessen Offensivdrang kommt die Rolle hinter den Spitzen mit vielen Freiräumen sehr zu Gute. Im 4-2-3-1 ist der Kapitän bestens aufgehoben, dort kann er seine Stärken voll ausspielen.

"Sind flexibel in diesem System"

"Das System ist eine gute Alternative. Wenn man sich die großen Mannschaften anschaut, auch in der Premier League - ob das jetzt ManUnited oder Liverpool ist - die spielen mit zwei Mann vor der Abwehr, mit einem davor und zwei Außenstürmern. Das ist international schon sehr beliebt", sagte Ballack.

Er hat weniger Defensivaufgaben zu verrichten, kann sich bei Bedarf aber auch noch mit fallen lassen und als dritter zentraler Mittelfeldspieler verteidigen. Geht er in die Offensive, dann schirmen Hitzlsperger und Rolfes so ab, dass er bedenkenlos im Vollsprint bis in den Strafraum durchlaufen und mit Zug in die Flanken gehen kann.

"Wir sind da sehr flexibel in diesem System, mit Michael Ballack hinter den Spitzen. Wenn er nach vorne mit reinstoßen kann - das sind dann Szenen, die in dem System für ihn sprechen", sagte auch Mertesacker.

Doch von Systemen und Taktik und Flexibilität sprach an diesem Abend fast niemand. Es bleibt nur zu hoffen, dass nicht noch in einigen Wochen oder Monaten von der 67. Minute von Cardiff zu sprechen ist.

Die deutsche Quali-Gruppe im Überblick

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