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Fussball

Dortmund zittert sich nach Wembley

Von Stefan Rommel / Jochen Tittmar
Sergio Ramos (l.) und Robert Lewandowski lieferten sich oft Zweikämpfe am Rande der Legalität
© getty

Borussia Dortmund steht zum ersten Mal nach 16 Jahren wieder im Finale der Champions League. Der BVB verlor im Rückspiel bei Real Madrid mit 0:2 (0:0), steht nach dem 4:1 aus dem Hinspiel aber trotzdem im Endspiel.

Dort wartet im Londoner Wembley-Stadion am 25. Mai entweder der FC Bayern München oder aber der FC Barcelona als Gegner auf den BVB.

Vor 85.000 Zuschauern im Santiago Bernabeu hatte Borussia Dortmund eine äußerst heikle Anfangsphase zu überstehen, in der zweiten Häfte dann aber genügend Chancen, auch in Madrid zu gewinnen.

Als alles schon gelaufen schien, drehte Real plötzlich noch einmal auf und kam erst durch Karim Benzema (82.) und zwei Minuten vor dem Ende durch Sergio Ramos zu zwei Toren - die eine hochdramatische Schlussphase einleiteten.

So bleiben drei Serien bestehen: Nach einer Niederlage mit mehr als einem Tor Unterschied aus dem Hinspiel ist in einem CL-Halbfinale bisher jede Mannschaft gescheitert. Und als kleiner Trost für Real: Die Madrilenen bleiben auch im zwölften Heimspiel in Folge in der Königsklasse ungeschlagen.

Dagegen kassierte der BVB im zwölften Spiel dieser Saison die erste Niederlage überhaupt. Allerdings gab es auch zwei Verletzte zu beklagen: Mario Götze musste früh wegen einer Oberschenkelverletzung runter, Sven Bender erwischte es kurz vor Schluss am Sprunggelenk.

Mario Götze erleidet Muskelfaserriss

Reaktionen:

Jürgen Klopp (Trainer Borussia Dortmund): "2:0 - Es gibt Borussia Dortmund nur all inclusive, da ist alles dabei. Ich habe eben mit Michael Zorc gesprochen, die 97er sind glücklicher ins Endspiel gekommen. Also dementsprechend alles in Ordnung. Es waren lange Minuten. Das ist Wahnsinn, ehrlich gesagt. Ich werde keine Videoanalyse dieses Spiels machen, so von wegen: Da können wir noch ein bisschen besser. Wir wollen das einfach genießen."

Jose Mourinho (Trainer Real Madrid):"Ich will nicht über Stolz reden, aber ich muss meine Mannschaft loben. Ich ärgere mich über die Nicht-Herausstellung von Mats Hummels. Er hätte eine Rote Karte sehen müssen."

Alle Stimmen zum Spiel im Überblick

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Real mit zwei Änderungen im Vergleich zum Hinspiel: Essien rückt ins Team und verdrängt Pepe auf die Bank. Ramos geht dafür in die Innenverteidigung. Di Maria beginnt, dafür sitzt Khedira zunächst draußen.

Der BVB mit derselben Aufstellung wie vor einer Woche. Kehl also wieder nur Ersatz, dafür beginnt Bender neben Gündogan im defensiven Mittelfeld. Piszczek ist rechtzeitig fit und beginnt.

4.: Schmelzer verliert den Ball am eigenen Sechzehner. Modric auf Özil, der sofort in die Gasse auf Higuain spielt. Der Argentinier alleine vor Weidenfeller, der mit dem rechten Bein aber stark pariert.

13.: Freistoß Gündogan aus dem Mittelfeld, Lewy hat viel Platz im Strafraum. Drehung, Seitfallzieher - doch Lopez pariert.

14.: Langer Ball in den BVB-Strafraum. Ronaldo nicht im Abseits. Nimmt den Ball mit der Brust an, schließt dann aus zehn Metern volley ab. Genau auf Weidenfeller.

15.: Higuain perfekt in die Schnittstelle auf Özil, der hat alle Zeit der Welt! Doch frei vor Weidenfeller schiebt er die Kugel haarscharf am rechten Pfosten vorbei.

49.: Großkreutz legt von der Torauslinie in den Rücken, Madrid steht komplett offen. Lewandowski hat Zeit, hat Platz - aber nicht die nötige Ruhe. Direktabnahme in die Wolken.

50.: Konter BVB, zwei gegen zwei. Reus schickt Lewandowski. Der nagelt aus neun Metern volles Pfund drauf. Der Ball knallt an die Unterkante der Latte und springt Zentimeter vor der Linie auf.

62.: Großkreutz legt den Ball per Kopf Reus ins den Lauf. Kluger Querpass an den Fünfer. Gündogan aber sowas von frei, kann sich die Ecke aussuchen - und schießt Lopez an den linken Arm.

82., 1:0, Benzema: Kaka auf Özil, der mit rechts sofort zur Mitte passt. Benzema ist da und knallt den Ball aus fünf Metern unters Dach.

88.: Benzema zieht 16 Meter vor dem Tor auf und zieht ab. Abgefälscht, aber Weidenfeller lenkt den Ball über die Latte.

88., 2:0, Ramos: Getümmel im Dortmunder Strafraum., Rückpass auf Ramos, der den Ball aus acht Metern unter die Latte nagelt.

Fazit: Dortmund vergab Chance um Chance und zitterte um den sichergeglaubten Finaleinzug bis zur letzten Sekunde. Ein reines Drama...

Der Star des Spiels: Roman Weidenfeller hielt in den ersten Minuten der Partie glanzvoll und verhinderte ein, zwei oder drei Gegentore. In Mats Hummels hatte der Kapitän einen kongenialen Partner. Hummels war in der konfusen Phase seiner Mannschaft kühl bis ans Herz, verlor nicht den Überblick, antizipierte fantastisch und nahm in der Luft jeden Ball weg.

Der Flop des Spiels: Fabio Coentrao konnte von Glück reden, dass er nach seinem brutalen Einsteigen gegen Lewandowski noch bis zu seiner Auswechslung mitspielen durfte. Hatte keine Offensivszene und mit Reus' Tempo so manche Probleme. Die Offensiv-Stars Ronaldo und Özil waren aber insgesamt gesehen auch zu blass für so ein wichtiges Spiel.

Der Schiedsrichter: Howard Webb hatte an und für sich eine gute Spielführung, fand das richtige Maß in der Zweikampfbewertung. Aber: Übersah Ramos' Elfmeter reifes Foul an Lewandowski. Hätte Bender nach einem harten Einsteigen gegen Alonso verwarnen müssen. Ließ Ramos drei Ellbogenschläge durchgehen, zückte dafür für vergleichsweise harmlose Vergehen von Gündogan und Bender sofort Gelb. In den persönlichen Bestrafungen ohne erkennbare Linie.

Die Trainer:

Jose Mourinho nahm seine Umstellungen aus dem Hinspiel zurück und beorderte Ramos für den zuletzt indisponierten Pepe ins Zentrum zurück - ebenso wie Özil, der in Dortmund auf dem rechten Flügel komplett verschenkt war. Mourinho ging früh in der zweiten Hälfte volles Risiko, brachte Kaka und Benzema (für Coentrao und Higuain) und stellte in der Abwehr auf Dreierkette um. Nach Khediras Einwechslung beorderte Mourinho vier Spieler in vorderste Linie - auch das ohne Erfolg.

Jürgen Klopp musste früh Götze wegen einer Zerrung im Oberschenkel vom Feld nehmen - was der Statik des Dortmunders Defensivspiel aber gar nicht ungelegen kam. Großkreutz war der logische Kandidat, der dann auch sofort die anfällige linke Seite ein wenig schließen konnte. Wechselte nach dem Rückstand wie kaum anders zu erwarten defensiv.

Das fiel auf:

  • Madrid "im wichtigsten Spiel der letzten zehn Jahren" (Mourinho) wie nicht anders zu erwarten mit bedingungsloser Offensive von der ersten Minute an. Die Gastgeber wollten sofort Hektik ins Spiel bringen und trafen mit dem BVB auf einen dankbaren Partner. Die Borussia ließ sich total anstecken, war konfus im Passspiel und in der Ordnung und hatte in den ersten 20 Minuten im Prinzip nur Weidenfeller, das das Schlimmste verhinderte. Sieben zu eins Torschüsse, inklusive dreier Großchancen hätten dem Spiel schnell eine völlig andere Farbe geben können.
  • Dortmunds linke Seite war enorm anfällig, Schmelzer hatte zu anfangs große Probleme mit der Ballverarbeitung und im Stellungsspiel. Erst als Großkreutz gezwungenermaßen ins Spiel kam und dort unterstützend tätig wurde, fand Schmelzer auch etwas besser in die Partie.
  • Real verlagerte sein Spiel nach Großkreutz' Hereinahme mehr ins Zentrum und nach links. Dort war allerdings wenig Raum für die vielen kurzen Pässe. Also suchten die Gastgeber einige lange Schläge zu viel, die der BVB besser kontrollieren konnte. Auch, weil Madrid nicht schnell genug hinterherschieben und den gegnerischen Strafraum belagern konnte.
  • Dortmunds Offensivspieler bewegten sich aber weiterhin nicht gut genug und wenn der BVB dann doch mal eine vernünftige Anspielstation vorne fand und nachrücken konnte, wurden die Pässe im letzten Drittel überhastet und schlampig gespielt.
  • Nach dem Wechsel schob Madrid sehr früh mit noch mehr Spielern nach vorne und hatte phasenweise gar kein Mittelfeld mehr. Das eröffnete dem BVB immer mehr Platz und damit zwangsläufig Konterchancen.
  • Real hatte teilweise über 70 Prozent Ballbesitz, aber sehr lange Zeit keine einzige Torchance. Schnell verfielen die Gastgeber wieder in das "Lang-und-hoch-Muster" und spielten dem BVB damit aber voll in die Karten. Man darf es kaum aussprechen, aber in bestimmten Aggregatszustände eines Spiels fehlt es einer Mannshaft wie Real Madrid tatsächlich an Kreativität.
  • Dortmund dagegen verballerte wie in schlechtesten Zeiten eine Großchance nach der anderen, machte sich das Leben somit nur unnötig selbst schwer und verpasste es, einem leblosen Gegner den Todesstoß zu geben. In dem Punkt war der BVB alles andere als eine Spitzenmannschaft an diesem Tag. Das war fahrlässig wie in längst vergessen geglaubten Tagen.

Real Madrid - Borussia Dortmund: Daten und Fakten

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