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Fussball

Kommentar: Für das Reisechaos sind UEFA und Politik verantwortlich - nicht die Klubs

RB Leipzig wird sein Champions-League-Heimspiel gegen Liverpool in der Puskas Arena von Budapest austragen.

RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach stehen wegen der Verlegung ihrer Champions-League-Heimspiele nach Budapest in der Kritik. Dabei hat es die Politik seit Monaten versäumt, für klare und länderübergreifende Regeln zu sorgen. Ein noch traurigeres Bild gibt nur die UEFA ab. Ein Kommentar.

Auch wenn die Inzidenzwerte in Deutschland mittlerweile auf den Stand von Mitte Oktober gefallen sind, als die Bundesligastadien noch mit Tausenden von Fans gefüllt waren: Der Fußball hat weiter einen schweren Stand in der Pandemie. Nach wie vor ist es für viele Menschen nicht nachvollziehbar, warum bei den Profis weiter "business as usual" herrscht, während die übergroße Mehrheit massive Einschränkungen ertragen muss.

Negativ für das ohnehin bereits angekratzte Image wirken sich daher natürlich auch die fragwürdigen Ortswechsel in den anstehenden Europapokalspielen aus. Dass RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach ihre Champions-League-Heimspiele gegen den FC Liverpool und Manchester City nun im rund 800 bzw. 1200 Kilometer entfernten Budapest austragen müssen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Ähnliches gilt für die TSG Hoffenheim, deren Auswärtsspiel gegen Molde FK aus Norwegen nun stattdessen im spanischen Villarreal stattfindet.

Beinahe reflexhaft wirkt da die Kritik aus der Politik, erwartbar von Chefkritiker Karl Lauterbach, aber eben auch von SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, der im Frühstücksfernsehen von Realitätsverlust des Fußballs und einem schlechten Signal sprach.

Dabei liegt es nicht an den Vereinen, sondern an den der Politik unterstellte Behörden und vor allem der für den Wettbewerb verantwortlichen UEFA hier für klare Regeln zu sorgen.

Monatelang kaum Kritik an Fernreisen im Leistungssport

Klingbeils Aussagen sind zwar nicht falsch, aber er und andere machen es sich mit ihrem Fingerpointing sehr einfach. Einerseits, weil fragwürdige Fernreisen im Leistungssport seit Monaten an der Tagesordnung, also kein neues Phänomen sind. Auf manche Wettbewerbe wie die UEFA Nations League hätte man einfach verzichten können, andere wie die letzten Gruppenspieltage der Champions League, die Wettbewerbe im Wintersport oder die Handball-Weltmeisterschaft fanden bei größtenteils deutlich schlimmerem Infektionsgeschehen statt.

Statt Sonntagsreden zu halten, sollte die Politik daher lieber handeln - Klingbeil hat ja nicht nur als Mitglied der DFL-Taskforce "Zukunft Profifußball" einen guten Draht zum Ligaverband, sondern seine Partei sitzt bekanntlich in der Bundesregierung und in zahlreichen Landesregierungen. Solange man aber aus zumindest teilweise guten Gründen (Hygienekonzept, Arbeitsplätze etc.) den Spielbetrieb erlaubt, kann man sich wohlfeile Appelle ans schlechte Gewissen auch einfach sparen.

FC Bayern nach Katar: Bielefeld statt Quarantäne

Zumal es die den Landesregierungen unterstellten Gesundheitsämter sind, die bislang weitgehend die Vorgaben für aus Hochrisikoländern zurückgekehrte Sportler ignoriert haben. Zwar weist das Bundesaußenministerium das Emirat Katar, wo der FC Bayern derzeit eine Woche zur Klub-WM weilt, als Risikogebiet aus. Doch statt wie jeder andere Einreisende nach der Rückkehr zehn Tage in Quarantäne zu müssen, wollen und werden die Münchner schon vier Tage nach dem Finale am kommenden Montag gegen Arminia Bielefeld spielen.

Und selbst das vermeintlich konsequente Durchsetzen der Einreisesperren für die Klubs aus Liverpool und Manchester ist vor allem Symbolpolitik. Oder glaubt wirklich jemand, dass bei einer kurzfristigen Anreise per Learjet und der Abschirmung in der gewohnten Blase irgendeiner der beinahe täglich auf Covid-19 getesteten Teammitglieder die britische Corona-Mutation nach Deutschland einschleppt?

Viel größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutante durch die Bundesligisten bei ihrer Rückkehr aus Ungarn oder dem Hotspot Spanien (7-Tage-Inzidenz über 400) eingeführt werden - oder spätestens nach den Rückspielen in England. Obendrein ist es unfair, den Vereinen die Verantwortung zuzuschreiben, denn bei einem Rückzug hätten nicht nur hohe Einnahmeausfälle, sondern auch empfindliche Strafen gedroht.

Wäre die Politik an einer konstruktiven Lösung für alle Beteiligten interessiert, hätte sie auf multinationaler Ebene schon längst länderübergreifende Lösungen auch und gerade für den Profisport suchen und finden müssen.

UEFA kassiert und droht

Ein noch schlechteres Bild als die Institutionen und Behörden gibt allerdings die UEFA ab. Wenn der Dachverband die Gelddruckmaschine Champions League auch in der momentanen Krise unbedingt durchziehen will, muss er auch die Verantwortung für die (gefahrlose) Austragung der Spiele übernehmen. Stattdessen lehnt man sich in Nyon gemütlich zurück und droht den Klubs mit Konsequenzen, wenn sie nicht schnellstmöglich einen Spielort garantieren.

Dabei wäre es das richtige Zeichen gewesen, die anstehenden K.o.-Runde erstmal nach hinten zu verschieben. Noch besser wäre es freilich gewesen, gleich wie in anderen Sportarten oder auch wie im Vorjahr die entscheidenden Spiele an einem Ort im Turnierformat auszutragen.

Der Spannung und Attraktivität hätte es nicht geschadet, dem Image und der Gesundheit der Beteiligten erst recht nicht. Stattdessen wurde vor allem aus wirtschaftlichen Interessen eine Chance vertan - wieder mal.

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