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Fussball

RB Leipzigs Neuzugang Justin Kluivert: Ein väterlicher Rat und die Gnabry-Parallele

Von Dennis Melzer
Justin Kluivert gab am vergangenen Samstag als Einwechselspieler in Augsburg sein Bundesligadebüt für RB Leipzig.

Justin Kluivert will seine Karriere bei RB Leipzig wieder auf Touren bringen. Anders als bei seinem Wechsel zur Roma hat er diesmal den Rat seines Vaters befolgt.

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1. Juli 1998, im Stade Velodrome zu Marseille läuft die 87. Spielminute, die niederländische Nationalmannschaft stemmt sich gegen die drohende Niederlage im WM-Halbfinale gegen Brasilien. Rechtsaußen Ronald de Boer hat plötzlich ganz viel Platz, legt sich die Kugel einmal vor und flankt in die Mitte.

Er findet Patrick Kluivert, der sich - umzingelt von staunenden Selecao-Stars - rund sechs Meter vor des Gegners Kasten in den Nachthimmel schraubt und den Ball vorbei an Keeper Taffarel ins Netz wuchtet. Der Inbegriff des Schulbuchkopfballs, ein Musterbeispiel für Körperbeherrschung in der Luft. Ein typisches Patrick-Kluivert-Tor.

Er mag seinem Sohn Justin, der erst im Mai 1999, also knapp ein Jahr später das Licht der Welt erblicken sollte, viel mitgegeben haben - die Qualitäten im Kopfballspiel zählen allerdings nicht dazu. Welche der Fähigkeiten seines Vaters er denn gerne hätte, wurde Justin, jüngst auf Leihbasis von der AS Rom zu RB Leipzig gewechselt, im Sport-Bild-Interview gefragt: "Seine Kopfballstärke. Da kann ich mich noch steigern. Allerdings bin ich auch fast 20 Zentimeter kleiner."

Justin Kluivert über Vater-Vergleich: "Bin auf jeden Fall schneller"

Stattdessen verfüge er im Vergleich zu Kluivert senior aber über andere Vorzüge. "Ich bin auf jeden Fall schneller. Und ich kann auch ein bisschen besser dribbeln." Jene Eigenschaften sind für Justin ohnehin essentieller als ein herausragendes Kopfballspiel. Anders als sein Vater, der als Neuner der alten Schule galt, für Ajax, den FC Barcelona und Milan verlässlich knipste, wirbelt Justin über die Außenbahnen.

Ähnlich wie Patrick Kluivert, der schon als junger Kerl bei Ajax für Furore sorgte, die Amsterdamer sogar im Alter von 18 Jahren zum Champions-League-Titel schoss, war auch Filius Justin früh in aller Munde. Ebenfalls in der berühmten Talentschmiede des Traditionsklubs aus der Grachtenmetropole ausgebildet, debütierte der Offensivmann als 17-Jähriger für Ajax, nur ein Jahr darauf stand er erstmals für die A-Auswahl der Elftal auf dem Feld.

Aufgrund seiner starken Leistungen im Ajax-Dress weckte Kluivert schnell Begehrlichkeiten, rief etliche Spitzenklubs auf den Plan. Mit dem Bewerbungsschreiben von 13 Toren und zehn Vorlagen in 53 Pflichtspieleinsätzen für den niederländischen Rekordmeister entschied er sich letztlich im Sommer 2018 für einen Wechsel zur Roma, die 17,25 Millionen Euro Ablöse für Justins Dienste lockermachte.

Patrick Kluivert hielt Wechsel zur Roma für verfrüht

Und das obwohl der Vater seinen Sprössling lieber noch länger in der Heimat gesehen hätte. "Ich persönlich habe ihm gesagt, dass es vielleicht besser ist, noch ein Jahr bei Ajax zu bleiben, um Kilometer zu machen und wichtig zu sein für das Team", verriet Patrick damals im Gespräch mit ESPN. Er schob allerdings nach: "Aber ich glaube, dass die Roma eine gute Lösung ist. Der Sprung in die Premier League wäre für ihn nicht gut gewesen."

Justin sei ein "Typ, der weiß, was er will", dementsprechend habe er ihm den Schritt in die Ewige Stadt auch nicht madigmachen wollen. Bei den Giallorossi zeigte er ansatzweise, warum er als riesiges Talent, zwischenzeitlich sogar für noch begabter als der Vater, befunden worden war, wirkliche Konstanz bekam der mittlerweile 21-Jährige allerdings nicht in sein Spiel.

Justin Kluivert: Keine Konstanz bei der AS Rom

Auch, weil auf der Trainerbank der italienischen Hauptstädter keine Beständigkeit einkehren wollte. Vier Übungsleiter gaben sich binnen zwei Jahren die Klinke in die Hand, Paulo Fonseca, der die Geschicke im Juli 2019 übernommen hatte und nach wie vor an der Seitenlinie steht, setzte nur bedingt auf die Dienste des Tempodribblers. Zudem wurde Justin immer wieder von Verletzungen, die hauptsächlich muskulärer Natur waren, zurückgeworfen.

Einer jungen Karriere, die extrem verheißungsvoll begonnen hatte, drohte die erste kleine Stagnation. Grund genug für Justin, nach Alternativen Ausschau zu halten, einen Klub zu suchen, bei dem er wieder Fahrt aufnehmen kann. Anfang Oktober, kurz vor Schließung des Transferfensters vermeldete RB Leipzig seine Verpflichtung. Leihe für eine Saison, Gebühr rund eine Million Euro, angebliche Kaufoption über 20 Millionen Euro.

Leipzig und Justin Kluivert: Transfer im zweiten Anlauf

Man habe Justin Kluivert "schon länger beobachtet", gab RB-Sportdirektor Markus Krösche zu Protokoll. Er ergänzte: "Wir sind stolz darauf, dass er sich für einen Wechsel zu RB Leipzig entschieden hat." Tatsächlich hatten die Roten Bullen schon vor zwei Jahren konkretes Interesse an dem Youngster. Justins Berater Mino Raiola und Ralf Rangnick sollen sich aber zu jener Zeit nicht einig geworden sein.

"Ich war schon 2018 hier, habe mir das Trainingszentrum angesehen. Da ging es darum, ob ich nach Leipzig gehe oder nach Rom", wurde er im Anschluss an seinen Medizincheck in der Heldenstadt von der Bild-Zeitung zitiert. Ein Transfer über Umwege also, ein Wechsel, der diesmal jedoch gleich von Papa Patrick abgesegnet wurde. "Er hat gesagt: Tu es! Er ist gespannt wie ich, wie es in Leipzig läuft."

Justin Kluiverts Karrierestatistik

WettbewerbSpieleToreAssists
Eredivisie mit Ajax44129
Serie A mit AS Rom5358
Bundesliga mit RB Leipzig1--
Coppa Italia mit AS Rom3-2
Niederländischer Pokal mit Ajax21-
Champions League mit AS Rom51-
Europa League mit AS Rom73-

Julian Nagelsmann zieht Vergleich zu Serge Gnabry

Dabei wird sich der Neuankömmling allerdings vor dem Champions-League-Auftakt gegen Basaksehir am Dienstag zunächst einmal gedulden müssen. Julian Nagelsmann, der mit Blick auf Kluivert den Vergleich zu seinem ehemaligen Hoffenheim-Schützling Serge Gnabry bemühte, sagte zuletzt zwar: "Von der Grundart, Fußball zu spielen, gibt es durchaus Parallelen zwischen den beiden. Serge ist ein außergewöhnlicher Spieler und ich würde mich freuen, wenn Justin das Niveau irgendwann erreichen könnte."

Der RB-Coach gab aber auch zu bedenken: "Als Serge damals nach Hoffenheim kam, war er schon einen Schritt weiter. Einfach, weil er damals regelmäßig gespielt hatte. Das war bei Justin zuletzt nicht der Fall. Er muss jetzt erstmal bei uns reinkommen und seinen Rhythmus finden." Um sich nicht allein in der neuen Heimat zu akklimatisieren, hat Justin sich familiäre Unterstützung mit nach Sachsen gebracht. Zwei Cousins begleiteten den zweimaligen Nationalspieler.

Zwei Mitglieder der Familie Kluivert, die offenbar mit der Tradition gebrochen haben, sich gänzlich dem Fußball zu verschreiben. Justins jüngerer Bruder Ruben (19) spielt auf der Innenverteidigerposition beim FC Utrecht, Quincy, zwei Jahre älter als Justin, ist derzeit auf Vereinssuche.

Doch die vielleicht größte kluivert'sche Hoffnung, derjenige, dem das größte Potenzial nachgesagt wird, muss noch ein paar Jährchen warten: Shane Kluivert, 13 Jahre, 2017 von Nike als jüngster Werbeträger mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet, kickt im Nachwuchsleistungszentrum des FC Barcelona. Passenderweise beim damaligen und heutigen Arbeitgeber seines Vaters. Patrick ist nämlich mittlerweile Jugendleiter bei den Blaugrana.

Vielleicht avanciert Shane eines Tages zum Kopfballungeheuer, Justin wird wohl keine 20 Zentimeter mehr wachsen. Das muss er aber auch gar nicht, er geht ohnehin seinen eigenen Weg. Vorerst in Leipzig.

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