-->
Cookie-Einstellungen
Fussball

Bayern-Schlitzohr Serge Gnabry vor CL-Finale im Robben-Modus: "Die Rückschläge haben ihn geformt"

Von Dennis Melzer
Serge Gnabry spielt beim FC Bayern derzeit groß auf.

Serge Gnabry strafte einen Ex-Coach Lügen. Dabei hätte ein Anruf bei Streli Mamba gereicht, um mehr über das Potenzial des Schwaben zu erfahren. Spätestens seit dem Champions-League-Halbfinale gegen Olympique Lyon (die Highlights im Video) ist aber klar: Der 25-Jährige ist im Arjen-Robben-Modus angekommen.

Schon nach dem 7:2-Erfolg des FC Bayern über Tottenham fiel Tony Pulis eine vor wenigen Jahren getätigte Aussage auf die Füße. Er, einst als Trainer bei West Bromwich Albion angestellt, hatte einen gewissen Serge Gnabry als "nicht gut genug" für die Baggies bezeichnet.

Große Häme für Pulis, hatte doch ausgerechnet ebenjener Gnabry kurz zuvor vier Tore gegen die Spurs erzielt. Am Mittwochabend hatte die fast schon legendäre Fehleinschätzung wieder einmal Hochkonjunktur. Diesmal hatte der gebürtige Stuttgarter im Champions-League-Halbfinale Olympique Lyon überrollt.

Natürlich ist Pulis' damalige Feststellung nicht gut gealtert - und doch zeigt sie, wie sehr Fußballer beim Abrufen oder eben Nicht-Abrufen ihres vorhandenen Potenzials von Rahmenbedingungen abhängig sein können. Es mag sein, dass Gnabry zu seiner Leih-Zeit bei West Brom nicht vollumfänglich gezeigt hat, wozu er imstande ist. In München ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Auch dank Hansi Flick, wie Bayern-Vorstand Oliver Kahn erklärt.

"Er ist ein Spieler, der sich in den letzten Monaten weiterentwickelt hat. Seine Leistungskurve geht von Jahr zu Jahr weiter nach oben. Er ist noch lange nicht ganz oben angekommen und bringt trotzdem schon Top-Leistungen", sagte Kahn im Rahmen einer Pressekonferenz, als er von SPOX und Goal auf Gnabry angesprochen wurde.

Gnabrys Karriere-Start: "Jetzt freuen sich eben die Bayern"

"Die Ursache für die gute Entwicklung liegt natürlich auch immer beim Trainer. Es ist eine Stärke von Hansi, dass er bei allen Spielern immer wieder die richtigen Worte findet. Man muss sich als Trainer sehr intensiv mit den Charakteren, den Menschen, den Spielern auseinandersetzen. Das macht Hansi und das fördert den Erfolg", schob Kahn nach.

Eine Kunst, die Pulis mutmaßlich - zumindest in Gnabrys Fall - nicht beherrschte. Streli Mamba, der gemeinsam mit Gnabry in der Jugend des VfB Stuttgart kickte, findet dessen berüchtigte Aussage dennoch "krass", wie er im Gespräch mit SPOX und Goal sagt.

"Ich kenne ihn schon sehr lange, wir haben in der U13 zusammengespielt. Die Fähigkeiten, die er heute auf dem Platz zeigt, hat er schon damals gehabt. Natürlich noch nicht in dieser ausgereiften Form, aber seine Qualitäten waren offensichtlich", ergänzte der Angreifer des SC Paderborn.

Man hätte Gnabry bei West Bromwich mehr Zeit zur Entfaltung geben sollen. "Dann hätte es etwas werden können. Aber gut, jetzt freuen sich eben die Bayern." Und wie sich die Bayern freuen.

Bayern-Trainer Flick: Gnabry? "Nahe an einem Weltklasse-Spieler"

Flick, der eigentlich gar nicht so gerne über einzelne Spieler spricht, schwärmte im Anschluss an den Finaleinzug in den höchsten Tönen: "Wenn man seine Entwicklung sieht, muss man sagen, dass er nahe an einem Weltklasse-Spieler ist. Wir sind sehr, sehr happy, dass er bei uns in der Mannschaft ist."

Ähnlich wie Kahn sieht Flick bei seinem Schützling allerdings noch Luft nach oben: "Ich bin der Überzeugung, dass er noch lange nicht am Ende ist." Beeindruckende Einschätzungen über einen Spieler, der sich einst bei West Brom nicht durchsetzte und bei seinem Stammverein FC Arsenal ebenfalls keine aussichtsreiche Zukunft hatte. Marc Kienle, Gnabrys U17-Trainer aus Stuttgarter Zeiten, bewertet die Rückkehr nach Deutschland als Schlüsselmoment.

"Die Vereine, für die er nach seiner Zeit in England gespielt hat (Werder Bremen und die TSG Hoffenheim, Anm. d. Red.), waren sehr gut gewählt", sagte er SPOX und Goal. "Bei den Bayern, in diesem großartigen Umfeld, hat er sich noch einmal wahnsinnig gesteigert. Er hat noch einmal einen großen Schritt nach vorne gemacht. Er ist noch kompakter, noch kompletter geworden. Im defensiven Bereich hat er ebenfalls viel dazugelernt."

Ex-Trainer Kienle: "Gnabry haben Rückschläge nicht geschadet"

Kienle zeigte sich beeindruckt davon, wie gut sein Ex-Spieler die am Ende schwierige Zeit in England verarbeitet hat. "Jeder Spieler muss während seiner Karriere Rückschläge hinnehmen. Serge haben sie nicht geschadet, sondern sie haben ihn zu einem kompletten Spieler geformt", sagt der 47-Jährige.

Wie er Gnabry als Jugendlichen wahrgenommen habe? "Serge war sehr angenehm, ein bisschen schlitzohrig. Er hatte den Schalk im Nacken sitzen und war ausgebufft", sagt Kienle und ergänzt: "Solche Spieler wünscht man sich als Trainer. Er hat definitiv seine Spuren hinterlassen. Sein Antritt war beeindruckend, seine Schusstechnik, die man gegen Lyon sehen durfte, war in jungen Jahren schon herausragend."

Eine Beobachtung, die auch Mamba schon früh machen durfte. "Wenn wir bei Hallenturnieren einen Freistoß zugesprochen bekamen, wusste jeder, dass Serge ihn reinmacht. Wirklich jeder wusste es, wir, der Gegner, alle", erinnert er sich.

Mamba führt aus: "Ein Mitspieler hat den Ball vorgelegt, Serge hat einen Schuss angetäuscht und abgezogen - egal, ob mit rechts oder links, der Ball war immer drin. Wie bei Arjen Robben, bei dem man auch immer wusste, was er macht, aber niemand ein Gegenmittel gefunden hat."

Gnabrys Traumtor gegen Lyon: "Da dachte ich mir: Wow!"

Ihn wundere es dementsprechend überhaupt nicht, dass Gnabry derart stark auf allerhöchstem Niveau abliefert. Beim Treffer zum 1:0, dessen Entstehung etwas an den typischen Robben-Move erinnerte, habe er aber dennoch gestaunt: "Als er gegen Lyon diese Fackel mit links abgefeuert hat, dachte ich mir: Wow!"

Apropos verwunderlich: Gnabry fühlt sich im königlichsten aller Fußball-Wettbewerbe allem Anschein nach am wohlsten. Insgesamt neun Tore steuerte der Nationalspieler in neun Champions- League-Spielen in dieser Saison bei, während nach 31 Bundesliga-Einsätzen zwölf Tore zu Buche standen. Insbesondere nach der Corona-Zwangspause dient die Jagd auf den Henkelpott anscheinend als großer Ansporn für Top-Leistungen.

"Nur" ein Tor erzielte er nach dem Re-Start in der Liga (bei acht Einsätzen), in der Champions League traf er in drei Spielen dreimal. Gnabry ist auf den Punkt da, dann, wenn er wirklich gebraucht wird.

"Er gehört genau auf dieses Level", sagt Mamba. Das hat übrigens mittlerweile auch Tony Pulic feststellen müssen: "Ich bin fast hintenübergefallen", sagte er bereits nach Gnabrys Gala gegen Tottenham im September vergangenen Jahres. "Wenn die Leute zeigen, was sie wirklich können, und sich so gut machen wie er, dann ist das absolut fantastisch."

Serge Gnabry: Spielerstatistiken in der Saison 2019/20

WettbewerbSpieleToreTorvorlagen
Bundesliga311211
Champions League992
DFB-Pokal521
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung