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Fussball

CL-Hymnen-Komponist Tony Britten im Interview: "Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte"

Von Filip Knopp
Vor jedem Spiel in der UEFA Champions League erklingt die von Tony Britten komponierte Hymne.

In diesem Jahr ist alles anders. Als Folge der Corona-Pandemie endet die Champions League ohne Fans auf den Tribünen und als Blitzturnier in Lissabon. Immerhin: Die CL-Hymne sorgt wie immer für den passenden Rahmen. Vor dem Finale zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München (21 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) sprachen SPOX und Goal mit Tony Britten, dem Komponisten des legendären Musikstücks.

Der Brite erzählt dabei von der Entstehung der Hymne und dem Zweck, den der europäische Fußballverband mit ihrer Erschaffung verfolgte. Britten erinnert sich auch an ein für ihn ganz besonderes Erlebnis im San Siro.

Herr Britten, Sie sind der Schöpfer der Champions-League-Hymne, die in der Welt des Fußballs seit 1992 so viel Begeisterung entfacht hat. War sie die größte Herausforderung Ihres Lebens?

Tony Britten: Ich denke, jede einzelne Aufgabe sollte die größte Herausforderung sein. Aber wenn ich damals gewusst hätte, wie sich die Champions League entwickeln würde, hätte ich es wahrscheinlich als riesige Herausforderung betrachtet, dieses Stück zu schreiben. Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte, wie einflussreich dieses Projekt werden würde. Wenn ein Cristiano Ronaldo die Hymne mitsingt, bin ich einfach demütig und froh, dass die Musik so einen positiven Effekt gehabt zu haben scheint.

Warum wird die Hymne so geliebt?

Britten: Ich denke, das liegt daran, dass sie so zeitlos ist. Es ist ihre klassische Art. Viele Medienorganisationen im Sport scheinen zu glauben, bei einer Hymne sei es der Schlüssel zur Etablierung ihres Sports, die neuesten, populistischsten Klänge zu nutzen. Das Gegenteil ist der Fall. Während einige bestimmte Pop- oder Rockmusikstücke bevorzugen, glaube ich daran, dass der umfassende Charakter, wie er bei der Champions-League-Hymne vorhanden ist, wirklich wichtig ist.

Welche Vorgaben oder Vorstellungen gab es seitens der UEFA?

Britten: Die UEFA war bestrebt, dem schönen Spiel wieder Würde zu verleihen. Es gab damals in Europa viele Hooligans und sie wollte dem entgegenwirken, indem die Hymne die Menschen an den Glanz des Spiels erinnert. Die Richtlinien seitens der UEFA waren ziemlich vage. Sie wollte das Phänomen der Drei Tenöre von der Weltmeisterschaft 1990 in Italien nachahmen, aber mehr mit einem Chor anstatt mit Solisten. Ich schlug verschiedene Stile vor, der UEFA gefiel Georg Friedrich Händels 'Zadok the Priest' und darauf aufbauend konnte ich dann arbeiten.

CL-Hymne: "Ich habe eine Menge Superlative aufgeschrieben"

Wurden Sie von der UEFA darum gebeten, etwas zu verändern, als Sie fertig waren?

Britten: Es ist lange her, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nichts daran ändern lassen wollten. Heutzutage würde es natürlich ganze Komitees geben, die nur darüber diskutieren, wie man alles ändert, was einmal geschrieben wurde. Ich habe der UEFA damals auch keine anderen Vorschläge für eine Hymne gemacht. Nachdem wir uns alle über einen Weg einig waren, wäre es kontraproduktiv gewesen, nach Alternativen zu suchen.

Mit welchen Personen bei der UEFA hatten Sie es während des Arbeitsprozesses eigentlich zu tun?

Britten: Bei der UEFA weiß ich es nicht mehr genau. Mein Hauptkontakt war Craig Thompson, ein Amerikaner. Er leitete die Marketingfirma TEAM Marketing AG (exklusiver kommerzieller Partner der UEFA; Anm. d. Red.) und hat den Wettbewerb für die UEFA gestaltet. Er war dementsprechend ein wichtiger Teil des gesamten Projekts und wurde zu einem guten Freund und Kollegen.

"Die Meister. Die Besten. Les grandes équipes. The champions", lautet der Refrain der Hymne. Der Text ist allgemein sehr simpel gehalten. Was ist das Geheimnis dahinter?

Britten: Im Grunde genommen habe ich auf Englisch eine Menge Superlative aufgeschrieben. Diese ließ ich dann ins Französische und Deutsche übersetzen. Es sind die anderen beiden offiziellen Sprachen der UEFA.

Haben sich nach Ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit mit der UEFA auch Verbände anderer Wettbewerbe bei Ihnen gemeldet, um Sie zu beauftragen?

Britten: Einige! Ich hatte viel Spaß beim Schreiben und bei der Aufnahme. Ein paar haben funktioniert, ein paar sind nie erschienen. Aber keine wurde so groß wie die der Champions League.

Wem oder wofür haben Sie denn noch eine Hymne komponiert?

Britten: Der Champions League im Hockey. Nach einer Saison zogen sich aber Sponsoren zurück, woraufhin andere Musik gewählt wurde. Ich habe auch ein Stück für die Fußball-App der Zeitung The Sun gemacht. Ein großer Spaß. Aber sie ging eine Partnerschaft mit Sky ein, dann wurde keine Musik mehr verwendet. Die gute Nachricht ist, dass ich in beiden Fällen die Urheberrechte zurückbekommen und das Material gerade mit einem großen Orchester für ein Album mit Themen rund um den Sport neu aufgenommen habe. Und für Songs, die ich gerade noch aufnehme. Ich habe auch eine Hymne für die KOC Sports Awards in Istanbul kreiert, die sie dort jedes Jahr spielen.

Hymnen-Komponist: "Finale 2001 war etwas ganz Besonderes"

Sichtlich gerührt und mit einem Lachen im Gesicht hat sich Stefan Effenberg im San Siro bei Ihnen für die Hymne bedankt, als der FC Bayern München im Finale 2001 auf den FC Valencia traf. Ihr schönstes Andenken?

Britten: Ich habe bislang viele einzigartige Erlebnisse gehabt, aber das Finale im San Siro war schon etwas ganz Besonderes. Und ich weiß, dass Stefan mir zustimmt, weil wir vor ein paar Jahren zusammen in einer Champions-League-Sendung waren und uns wirklich gut verstanden haben. Meine überwältigende Erinnerung an diesen Abend ist, den Chor der Mailänder Scala bei der Live-Performance der Hymne dirigiert zu haben und der Lärm der Fans so groß war, dass ich das Orchester auf dem Ohr zunächst gar nicht hören konnte. Schrecklich!

Und was sind Ihre schönsten Erinnerungen in rein sportlicher und weniger persönlicher Hinsicht? Allein wegen Ihrer Hymne verfolgen Sie den Wettbewerb sicherlich Jahr für Jahr.

Britten: Steve McManamans Scherenschlag für Real Madrid gegen Valencia in Paris im Jahr 2000 und Gareth Bales Fallrückzieher für Real gegen Liverpool im Finale 2018. Sie sind beide so wundervolle Spieler!

Wissen Sie, ob die UEFA möglicherweise plant, die Hymne eines Tages zu ändern oder zu wechseln? Oder erwarten Sie, dass es sie wegen ihrer Bedeutung noch sehr lange geben wird?

Britten: Natürlich hätte ich es gerne, dass die UEFA diese Hymne weiterhin nutzt. Nicht zuletzt, weil große Markenorganisationen ihr gesagt haben, dass die Hymne der wichtigste Teil der Marke Champions League ist. Aber wir werden sehen. Ich hoffe, dass sie weiterhin genutzt wird.

Am Sonntag duellieren sich Paris Saint-Germain und der FC Bayern im Finale. Was glauben Sie, wer frühestens 90 Minuten nach Ihrer Hymne auf den europäischen Thron steigen wird?

Britten: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bayern verlieren wird. Aber mal sehen. Es ist das Schöne an der Champions League, dass niemals etwas sicher ist.

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