Fussball

Benedikt Höwedes im Interview: "Ich habe mich schnell für meinen Audi geschämt"

Von Robin Haack
Vor 12 Jahren: Benedikt Höwedes beim Einwurf.

In einer von Materialismus geprägten Fußballwelt zählt Benedikt Höwedes zu den großen Ausnahmen. Im exklusiven Interview mit SPOX und Goal spricht der Weltmeister von 2014 über die Blase Profifußball und erklärt im Zuge dessen, warum er sich als Jungprofi schnell für sein neues Auto schämte.

Außerdem erzählt der langjährige Kapitän des FC Schalke 04 von seinen fußballerischen Anfängen, seiner gescheiterten Vision mit Königsblau und seinem schmerzhaften Abschied aus dem Ruhrgebiet.

Benedikt, Sie sind im Alter von 13 Jahren zu Schalke 04 gewechselt. Was hat Sie an Ihrem ersten Tag besonders beeindruckt?

Benedikt Höwedes: Damals sah das ganze Gelände noch komplett anders aus. Statt eines Kunstrasens gab es einen Ascheplatz, die Geschäftsstelle war im Umbau. Obwohl es noch nicht so modern war wie heute, war es für mich total beeindruckend. Ich war riesiger Fußballfan - aber gar nicht so häufig im Stadion. Ich kann mich gut erinnern, wie ich zum Spiel gegen Düsseldorf mit meiner damaligen Mannschaft das erste Mal als Fan im Parkstadion war. Stadionbesuche waren für mich ganz besondere Erlebnisse. Plötzlich fuhr ich selbst jeden Tag in Richtung der Arena und trainierte nebenan. Wir haben einheitliche Trainingskleidung und zwei Paar Fußballschuhe im Jahr bekommen. Es war für mich wie Weihnachten, mit all den neuen Sachen nach Hause zu kommen, sie stolz auszupacken und meinen Eltern zu zeigen.

Julian Draxler sagte im Interview mit SPOX und Goal, dass er von seinem ersten Spiel im Schalke-Trikot enttäuscht gewesen sei, weil es damals noch nicht die gleichen Trikots waren wie die der Profis.

Höwedes: Unsere Trikots hatten nichts mit denen zu tun, die die Profis damals trugen. Andere Farben, anderes Muster. Wir haben einfach irgendwas getragen. Das Einzige, was unsere Trikots mit denen der Profis gemeinsam hatten, war das Schalke-Zeichen. (lacht)

Wo lag der größte Unterschied zwischen Ihrer Jugendzeit bei Haltern und Schalke 04?

Höwedes: Bis zum Tag, an dem ich zu Schalke gewechselt bin, habe ich als Stürmer oder Zehner gespielt und viele Tore geschossen. Die damalige C2 von Schalke war im Sturm schon gut besetzt, sodass ich dort hingestellt wurde, wo noch Platz war - und das war die Position des rechten Verteidigers in der Dreierkette. Ich war aber froh, überhaupt regelmäßig zu spielen und habe mich nie beschwert. Letztlich wurde ich also mehr oder weniger unfreiwillig zum Verteidiger und habe seitdem keine andere Position mehr gespielt.

Was ist Ihre prägendste Erinnerung an Ihre Anfangszeit auf Schalke?

Höwedes: Nach drei Wochen habe ich mir in meinem ersten Revierderby gegen Dortmund den Fuß gebrochen. Anschließend musste ich über einen Monat lang pausieren. Ich erinnere mich auch an einen Schlachtruf, den wir vor jedem Spiel in der Kabine gebrüllt haben.

Was war das für ein Schlachtruf?

Höwedes: "Wir sind wir, der S04. Stark wie ein Stier im Revier." (lacht) Das habe ich bis heute nicht vergessen. Schon damals ging es darum, die Schalke-Identität zu wahren und den Mythos zu spüren, der diesen Verein umgibt.

Ging es in der Kabine auf Schalke weniger freundschaftlich zu als noch in Haltern oder Langenbochum?

Höwedes: Es gab Freundschaften, aber man muss ehrlich sagen, dass in der Jugend brutal aussortiert wird. Aus der C2 hat es außer mir niemand bis in die A-Jugend geschafft - und es sind nur zwei Jahrgänge. Die Orientierung in Richtung des professionellen Fußballs war spürbar. Es gab auch eine Phase, in der viele Spieler aufs Fußballinternat geschickt wurden. Auch ich war kurz dort, kam aber überhaupt nicht zurecht.

Warum nicht?

Höwedes: Ich habe es nur sieben Wochen ausgehalten und wollte schnell zurück auf meine alte Schule. Ich kam aus einem sehr behüteten Umfeld aus Haltern und war dann plötzlich auf der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen mit über 1.500 Schülern. Der Umgangston war viel rauer, als ich es gewohnt war. Teilweise wurden sogar die Lehrer beleidigt und ich dachte mir nur: "Was ist denn hier los?" Ich gehörte zu einem der ersten Jahrgänge, mit denen das Fußballinternat-Projekt durchgeführt wurde. Es gab damals nur sehr wenige Räume für uns Fußballer, sodass ich die Hausaufgaben häufig auf Holzbänken in der Kabine machen musste. Auch das Essen war unterirdisch und die Tage für mich extrem lang. Ich wurde um halb sieben vom Fahrdienst abgeholt und war oft erst um 23 Uhr wieder zu Hause. Die Internatszeit war wirklich sehr hart für mich. Irgendwann bin ich unter Tränen zu meinen Eltern gegangen und habe klargemacht, dass ich nicht auf dieser Schule bleiben kann.

Höwedes: "Deshalb wollte man mich auf Schalke aussortieren"

Und dann konnten Sie an Ihre frühere Schule zurückkehren?

Höwedes: Es war nicht ganz einfach, aber letztlich haben wir es geschafft, dass ich zurück auf die Realschule nach Haltern wechseln konnte, auf der ich schließlich meinen Realschulabschluss gemacht habe. Drei Jahre später habe ich dann noch mein Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium in Haltern am See gemacht. Rückblickend war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, obwohl man mich auf Schalke deshalb aussortieren wollte.

Erzählen Sie.

Höwedes: Im Jugendbereich waren einige Verantwortliche der Meinung, ich sei nicht stark genug für den Profibereich, wenn ich schon das Internat abbreche. Sie sagten, ich sei zu weich und würde den Sprung nicht schaffen. Glücklicherweise hatte ich mit Edgar Holtick einen Trainer, der sich massiv dafür eingesetzt hat, dass ich in die B2 übernommen wurde.

Wie bewerten Sie Fußballinternate aus heutiger Sicht?

Höwedes: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass auf Fußballinternaten alles schlecht ist. Zu mir passte diese Art Schule einfach nicht, zumal das Projekt damals noch nicht ausgereift war. Ich bin sicher, dass die Förderung heute besser ist als noch vor 15 Jahren.

Haben Sie in der C- oder B-Jugend schon Leistungsdruck verspürt?

Höwedes: Nein, ich hatte zwar den Wunsch, Fußballprofi zu werden, habe mir aber nie Druck gemacht. Ich habe es einfach geliebt, Fußball zu spielen. Zum Glück wurde ich von meinem Vater bedingungslos unterstützt. Er hat die Dinge zwar kritisch mit mir analysiert, war aber gleichzeitig mein größter Unterstützer. Von damaligen Mitspielern habe ich immer wieder mitbekommen, dass viele Väter enormen Druck ausüben, weil sie ihre Söhne als große Hoffnung sehen, an Geld zu kommen. Manche Väter leben den Traum mehr als die Jungs selbst. Bei mir war es komplett anders. Niemand aus der Familie saß mir im Nacken oder hat mir Vorträge gehalten.

Benedikt Höwedes über Norbert Elgert

Abgesehen von großen Titeln oder Siegen: Welchen Moment Ihrer Jugendzeit haben Sie als besonders schön in Erinnerung?

Höwedes: Zwischenmenschlich hatte ich eine tolle Beziehung zu meinem damaligen C-Jugendtrainer Edgar Holtick und ich werde ihm immer dankbar sein, dass er sich so sehr für mich eingesetzt hat. Auch die A-Jugend-Zeit unter Norbert Elgert hat mich enorm geprägt. Unter ihm habe ich gelernt, meinen Mann zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Neben dem Fußball wurden uns auch wichtige Werte vermittelt.

Was macht Elgert so besonders?

Höwedes: Der Zusammenhalt, den der Trainer von uns verlangt hat, war der Hammer. Auch wenn es im Nachhinein ein bisschen belächelt wird: Wir haben Teamcredos erstellt, nach denen ich in den zwei Jahren wirklich gelebt habe. Der Teamgedanke, sprich, die Bereitschaft, sich jederzeit für die Mitspieler aufzuopfern, wurde nicht nur aufs Papier geschrieben, sondern von jedem in jeder Sekunde gelebt. Norbert Elgert hat es vorgelebt und ich bin für den Trainer durchs Feuer gegangen. Wir haben im ersten A-Jugend-Jahr jedes Turnier gewonnen - ob in der Halle oder draußen, sind Westdeutscher Meister und Deutscher Meister geworden. Das lag nicht nur an guten Spielern wie Mesut Özil oder Ralf Fährmann, sondern auch am brutalen Zusammenhalt.

Bestand nach der Meisterschaft die Gefahr, dass ein Teil des Teams abhebt, als es in Richtung Profibereich ging?

Höwedes: Ich kann nur für mich sprechen, aber mir ist es nicht schwergefallen, auf dem Boden zu bleiben. Elgert hat immer versucht, uns klarzumachen, dass wir noch nichts erreicht haben und der Sprung zu den Profis riesig ist. Spieler wie Marcelo Bordon, Mladen Krstajic, Dario Rodriguez und Heiko Westermann waren zu meiner Zeit ganz klar vor mir. Ich hatte überhaupt nichts zu melden, musste gut trainieren, die Klappe halten und mich hinten anstellen. Heutzutage ist das anders. Da kommen 18-Jährige hoch und spielen direkt. In der Anfangszeit habe ich neben dem Training noch mein Abitur gemacht. Es war knüppelhart, aber ich habe mich durchgebissen. Rückblickend hat es mich als Fußballer stärker gemacht, mich durch solche Phasen kämpfen zu müssen.

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