Fussball

PSG-Star Julian Draxler im Interview: "Ich musste mir von meinen Nachbarn anhören, dass ich scheiße bin"

Von Daniel Herzog
SPOX und DAZN trafen Julian Draxler zum Interview.

Über Schalke 04 und den VfL Wolfsburg landete Julian Draxler bei Paris Saint-Germain. Im ersten Teil des ausführlichen Interviews mit SPOX und DAZN spricht der 26-Jährige über seinen Weg zum Profifußballer, sein enttäuschendes erstes Mal im Schalke-Trikot und den Druck seines Vaters.

Außerdem: Warum er nicht in der Lage war, Zweikämpfe gegen einen 17-Jährigen von Borussia Dortmund zu gewinnen, bei welcher Begegnung ihm die Spucke wegblieb, wann er am liebsten den Kameramann umarmt hätte und warum er sich allein fühlte.

Der zweite Teil des Interviews mit SPOX und DAZN erscheint am Dienstag. Dort spricht Draxler über seinen Abschied von Schalke, seine Fehler sowie seine Zeit in Wolfsburg und bei PSG.

Julian, wie haben Sie Ihre Liebe zum Fußball entdeckt?

Julian Draxler: Es gibt wohl nur wenige Familien, die so fußballverrückt sind wie meine. Es ist egal, ob wir über meine Cousine, meine Tante oder meine Mama sprechen: Meistens gibt es nur ein Thema - und das ist Fußball. Für die Jungs, sprich meinen Vater oder meinen Bruder, gilt das sowieso. Wenn man in so einer Familie aufwächst, führt kein Weg am Fußball vorbei.

Wie kann man sich das im Alltag vorstellen?

Draxler: Auf Familienfeiern oder Geburtstagen dreht sich meistens schon die erste Frage um Fußball. Da wird über die Lage auf Schalke, den Trainer, das Management oder die Spieler gesprochen. Natürlich geht es oft auch um mein fußballerisches Leben - aber genauso um das meines Bruders. Patrick spielt beim BV Rentfort, da wird bei uns kein Unterschied gemacht zwischen den Vereinen und Ligen.

Ihr Vater ist Schalke-Fan und hat Sie schon früh mit ins Stadion genommen. Wie erinnern Sie sich daran?

Draxler: Es war ein Spiel gegen den VfB Stuttgart im Parkstadion. Ich kann mich zwar nicht mehr ans Ergebnis erinnern, aber umso besser an meine ersten Eindrücke. Es hat in Strömen geregnet, es gab ganz alte Sitzbänke und keine Überdachung. Seit diesem Tag bin ich mit dem Mythos Schalke infiziert.

Sie sind in Gladbeck geboren, Ihr Elternhaus ist nur 15 Autominuten von der Arena entfernt. Was für eine Bedeutung hat Schalke in dieser Region?

Draxler: Man spricht bei uns im Ruhrgebiet gerne von einer Religion. Wenn man in die Arena fährt, hängen überall auf dem Weg dorthin Schalke-Fahnen in den Gärten. Es ist egal, ob der Verein gerade auf Platz 16 oder auf den Champions-League-Rängen steht: Die Liebe zum Klub ist immer da.

Julian Draxler: "Das sind doch keine Schalke-Trikots"

Wie sehen Ihre ersten Erinnerungen ans Fußballspielen aus?

Draxler: Ich habe viel mit meinem Vater und meinem Bruder gespielt, meistens bei uns im Garten. Patrick ist vier Jahre älter ist als ich, insofern war ich in unseren Duellen oft der Verlierer.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie talentierter sind als Ihr Bruder?

Draxler: Ich hatte irgendwann den Vorteil, dass ich bei Schalke trainieren durfte und somit eine professionelle Ausbildung genossen habe. Patrick war auch talentiert, für ihn war Fußball aber eher ein Hobby, während ich bei Schalke die Jugendmannschaften durchlaufen habe. Im Alter von 15 oder 16 Jahren hat man den Unterschied wahrscheinlich gemerkt.

Sie sind mit acht Jahren zu Schalke gewechselt. Wie kam das zustande?

Draxler: Genau wie mein Bruder habe ich früher beim BV Rentfort gespielt. Als Patrick zum SSV Buer gewechselt ist, bin ich praktisch mit ihm dorthin gewechselt, damit mein Papa nicht doppelt und dreifach fahren muss. Nach einem halben Jahr bei Buer lag eines Tages eine schriftliche Einladung zum Probetraining bei Schalke im Briefkasten. Die ganze Familie war nervös, ich natürlich am meisten. Ich habe nur einmal mittrainiert, dann haben die Schalker Verantwortlichen gesagt, dass sie mich gerne haben möchten. Ich war natürlich stolz wie Oskar. Mein Papa war sich zunächst aber gar nicht sicher, ob wir zusagen sollen, weil die Fahrerei schon mit viel Aufwand verbunden ist, wenn dein Kind drei-, viermal pro Woche auf Schalke trainiert. Meine Eltern waren beide berufstätig, von daher war das nicht so einfach. Mein Bruder hatte früher auch mal die Chance, bei Schalke zu spielen. Damals hat mein Papa aber gesagt, es sei für Patrick zu früh und für ihn zu viel Aufwand. Bei mir hat er den umgekehrten Weg gewählt und mich trotz meines jungen Alters angemeldet.

Wie war es, als Sie zum ersten Mal das Schalke-Trikot trugen?

Draxler: Ganz ehrlich? Ein bisschen enttäuschend. Ich dachte: Okay, jetzt spiele ich bei Schalke, jetzt kann ich das Trikot der Großen anziehen. Dann hat der Trainer vor meinem ersten Spiel die Trikots verteilt und ich dachte nur: Das sind doch keine Schalke-Trikots. (lacht) Es waren leider nicht dieselben wie die der Profis.

Haben Sie Druck gespürt, unbedingt Profi werden zu müssen?

Draxler: Anfangs nicht. Mit acht, neun Jahren macht man sich solche Gedanken nicht. Drei, vier Jahre später war es aber mein klares Ziel, Profi zu werden. Ich habe natürlich schnell gemerkt, dass ich damit nicht allein war.

Wie viel Druck kam von Ihrem Vater?

Draxler: Eine ganze Menge. Er hat zwar nie gesagt, ich müsse es unbedingt schaffen, er hat mich aber sehr stark in diese Richtung geschubst. Wenn wir am Samstag verloren oder ich schlecht gespielt hatte, war das Wochenende für die gesamte Familie gelaufen, weil mein Papa einen Riesenhals hatte. Da war er schon richtig sauer und sehr, sehr kritisch. Manchmal habe ich meine Leistung gar nicht als so schlecht empfunden. Er hat mir dann klargemacht, dass das nicht reicht. Mein Papa war definitiv fordernd. Im Nachhinein bin ich ihm dafür unglaublich dankbar, weil ich so einen Ehrgeiz entwickelt habe, den ich sonst vielleicht nicht gehabt hätte.

Julian Draxler: "Eigentlich war ich das Gegenteil eines Malochers"

Wie würden Sie den jungen Julian Draxler als Fußballer beschreiben?

Draxler: Eigentlich war ich das Gegenteil eines Malochers. Wenn man es böse formulieren möchte: ein Schönwetterfußballer. Gute Technik, gute Übersicht, gutes Dribbling. Aber keiner, der den 50-Meter-Sprint nach hinten gemacht hat, um einen Ball zu gewinnen. Natürlich gehört die Defensivarbeit heutzutage zum Profifußball dazu, ich habe sie mir auch angeeignet. In der Jugend war das aber anders. Wenn Sie meine früheren Trainer fragen, werden alle dasselbe sagen: 'Julian hatte außergewöhnliche Fähigkeiten, Verteidigen mochte er aber gar nicht.' Auch zu Beginn meiner Profikarriere wollte ich jede Situation spielerisch lösen, sodass mir das Körperliche und Kämpferische abgegangen ist. Das war für die Schalker, die Fans und das Umfeld nur schwer zu akzeptieren. Ich wusste um die Bedeutung dieser Attribute, sie lagen aber nicht in meinem Naturell.

Hatten Sie aufgrund Ihrer Defizite im Spiel gegen den Ball auch schwierige Zeiten in der Jugend?

Draxler: Einmal ist es mir zum Verhängnis geworden. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, wurde die U16 aufgelöst. Es gab also nur noch die U17 und ich war körperlich total im Nachteil. Dann kam mein damaliger U17-Trainer auf die Idee, mich auf der Sechs spielen zu lassen, um mir die Bedeutung der Defensivarbeit einzubläuen. Er wollte mit allen Mitteln erreichen, dass ich es lerne. Heute weiß ich, dass er mich nur voranbringen wollte, damals habe ich das aber nicht verstanden und auch nicht akzeptiert. Ich war im Kopf einfach noch nicht so weit und hatte riesige Probleme in meinem ersten U17-Jahr. Ich war schlicht nicht in der Lage, in einem körperbetonten Spiel Zweikämpfe gegen einen 17-Jährigen von Borussia Dortmund zu gewinnen. Das war eine Phase, in der ich nicht gut gespielt und zum ersten Mal gemerkt habe, dass die anderen auch richtig gut sind. Mit dieser Erkenntnis, dass es plötzlich für mich nicht mehr steil nach oben ging, hatte ich zunächst meine Probleme.

Wie ging es dann weiter?

Draxler: Ich saß zwischenzeitlich ein paar Wochen auf der Bank. Da können Sie sich ja vorstellen, wie ich mich gefühlt habe und wie die Gemütslage bei uns zu Hause war. Mit der Zeit habe ich dann mehr und mehr versucht, so gut wie möglich zu verteidigen. Mein Trainer hat das wahrgenommen und mich irgendwann wieder offensiver, meistens auf der Zehnerposition, spielen lassen. Da habe ich mich deutlich wohler gefühlt. Im Nachhinein war es ein ganz wichtiger Prozess in meiner Entwicklung.

Haben Sie damals über einen Vereinswechsel nachgedacht?

Draxler: Nein, gar nicht. Meine Situation hat sich ja recht schnell wieder entspannt. Wenn ich ein, zwei Jahre auf der Bank gesessen hätte und nicht weitergekommen wäre, hätte ich vielleicht darüber nachgedacht. Aber mein Ziel war es, für Schalke in der Bundesliga zu spielen. Vom Trainingsgelände aus konnte man immer die Arena sehen - und da wollte ich unbedingt rein.

Es heißt, der BVB sei damals an Ihnen interessiert gewesen.

Draxler: Zu Westfalenauswahlzeiten ist irgendwann mal durchgesickert, dass ich auf Schalke ein paar Probleme habe. Borussia Dortmund hatte damals einen sehr erfolgsbesessenen Trainer, der immer die besten Spieler aus der Region holen wollte. In der Westfalenauswahl spielte damals zum Beispiel Thomas Eisfeld vom BVB, der jetzt beim VfL Bochum unter Vertrag steht. Die Jungs haben dann teilweise im Auftrag ihrer Trainer bei mir nachgefragt, ob ich mir einen Wechsel vorstellen könne. Für mich war das aber kein Thema.

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