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Fussball

Die besondere Freundschaft von Jude Bellingham und Jamal Musiala: Von der Tischtennisplatte in den Talente-Olymp

Jamal Musiala (l.) und Jude Bellingham verbindet eine enge Freundschaft.

Sie teilten sich das Zimmer im Kreise der "Young Lions", duellierten sich in ihrer Freizeit beim Tischtennis und an der Konsole und tauschen noch heute regelmäßig WhatsApp-Nachrichten aus. Beim Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern (Samstag, 18.30 Uhr im LIVETICKER) kommt es zum Aufeinandertreffen zweier enger Freunde: Jude Bellingham und Jamal Musiala.

Die Augen von Kevin Betsy leuchten noch heute, wenn er an den Jahrgang 2003 zurückdenkt, den er als Jugendtrainer bei der englischen FA betreute.

Zwei Spieler, die der heutige Coach von Arsenals U23 vier Jahre lang förderte und forderte, trugen die Namen Jude Bellingham und Jamal Musiala - vor kurzem auf Platz zwei (Bellingham) und Platz drei (Musiala) der Golden-Boy-Rangliste sowie bei der Vergabe der Kopa-Trophäe gewählt und am Samstag Gegner beim Bundesliga-Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern.

Beide könnten sogar direkt im Mittelfeld von Anfang an gegeneinander spielen. Bayern-Coach Julian Nagelsmann testete Musiala in dieser Woche als zweiten Sechser neben Corentin Tolisso, weil neben Joshua Kimmich, Marcel Sabitzer und Josip Stanisic auch Leon Goretzka auszufallen droht.

Bellingham gegen Musiala - dieses Duell hat Betsy bisher nur an der einen oder anderen Tischtennisplatte oder Konsole im Kreise der englischen U-Nationalmannschaften verfolgt.

"Das haben sie geliebt", berichtet Betsy lachend. "Schon damals hat man immer ihren Ehrgeiz und ihre Motivation gespürt." Im ausführlichen Interview mit SPOX und GOAL spricht der 43-Jährige über seine zwei ehemaligen Schüler.

Herr Betsy, Sie haben Jude Bellingham und Jamal Musiala von der englischen U15 bis zur U18 betreut. Wann haben Sie Bellingham zum ersten Mal in Aktion erlebt?

Kevin Betsy: Jude habe ich zum ersten Mal als 12-Jährigen gesehen, er spielte damals zwei Jahre über seinem Jahrgang. Für ihn bin ich extra drei Stunden vom St. Georges Park nach London gereist, da der Leiter unserer Scoutingabteilung Daniel Dodds ihn als einen Spieler mit großem Talent bezeichnet hatte, den wir unbedingt beobachten sollten. Ich kam im Watford-Stadion an der Vicarage Road an. Es handelte sich um ein Saisonabschluss-Spiel zwischen Birmingham und Watford, bei dem die Spieler der Akademie auf dem Platz der ersten Mannschaft spielen durften. Das Spielfeld war in zwei Hälften aufgeteilt, in denen die Altersklassen U13 und U14 8 gegen 8 spielten. Ich hatte keine Mannschaftsaufstellung und wusste nicht, wie Jude aussah, so dass ich im Dunkeln tappte, welcher Spieler genau er war. Das war das perfekte Szenario, denn normalerweise bekommen wir ein ganzes Dossier über Spieler, die wir beobachten.

Wie ist Ihnen Bellingham aufgefallen?

Betsy: Im Vergleich zu den anderen Spielern, gegen die er spielte, war er körperlich sehr klein. Aber: Er war sehr mutig und konnte das Spiel besser lesen als die Jungs, die zwei Jahre älter waren als er. Seine technischen Qualitäten waren schon damals auf einem sehr hohen Niveau, und er schaffte es trotz seiner körperlichen Unterlegenheit oft, sich gegen seine Gegner durchzusetzen. Er zeigte an jenem Tag eine Top-Leistung und ich kehrte nach dem Spiel und einer langen Reise zurück - sehr glücklich darüber, ein besonderes Talent gesehen zu haben.

Und daraufhin haben Sie sich entschieden, ihn einzuladen?

Betsy: Ja. Jude war im Grunde ein U13-Spieler, aber ich war U15-Cheftrainer der Nationalmannschaft, insofern war es eine mutige Entscheidung von uns allen beim Verband, ihn früher zu uns zu holen. Wir wählten ihn für die U15 aus, die erste mögliche Altersgruppe für die englische Jugendnationalmannschaften. Er war Teil des Teams, trainierte und spielte, obwohl er viel jünger war als die anderen. Das war außergewöhnlich.

Was war Bellingham für ein Junge?

Betsy: Seine Persönlichkeit war schon in jungen Jahren sehr ausgeprägt. Auch geistig war er für sein Alter sehr reif, gut erzogen, bescheiden und respektvoll gegenüber seinen Mitspielern. Abgesehen von seinem fußballerischen Talent war und ist Jude ein fantastischer Junge aus einem sehr guten Elternhaus, das ihm wichtige Werte vermittelt hat. Als er in seiner eigenen Altersgruppe spielte, machten wir Jude zum Kapitän, um seine Kommunikation zu fördern und den Druck und die Verantwortung zu erhöhen. Wir passten auch seine Position an, wodurch er als defensiver Mittelfeldspieler tiefer spielte. In seinem Verein spielte er nämlich meist als Zehner. Die Idee dahinter war, ihm zu helfen, Spiele aus der Tiefe zu dominieren, und auch sein taktisches Verständnis und seine Positionierung in der Defensive zu verbessern. Er war in allen Rollen hervorragend für uns. Ich hatte das große Glück, mit ihm vier Jahre lang zu arbeiten. Wir haben gemeinsam die Altersgruppen U15 bis U18 durchlaufen.

Musialas Wachstumsprobleme: "Bis zur U16 nie zu 100 Prozent fit"

Ebenso wie Musiala. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?

Betsy: Mit Jamal war es ähnlich wie mit Jude, auch ihn habe ich als 12-Jährigen zum ersten Mal gesehen. Er spielte damals als Mittelstürmer bei einem nationalen Turnier mit Chelseas U12, war also eine Altersgruppe über seinem ursprünglichen Jahrgang. In Eins-gegen-eins-Situationen konnte man seine erstaunlichen Körper- und Hüftbewegungen sehen. Seine Schnelligkeit auf engem Raum war schon zu diesem Zeitpunkt außergewöhnlich, das zeichnet ihn ja auch heute aus. Er war zwar kleiner und weniger kräftig als die anderen, aber extrem dribbelstark und vor dem Tor eiskalt, seine Abschlüsse im Strafraum waren wirklich top. Jamal war auch sehr schnell, vor allem auf den ersten fünf bis zehn Metern. Ich war total begeistert und habe nach einem Gespräch mit Chelseas Trainern ein enges Verhältnis zu seinen Eltern Carolin und Richard aufgebaut, um immer im Austausch mit ihnen zu sein und die bestmöglichen Entwicklungsschritte für Jamal zu besprechen.

Musiala soll in jungen Jahren Probleme mit dem Wachstum und einigen kleineren Verletzungen gehabt haben.

Betsy: Ja, von der U14 bis zur U16 war er eigentlich nie zu 100 Prozent fit. Er hat dadurch sogar an Schnelligkeit verloren und das muss sehr frustrierend für ihn gewesen sein - so als würde Superman seine Fähigkeit zu fliegen verlieren. Also mussten wir seine Spielzeit gut dosieren, manchmal waren es nur 60 Minuten oder 30 Minuten und wir mussten ihm sagen: "Jamal, du wirst aufgrund deines aktuellen körperlichen Zustands nicht immer in der Lage sein, die Dinge zu tun, die du getan hast, aber mach dir keine Sorgen: Das ist nur vorübergehend und wird zurückkommen." Bei manch anderem wäre das Selbstvertrauen erschüttert gewesen, aber er hatte eine starke Mentalität. Einige seiner Tore und Leistungen, auch wenn er körperlich nicht auf der Höhe war, waren herausragend. Er fand immer einen Weg, sich durchzusetzen und effektiv zu sein.

Haben Sie auch ihn auf verschiedenen Positionen getestet?

Betsy: Ja, wir haben ihn Stück für Stück auch mehr als Spielmacher eingesetzt, damit er mehr am Ball war und sein Kombinationsspiel mit seinen Mitspielern entwickeln konnte, während er seine körperlichen Entwicklungsprobleme durchlief. Außerdem haben wir ihn in einigen Altersgruppen zum Kapitän gemacht, da Jamal in der Mannschaft oft ruhig, aber sehr aufmerksam war, so dass wir seine Kommunikationsfähigkeiten fördern wollten - ähnlich wie bei Jude. Wir beobachten alle Jungen sehr genau. Wie ich schon sagte, war Jamal mit seinen 15 Jahren sehr klein, aber er hatte lange Beine und eine für seine Körpergröße ungewöhnliche Schuhgröße. Aber wir wussten, dass er sich körperlich sehr gut entwickeln würde. Und genau das tat er ab seinem 17. Lebensjahr, er gewann seine Schnelligkeit zurück und schoss deutlich in die Höhe, so dass sein Körper mit seinen technischen Fähigkeiten und seiner Physis im Einklang stand, er machte von da an viele entscheidende Schritte und war fast nicht mehr zu stoppen.

Bellingham und Musiala: Tischtennis-Gegner und Zimmergenossen

Wann sind sich Bellingham und Musiala zum ersten Mal begegnet?

Betsy: Wir haben sowohl für Jude als auch für Jamal einen klaren, langfristigen Plan ausgearbeitet. Wir trafen uns mit den Jungen, ihren Eltern und den Jugendtrainern von Birmingham beziehungsweise Chelsea, um ihnen unsere Vorstellungen zu erläutern, ihre Fragen zu beantworten und auszuarbeiten, wie die Zukunft aussehen soll. Beide kamen dann ein Jahr früher zu den U15-Junioren, um an einem Trainingsprogramm teilzunehmen. Wir haben etwa 80 Jungen aus ganz Europa ausgewählt. Jude und Jamal gehörten eindeutig zu den talentiertesten Spielern, auch wenn sie jünger waren. Dort haben sie sich zum ersten Mal getroffen ...

... und sind Freunde geworden.

Betsy: Das war schwer zu vermeiden (lacht). Sie waren ähnliche Spielertypen und spielten auf ähnlichen Positionen. Jamal war damals wie gesagt ein bisschen weiter vorne als heute, er spielte als Nummer neun, weil er extrem stark im Abschluss war, und Jude meist direkt hinter ihm als Nummer zehn. Es war eine Freude, ihnen zuzusehen. Sie haben sich nicht nur auf dem Spielfeld auf Anhieb gut verstanden, sondern auch abseits des Platzes.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Betsy: Wir haben viele Freizeitaktivitäten organisiert, um Beziehungen zu knüpfen und die Jungs als Team zusammenzuschweißen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie bei Tischtennis- und FIFA-Wettbewerben, die wir organisierten, immer wieder gegeneinander antraten. Das haben sie geliebt. Schon damals hat man immer ihren Ehrgeiz und ihre Motivation gespürt. Sie wollten gewinnen, aber sie hatten auch immer Spaß und waren respektvoll zueinander und zu ihren Mannschaftskameraden. Wir wussten, dass sie gut miteinander waren, also haben wir sie immer zusammen in ein Zimmer gesteckt, als sie zur Nationalmannschaft kamen. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine sehr enge Freundschaft. Das sind zwei Jungs mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten.

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