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Fussball

Fußball-Kolumne: Wie Schalke-Chaoten und Salihamidzic-Hasser jede berechtigte Kritik torpedieren

Bei der Rückkehr des FC Schalke 04 aus Bielefeld ereigneten sich Jagdszenen an der Veltins-Arena.

Auf Schalke attackieren Gewalttäter die Mannschaft nach dem Abstieg, beim FC Bayern sieht sich Hasan Salihamidzic nach dem Rückzug von Hansi Flick Hass und Häme ausgesetzt. Das asoziale Verhalten der Pseudo-Fans ist umso schlimmer, weil es auch die sachlich argumentierenden Kritiker mundtot macht. Die Fußball-Kolumne.

Am Samstag wird Hasan Salihamidzic voraussichtlich ein kleines Jubiläum feiern. Sollte der FC Bayern mit einem Sieg in Mainz vorzeitig die deutsche Meisterschaft perfekt machen, wäre es der zehnte Titel seit seinem Antritt als Sportchef vor nicht einmal vier Jahren.

Eine herausragende Bilanz, die auch im internationalen Spitzen-Fußball einmalig ist. Zum Vergleich: Uli Hoeneß brauchte als Bayern-Manager zehn Jahre für seine ersten zehn Titel.

Vor dem Hintergrund dieser Erfolgszahlen wirkt es umso merkwürdiger, dass Salihamidzic gerade bei vielen Fans des Rekordmeisters massiv in der Kritik steht. Das liegt vor allem daran, dass er nicht ganz zu Unrecht zum Hauptverantwortlichen für den Rückzug von Hansi Flick gemacht wird.

Salihamidzic erntet massive Kritik wegen Flick-Rückzug

Tatsächlich hat der 44-Jährige in den vergangenen Monaten mit seiner teilweise auch intern sehr konfrontativen und kompromisslosen Art einen Großteil beigetragen zum am Ende nicht mehr zu kittenden Zerwürfnis mit dem Trainer. Hinzu kommt die generelle Kritik an Salihamidzics Auftreten und seinen Fehlgriffen in der Kaderplanung, wenngleich hier häufig die erfolgreichen Neuzugänge wie Davies, Goretzka oder Pavard unterschlagen werden. Zudem gehört zwingend zur Wahrheit dazu, dass der Ex-Profi die klare Rückendeckung von Vorstand, Aufsichtsrat und vor allem von seinem Mentor Uli Hoeneß besaß und weiterhin besitzt.

Dennoch wäre es der Mehrheit der Anhänger offenbar lieber gewesen, wenn nicht Flick, sondern Salihamidzic die Bayern verlassen würde. So erklärten bei einer kicker-Umfrage von mehr als 300.000 Teilnehmern 93 Prozent, dass der Trainer wichtiger für den Verein sei als der Sportvorstand. Und fast 70.000 Fans haben bei einer Online-Abstimmung mit dem eindeutigen Namen "Pro Hansi Flick, Brazzo raus" gegen Salihamidzic unterschrieben.

Die allgemeine Anti-Stimmung nimmt allerdings zusehends diffamierende und teilweise fremdenfeindliche Züge an. So sehen manche Salihamidzic auch deshalb im Fokus der Kritik, weil seine hervorgehobene Position im deutschen Fußball für zahlreiche Ignoranten nicht mit deren krudem Weltbild über die Rolle eines Flüchtlingskinds aus Bosnien zusammenpasse. In der Tat mischen sich in die negativen Bewertungen seiner Arbeit auch immer wieder Hinweise auf seine Herkunft, seine Schulbildung, seine rhetorischen Schwächen oder sein aktuelles Erscheinungsbild mit langem Bart und dunklen Anzügen.

Beschimpfungen und Drohungen auch gegen Familie

Entsprechend indiskutabel sind die Beschimpfungen und Drohungen gegen den einstigen Publikumsliebling in der Anonymität der sozialen Medien, die inzwischen auch die Familie belasten.

Dies machten nun sowohl Sohn Nick, der in der U 19 des FC Bayern spielt, als auch seine Ehefrau von sich aus öffentlich.

"In den letzten Tagen bekomme ich sehr viele unschöne und sehr beleidigende Kommentare, die nichts mit meiner Arbeit und sich ausschließlich auf meinen Ehemann und seinen Job beziehen. Man beleidigt ihn als Menschen und auch unsere ganze Familie wird gleich mit angegriffen", schrieb Esther Salihamidzic auf dem Account ihres Yoga-Studios und forderte ein sofortiges Ende der Wutwelle.

Salihamidzic: Rückendeckung von Bayern-Boss Hainer und Flick

Auch der Verein verurteilte die Anfeindungen in einer öffentlichen Stellungnahme. "Sachliche Kritik ist selbstverständlich immer zulässig. Persönliche Angriffe und Hetze verurteilen wir allerdings auf das Schärfste - dafür gibt es beim FC Bayern nicht den geringsten Platz", erklärte Präsident Herbert Hainer.

Und auch Flick positionierte sich am Freitag eindeutig: "Es sind Grenzen überschritten, ein No-Go. Bei allen Dingen, die Brazzo und ich hatten, ist es nie ins Persönliche gegangen", sagte er auf der Pressekonferenz: "Wir müssen aufpassen, dass solche Dinge nicht an der Tagesordnung sind. Es geht hier nur um Fußball. Fußball ist wichtig, aber nicht das Wichtigste im Leben. "

Doch für manche Menschen, die man nicht mehr als Fans, sondern nur noch als Fanatiker bezeichnen kann, scheint das nicht mehr zu gelten. Die Verrohung der Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und macht auch vor dem Fußball nicht halt. Gerade bei sogenannten Traditionsklubs sind Gewaltandrohungen dabei immer wieder der absurde Reflex mancher Hohlköpfe, wenn es sportlich nicht läuft.

"Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot", drohten Hooligans des 1. FC Köln den eigenen Spielern vor dem Abstieg 2011 mit Spruchbändern und Sprechchören. Ähnliches wiederholte sich 2018 beim Hamburger SV ("Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt") und erst im vergangenen Frühjahr beim 1. FC Nürnberg. Dort wurden Aufkleber rund ums Stadion angebracht mit Morddrohungen gegen die Spieler Hanno Behrens und Lukas Mühl ("Muss es denn einen zweiten Fall Escobar geben?").

Schalke 04: Vorstand Jobst hört wegen Morddrohungen auf

In dieser Saison schließlich wurde Schalke-Vorstand Alexander Jobst zum Opfer von offensichtlich schwer gestörten Pseudo-Fans. Der Marketingboss, der schon seit langem bei den Anhängern in der Kritik steht, kündigte kürzlich seinen Rücktritt zum Saisonende trotz laufenden Vertrags an - wegen anhaltender Morddrohungen gegen sich und seine Familie.

"Es sind anonyme E-Mails, Briefe und Social-Media-Posts. Dort steht beispielsweise: ‚Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen. Bist du sicher, dass sie jeden Tag nach Hause kommen?' Es gab auch Aufforderungen, mich im wörtlichen Sinne mit Benzin zu übergießen und zu verbrennen", sagte Jobst der Bild und zog die Konsequenzen:

"Natürlich ist Schalke ein besonderer und emotionaler Klub. Aber am Ende ist es doch trotzdem nur Fußball. Es darf doch nicht normal werden, wenn dem Vorstand eines Fußballvereins Personenschutz angeboten wird."

Doch bei den Königsblauen ist es seitdem nicht besser geworden, ganz im Gegenteil. Seitdem seit dieser Woche der erste Bundesliga-Abstieg nach 33 Jahren feststeht, müssen Spieler und Verantwortliche tatsächlich um Leib und Leben fürchten, weshalb der Verein sogar offiziell um Polizeischutz bat.

Schalke 04: Brutale Jagdszenen gegen Spieler und Trainer

Zuvor hatten sich in der Nacht nach dem Spiel in Bielefeld an der Arena regelrechte Jagdszenen abgespielt, wie es sie in der Bundesliga-Geschichte nie zuvor gegeben hat. Ein Mob von 500 bis 600 durchgedrehten Chaoten, der das zurückkehrende Team - natürlich unter Missachtung sämtlicher Corona-Regeln - empfangen hatte, beließ es nicht bei üblen Beleidigungen und Eierwürfen gegen die Mannschaft. Nicht mal das Demolieren der Autos der Profis beendete die Zerstörungswut.

Vielmehr wurden Spieler wie Trainer, darunter auch S04-Vereinsikone Mike Büskens, von den enthemmten Randalierern mit Tritten und Faustschlägen attackiert. Sie flüchteten in panischer Angst. Suart Serdar wurde danach von zwei Autos verfolgt, zudem wartete der Pöbel bei ihm und anderen vor der Haustür zur Abreibung. Stolz produzierten sich die Gewalttäter auch noch auf sozialen Kanälen und verbreiteten testosterongeschwängerte WhatsApp-Nachrichten ("Am liebsten würden wir euch hier und jetzt wegmähen").

Sachliche Kritiker werden in die Ecke der Wutbürger gestellt

Dass solche Vorkommnisse in einer zivilisierten Gesellschaft überhaupt passieren können, ist ein Armutszeugnis. Noch schlimmer aber ist, dass diese Neandertaler alle berechtigte Kritik diskreditieren und damit torpedieren. Denn diejenigen, die die seelenlose Schalker Truppe völlig zu Recht kritisieren oder auch das Handeln von Entscheidern wie Salihamidzic mit guten Argumenten und ohne Schaum vor dem Mund in Frage stellen, werden sehr schnell in die Ecke der asozialen Wutbürger gestellt.

Gerade Schalke-Vorstand Jobst stand für die übergroße Mehrheit der Anhänger als Symbolbild für alles, was bei den Knappen schiefläuft. Neben der sportlichen und wirtschaftlichen Talfahrt machte man ihn auch für die Entfernung von traditionellen Werten und die Aushöhlung der Vereinsphilosophie verantwortlich. "Jobst hat Schalke nicht verstanden", lautete das fortwährende Mantra seiner zahlreichen Kritiker. Doch die Hetzer und Gewalttäter haben nicht nur den Verein nicht verstanden, sondern gar nichts kapiert.

Denn die sinnvolle und wichtige Diskussion über eventuelles Fehlverhalten und deren Aufarbeitung, die möglicherweise zu einer Trennung von Jobst durch den neuen Aufsichtsrat geführt hätte, wird nach dem durch die Drohungen erzwungenen Rückzug nicht mehr geführt.

Und auch Salihamidzics Defizite im fachlichen und womöglich auch zwischenmenschlichen Bereich sind vorerst kein Thema mehr, weil die widerliche Hetze gegen ihn zu einer kollektiven Solidarisierung der Vereinsbosse führte und vermutlich auch führen musste. Im Fußball, um den es hier leider nur noch am Rande geht, würde man von einem klassischen Eigentor sprechen.

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