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Fussball

Martin Harnik im Interview: "Diese Maschinerie hat sich negativ auf meine Psyche ausgewirkt"

Martin Harnik verpasste in der Saison 2019/20 mit dem Hamburger SV den Aufstieg in die Bundesliga.

Nach 13 Jahren im deutschen Profifußball wechselte Martin Harnik im Sommer in die Oberliga Hamburg zur TuS Dassendorf. Im Interview mit SPOX und Goal erklärt er die Gründe für diesen Schritt und erzählt offen, wie sehr ihm der Druck im Profifußball jahrelang zugesetzt hat.

Außerdem spricht der 33-jährige Stürmer über Pokerspiele mit seinem langjährigen Freund Max Kruse und berichtet von seinen drei unternehmerischen Projekten: Der Firma "Party Helden", dem Qualitätsfleisch-Geschäft "Meat Club", das er gemeinsam mit seinem ehemaligen Mitspieler vom VfB Stuttgart Daniel Ginczek betreibt, und seiner Pferdezucht.

Herr Harnik, vor einer Woche haben Sie Ihr erstes Spiel für die TuS Dassendorf auswärts beim FC Süderelbe mit 7:1 gewonnen. Wie war es?

Martin Harnik: Die Bedingungen waren mit dem Profifußball natürlich nicht im Ansatz zu vergleichen. Vor dem Spiel mussten wir uns in einem provisorischen Zelt ohne sanitäre Anlagen umziehen. Der Platz war ein Kunstrasen der ersten Generation, auf dem ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Bei jeder Abstoppbewegung dachte ich: "Oh Gott, hoffentlich reißt mir jetzt nicht irgendein Muskel." Die Auswechselspieler verfolgten das Spiel von einem Nebenplatz hinter einem Zaun. Das ist aber alles nicht schlimm. Wichtig ist, dass der Ball rollt. Und meine Mitspieler haben mir auch schon versichert, dass die Bedingungen in der Oberliga im Normalfall andere sind.

Wie viel Amateurfußball-Flair steckt in der TuS Dassendorf?

Harnik: In unserer Kabine steht immer ein Kasten Bier und ich habe schon gehört, dass es einige Anlässe gibt, bei denen ein Kasten gesponsert werden muss. Ein Einstandsritual musste ich bisher nicht über mich ergehen lassen. Mir wurde aber schon gesteckt, dass das noch der Fall sein könnte. Hoffentlich muss ich nicht singen. Das ist ein Ritual, das ich sehr gerne abschaffen würde.

Welche Lieder haben Sie im Laufe Ihrer Profikarriere zum Besten gegeben?

Harnik: "Marmor, Stein und Eisen bricht" und die österreichische Nationalhymne waren schon dabei. Eine gute Figur habe ich aber bei keinem Lied abgegeben.

Wie kam Ihr Wechsel zu Dassendorf zustande?

Harnik: Werder teilte mir im Sommer mit, dass ich bei den Planungen des Klubs keine Rolle mehr spiele. Sie haben mich vor die Wahl gestellt, mit der zweiten Mannschaft oder zu Hause individuell zu trainieren. Auf Dauer wollte ich beides nicht. Außerdem war mir klar, dass ich künftig alles meiner Familie und damit meinem Lebensmittelpunkt Hamburg unterordnen werde. Trotz einiger Anfragen von Zweitligaklubs gab es deshalb nur zwei Möglichkeiten für mich: Entweder wechsle ich fix zum HSV oder ich beende meine Profikarriere. Je länger ich über diese Frage nachdachte, desto mehr konnte ich mich mit einem Schlussstrich anfreunden. Ich wollte aber unbedingt weiterhin Fußball spielen und bei Dassendorf hat das Gesamtpaket perfekt gepasst: Ich wohne hier mit meiner Familie und habe einen persönlichen Bezug zu dem Klub, weil dort mein Schwager spielt und der Trainer ein guter Freund ist.

Wie nahe ist es Ihnen gegangen, dass Werder Sie nicht mehr wollte?

Harnik: Das habe ich emotionslos hingenommen, weil ich es nicht selbst in der Hand hatte. Ich fand es sehr gut, dass der Klub fair mit mir umgegangen ist und mir offen mitgeteilt hat, dass ich keine Chance habe. Es hätte mich geärgert, wenn ich jeden Tag ehrlich um Einsätze gekämpft hätte, tatsächlich aber chancenlos gewesen wäre.

Worauf freuen Sie sich im Amateurfußball am meisten?

Harnik: Ich freue mich darauf, die mentale Belastung des Profifußballs ablegen zu können. Darauf, dass es nur um den Fußball an sich geht - und nicht die ganze Maschinerie des Profifußballs. Diese Maschinerie hat sich negativ auf meine Psyche ausgewirkt.

Inwiefern?

Harnik: Ich habe mich mit jedem meiner Vereine stark identifiziert und immer den direkten Kontakt mit den Mitarbeitern gesucht. Es baut einen enormen Druck auf, wenn man von ihnen hört: "Wenn ihr nicht aufsteigt, weiß ich nicht, ob ich nächstes Jahr noch einen Job habe." Dazu kommen die Einschränkungen im privaten Bereich, die mir zugesetzt haben. Nach Niederlagen habe ich mich ungern in der Öffentlichkeit blicken lassen. Wenn ich für Dassendorf ein katastrophales Spiel mache und wir verlieren, wird sich das nicht auf mein Privatleben auswirken. Das ist eine große Erleichterung für mich.

Hatte dieser Druck körperliche Auswirkungen auf Sie?

Harnik: Ja, jede Entwicklung wirkte sich auf meine körperliche Verfassung aus. Vor Spielen habe ich manchmal Schweißausbrüche mit kaltem Schweiß bekommen. Erfolglose Phasen raubten mir viel Energie. Wenn ich morgens aufgewacht bin, habe ich mich oft ausgelaugt gefühlt. Ich hatte wenig Antrieb, war träge und bin schwer aus dem Bett gekommen. In erfolgreichen Phasen war es das exakte Gegenteil: Da war ich auch nach zwei Stunden Schlaf super drauf und voller Energie. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle war brutal für mich.

Haben Sie von Ihren Klubs die Möglichkeit bekommen, sich mit Mentaltrainern auszutauschen?

Harnik: Bei manchen schon, bei anderen nicht. Ich habe das immer wieder getestet, musste für mich aber feststellen, dass mir das nicht hilft. Ich habe mich nach diesen Gesprächen nicht besser gefühlt.

Konnte Ihre Familie helfen?

Harnik: Meine Frau begleitet mich seit meinen Profianfängen bei Werder. Sie hat alle Höhen und Tiefen mit mir mitgemacht und wusste genau, was die Ergebnisse meiner Mannschaft und meine persönlichen Leistungen für Konsequenzen für die nächsten Tage haben. Sie hat immer versucht, mir Druck zu nehmen und mich abzulenken - aber das Thema war bei mir so omnipräsent, dass es schwer war, das auszublenden.

Welche Phase war am schwierigsten?

Harnik: Die Saison 2015/16, als ich mit dem VfB Stuttgart abgestiegen bin. Am Anfang brachte ich unglaublich schlechte Leistungen. Als ich etwas in die Spur fand, verletzte ich mich am Knie und war drei Monate raus. Dann kam ich zurück und wir sind abgestiegen. Das hat mich sehr mitgenommen. Aber auch die vergangene Saison mit dem HSV war schwierig.

Wie haben Sie diese Saison mit dem Hamburger SV erlebt?

Harnik: Als ich meinen Vertrag unterschrieben habe, wirkte es so, als ginge alles in die richtige Richtung. Die Vereinsführung hat Hand in Hand mit den sportlichen Verantwortungsträgern gearbeitet. Wir haben auch eine gute Hinserie gespielt, aber dann kamen die Unruhen um die Person Bernd Hofmann und alles hat seinen Lauf genommen. Es entstanden Machtkämpfe hinter den Kulissen und das hat sich auf die sportlichen Leistungen der Mannschaft ausgewirkt.

Sie waren ausgeliehen von Werder, wo im Klubumfeld konträr zum HSV seit jeher größte Ruhe praktiziert wird.

Harnik: Es ist Teil von Werders DNA, allen Mitarbeitern gegenüber loyal zu sein - vor allem dem Trainer.

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