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Fussball

Kevin Kühnert im Interview: "Deutschland braucht auf jeden Fall eine Portion SC Freiburg"

Kevin Kühnert

Kevin Kühnert ist seit November 2017 Bundesvorsitzender der Jusos und seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD. Der 31-Jährige ist aber vor allem leidenschaftlicher Fußball-Fan. Im Interview mit SPOX und Goal erklärt Kühnert, warum er aus Trotz zum Arminia-Supporter wurde und welche Spielgemeinschaft ideal für Deutschlands Zukunft wäre.

Außerdem spricht Kühnert über hässliche Situationen, die er als Fan von Tennis Borussia Berlin erlebte und beschreibt, warum ein schwuler Fußballer die ganze Zeit wie ein Einhorn in der Herde angeschaut werden würde und die Sensationslust Outings von aktiven Fußballern im Wege steht.

Weitere Themen: Groundhopping-Highlights, Bayern als dritten Verein und die Etablierung eines Sicherheitsfonds im deutschen Profifußball.

Herr Kühnert, Sie haben einmal die Große Koalition als eine Art Spielgemeinschaft zwischen dem BVB und Schalke bezeichnet. Welche Spielgemeinschaft würden Sie sich denn wünschen, um Deutschland voranzubringen und in die Zukunft zu führen?

Kevin Kühnert: Das ist eine gute Frage. Da muss ich mir erst einmal überlegen, welche Parteien sich hinter welchen Vereinen verstecken könnten. Ich würde es mal nach den Werten betrachten, für die Vereine stehen, und es so beschreiben: Deutschland braucht auf jeden Fall eine Portion SC Freiburg. Eine sympathische, beständige Größe mit Solarpanels auf dem Dach, das ist unserer Zeit sehr angemessen. Dann braucht Deutschland auf jeden Fall auch Tradition, also eine Portion Ruhrpott. Dafür würden dann auch sicher ein Stück weit wir als SPD stehen, wobei ich nicht sicher bin, ob wir hier nicht eher den VfL Bochum als den BVB brauchen. Und dann bräuchten wir noch irgendeinen richtig spannenden, zukunftsorientierten Verein, ohne zu plastikmäßig zu sein. Das ist aber leider aktuell eine Leerstelle im deutschen Fußball. Ein Verein mit innovativen Konzepten, der aber kein Retortenklub ist - der fehlt mir momentan im deutschen Fußball. Vielleicht kann da tatsächlich ausnahmsweise mal die Politik dem Fußball etwas vormachen - auch wenn mir diese Aussage jetzt vermutlich empörte Mails mehrerer Klubs einbringen wird, die sich genau in dieser Rolle sehen.

Die DFL hat eine "Taskforce Zukunft Profifußball" ins Leben gerufen, zu der unter anderem auch Cem Özdemir und Ihr Parteifreund Lars Klingbeil gehören. Was würden Sie sich vor allem wünschen, was am Ende vielleicht ein Ergebnis der Gespräche sein könnte?

Kühnert: Es konzentriert sich ja derzeit viel auf die Debatte um die Verteilung der TV-Gelder. Ich halte diese Debatte auch für notwendig, und wenn ich mir ein gerechtes System neu ausdenken müsste, würde mir das bestehende sicher nicht einfallen. Ihm fehlt ein kluger Nachhaltigkeitsmechanismus. Gleichzeitig muss die Liga aber auch ein Eigeninteresse haben, dass beispielsweise der FC Bayern in der Champions League weiter wettbewerbsfähig bleibt. Es ist im bestehenden System nun mal so, dass die deutschen Europapokal-Vertreter auch für die Liga als Ganzes Erfolge einfahren.

Wobei es Ihnen als Arminia-Fan oder einem VfB-Fan doch erstmal komplett egal ist, ob Bayern die Champions League gewinnt oder im Achtelfinale ausscheidet.

Kühnert: Erlauben Sie mir den Seitenhieb, dass VfB-Fans aufgrund der aktuellen Tabellensituation doch sehr interessiert daran sein sollten, dass ordentlich Punkte für die Fünfjahreswertung geholt werden. Vielleicht beschert das am Ende dem VfB sogar noch einen Europa-League-Platz. Aber Spaß beiseite, ich sehe eigentlich nach der Corona-Erfahrung, die wir gemacht haben, eine andere Thematik und eine andere Notwendigkeit. Ich hielte es für wegweisend, wenn ein gewisser Anteil aus den TV-Erlösen generell gar nicht an die Vereine wandert, sondern dafür benutzt wird, um eine Art Sicherungsfonds zu bilden. Für äußere Einflüsse, wie wir sie jetzt in der Coronakrise erleben und die immer eintreten können. Das können wir ja nie ganz ausschließen. Es wäre ein Fonds, wie wir ihn ganz ähnlich nach der Finanz- und Wirtschaftskrise auch bei den Banken eingeführt haben.

Kühnert über Watzke und die Frage der Demut

Es wäre auch ein Signal.

Kühnert: Absolut, es wäre auch eine Botschaft der Fußballbranche, dass sie stark genug sein möchte, sich notfalls am eigenen Schopf aus so einem Schlamassel ziehen zu können. Das aufgebrachte Kapital könnte in Normalzeiten zweckgebunden für soziale Projekte im Umfeld des Sports, oder in die Förderung des Nachwuchses oder des Frauenfußballs gesteckt werden. Das erscheint mir wichtiger und vor allem nachhaltiger als die aktuelle Art der Ausschüttung. Zumal das Geld so auch helfen könnte, um strauchelnden Traditionsvereinen unter die Arme zu greifen. Viele dieser Vereine waren zuletzt total auf die Unterstützung der örtlichen Politik angewiesen. Man denke an die Bürgschaft für Schalke 04. Oder auch an Stadionfragen in Erfurt oder Chemnitz. Gesund ist das nicht.

Dass das gesamte System Profifußball nicht gesund ist, hat die Coronakrise eindrucksvoll gezeigt. Am Anfang war viel von Demut zu hören. Sehen Sie noch viel Demut, wenn Sie Hans-Joachim Watzke im Sportstudio sitzen sehen?

Kühnert: (lacht) Nein, aber dafür bin ich vielleicht auch nicht BVB-freundlich genug. Gefühlt war der herzlichste Moment in diesem Interview, als Hans-Joachim Watzke über seinen alten Jugendfreund Friedrich Merz gesprochen hat. Vielleicht hat er aber auch nur einen schlechten Tag gehabt und die verschränkten Arme und schmallippigen Antworten kamen daher, ich weiß es nicht. Generell würde ich aber nicht pauschal unterschreiben, dass die Demut schon wieder komplett nachgelassen hätte. Gerade rund um die Frage der Zulassung von Fans nehme ich viele Vereinsvertreter wahr, die einen sehr realistischen Blick auf die Situation haben. Vor dem Bayern-Spiel war es in Bielefeld auch so, dass der Inzidenzwert ein paar Tage vor der Partie zu hoch war und keine Fans ins Stadion durften. Da habe ich kein Murren vernommen, auch wenn wir die Situation natürlich alle beschissen finden. Ehrlich gesagt ist da ja auch jede Diskussion sinnlos, weil es keine sicheren Alternativen zu dieser Herangehensweise gibt. Ich fand aber eine andere Geschichte noch interessant.

Bitte.

Kühnert: Hans-Joachim Watzke spricht stellvertretend für die Top-Klubs gerne davon, dass sie ja anderen Vereinen in der Corona-Not einen Hilfsfonds bereitgestellt hätten. Ehrlicherweise vermisse ich da die Überlegung, ob nicht das System, von dem sie selbst am meisten profitiert haben, nicht gerade seinen Anteil daran hat, dass diese Schieflagen überhaupt entstanden sind und diesen Vereinen geholfen werden muss. Da rede ich nicht von Schalke 04, die schon vor Corona offenkundig nicht ganz gesund waren. Ich rede von den Vereinen, die echt solide gearbeitet haben, aber immer alles Geld ausgeben mussten, um konkurrenzfähig zu sein. Die nicht das berühmte Festgeldkonto aufbauen können. Das erscheint mir ein immanentes Problem im Finanzierungsmodell im deutschen Profifußball zu sein. Wer erst später dazu stößt, startet nicht selten aus der Boxengasse.

Kühnert: "Der Fußball kann eine Umgehungsstraße bauen"

Viele Probleme haben den Ursprung ja schon weit vor der Coronapandemie. Nehmen wir das Thema einer drohenden Entfremdung der Fans. Wie groß ist die Gefahr Ihrer Meinung nach? Oft wird zwar auf die vollen Stadien verwiesen, aber ein ausverkauftes Stadion ist nicht gleichbedeutend mit einer tiefen Bindung.

Kühnert: Wir müssen nur in andere europäische Ligen schauen, da ist die Entfremdung sicher schon weiter vorangeschritten als bei uns. Im Vergleich dazu geht es uns noch gut. Wir haben den Kampf für die Stehplätze in den Stadien - zumindest vorerst - meiner Einschätzung nach gewonnen. Das war ein extrem wichtiger Faktor.

Sie besitzen selbst eine Stehplatz-Dauerkarte bei der Arminia, oder?

Kühnert: Stehplatz, Block 3, ganz genau. Der Erhalt der Stehplätze kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, bei der Frage der Kollektivstrafen haben wir aber zuletzt einen Rückschritt erlebt. Und ich gebe Ihnen Recht, dass der Grund dafür, dass unsere Stadien voll sind, sicher nicht immer in einer extrem tiefen Bindung zum Verein zu finden ist. Es liegt daran, dass wir Fans das Stadionerlebnis an sich lieben und zelebrieren. Das Zusammenspiel miteinander. Deshalb ist es aktuell auch so bitter, keine Fans im Stadion zu haben. Die Fankultur und das Stadionerlebnis sind für mich das höchste Gut, das der Fußball hat. Wir sehen heute immer mehr Kids im F-Jugend-Alter, die im Trikot von Lionel Messi herumlaufen, weil ihnen das viel näher zu sein scheint als der örtliche Zweitligist.

Messi hat auf Instagram 168 Millionen Follower aus der ganzen Welt, die Arminia 90.000.

Kühnert: Die Fokussierung auf die Stars ist eine Entwicklung, die der Fußball nicht aufhalten kann. Aber er kann eine Umgehungsstraße bauen - durch das Stadionerlebnis. Der kleine Junge kann Lionel Messi zwar jeden Tag auf Instagram verfolgen, aber das einzigartige Stadionerlebnis liefert ihm nur sein Heimatverein. Da kann er alle zwei Wochen hingehen, vielleicht als Einlaufkind seine Helden hautnah erleben, vielleicht auch mal in der Fußgängerzone treffen. Diese Einzigartigkeit, im Stadion live dabei zu sein, macht am Ende den Unterschied. Und jeder, der das nicht genügend wertschätzt, der versucht, Fankultur kaputtzumachen, sägt an dem Ast der Identifikation, auf dem er sitzt.

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