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Fussball

Kolumne - Deutscher Fußball feiert 30 Jahre Wiedervereinigung: Ost-Fußball am Boden und keine Besserung in Sicht

Geteiltes Leid? Von Wegen. Die Klubs der neuen Bundesländer nahmen nach der Wiedervereinigung unterschiedliche Wege.

Exakt drei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit geht es dem Fußball in den neuen Bundesländern immer schlechter. Union und Aue sind die Ausnahmen von der Regel und RB Leipzig ist nicht nur für Dixie Dörner kein ostdeutscher Klub. Die Fußball-Kolumne.

Wenn man mit der DDR-Fußballlegende Hans-Jürgen "Dixie" Dörner über den Zustand des ostdeutschen Fußballs 30 Jahre nach der Wiedervereinigung spricht, dann hört man vor allem die Sorgen durch.

"Wir haben nach wie vor große Probleme", sagt der "Beckenbauer des Ostens", der 100 Länderspiele bestritt und 1976 olympisches Gold mit der DDR gewann, im Gespräch mit SPOX und Goal: "Wenn man das mit den Anfängen 1991 vergleicht, ist das schon ein enormer Rückgang, was die Vereine in den oberen Ligen betrifft."

Dabei hat sich zumindest in der Bundesliga rein numerisch gar nichts geändert. Denn genau wie in der ersten Saison nach der Wiedervereinigung 1991/92 mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden, so spielen auch aktuell zwei Vereine aus den neuen Bundesländern im Oberhaus.

Doch schon der etwas weitere Blick zeigt, wie schlecht es um den Profi-Fußball in den neuen Ländern steht: Erzgebirge Aue ist der einzige Zweitligist und in der dritten Liga finden sich nach dem Abstieg von Chemnitz und Jena nur noch fünf Ost-Klubs unter den 20 Teams.

Hansa Rostock, der 1. FC Magdeburg, der FSV Zwickau, der Hallesche FC sowie die aus der zweiten Liga abgestiegenen Dresdner sind dort vertreten. In einer Liga, die gerade in der Corona-Pandemie ein Millionengrab ist.

Union Berlin und Aue: Underdog-Rolle als Markenzeichen

Hinzu kommt, dass man die Aushängeschilder differenzierter betrachten muss. Sowohl Union als auch Erzgebirge-Vorgänger Wismut Aue waren in der letzten Saison der einstigen DDR-Oberliga nur zweitklassig.

Ihre Anhänger - bei Union auch Skinheads und Punks - hatten zu Zeiten des Arbeiter- und Bauernstaates mehrheitlich eine kritische Einstellung zur Obrigkeit (unter anderem wegen der Bevorzugung von Stasi-Klub und Rekordmeister BFC Dynamo Berlin). Beide Vereine fühlen sich bis heute wohl in ihrer Rolle als kultiger Underdog.

"Das sind zwei Traditionsvereine, die jahrelang etwas aufgebaut haben und vor allem Geduld hatten, die sich am Ende ausgezahlt hat. Dazu brauchst du auch eine gute Führung und Kontinuität in der Mannschaft, was bei Union und Aue beides gegeben ist", erklärt der langjährige Dresdner Kapitän Dörner die Unterschiede zu den anderen Mannschaften.

"RB Leipzig ist kein echter Ost-Klub"

Dass Dörner hingegen das erst 2009 als Marketingprodukt des österreichischen Brausemillionärs Dietrich Mateschitz gegründete Leipzig gar nicht erst erwähnt, hat seine Gründe: "RB ist kein echter Ost-Klub. Den Verein nimmt hier niemand so richtig an, außer natürlich den Leipzigern."

Genauso hat es diese Woche im sächsischen Landtag der Fraktionsvorsitzender der Linken, Rico Gebhardt, gesagt. Und mit Blick auf den traurigen Rest des einstigen DDR-Fußballs erklärt: "Wir wollen eigentlich über 30 Jahre deutsche Einheit sprechen, da steht der Fußball exemplarisch für alles, was schiefgelaufen ist."

Viele Bewohner der neuen Länder fühlen sich auch bei ihrem Lieblingssport benachteiligt. Fakt ist, dass unmittelbar nach der Wende der große Ausverkauf begann und sämtliche Topstars wie Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Andreas Thom schnell vom Westen abgeworben wurden.

Calmund und der große Ausverkauf des DDR-Fußballs

Exemplarisch dafür steht die Person von Leverkusens damaligem Manager Reiner Calmund, der den Bayer-Chemielaboranten Wolfgang Karnath als Spion zur DDR-Nationalmannschaft schickte, um sich als erster bedienen zu können.

Karnath schaffte es beim entscheidenden Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 1990 in Wien mit einer gefälschten Fotografen-Akkreditierung sogar bis auf die Ersatzbank und quatschte während der Partie gegen Österreich die Reservisten an, während das durch den Mauerfall wenige Tage zuvor völlig unkonzentrierte Team durch eine 0:3-Niederlage die WM-Teilnahme in Italien verpasste.

Kurz darauf stand Calmund mit einem Blumenstrauß und einem Vertrag vor der Ostberliner Wohnung von Thom, wenig später unterschrieben auch Kirsten und Sammer. Erst Bundeskanzler Helmut Kohl musste mit seinem Veto Sammers Wechsel nach Leverkusen verhindern. Stattdessen wechselte Sammer dann nach Stuttgart und wurde dort 1992 Meister.

Der gebürtige Dresdner ist das Vorzeigebeispiel für den nahtlosen Übergang in den gesamtdeutschen Fußball, wurde als Spieler in Dortmund noch zweimal Meister sowie Champions-League-Sieger und mit der DFB-Auswahl 1996 Europameister, holte als Trainer mit dem BVB ebenfalls die Meisterschaft und gewann schließlich als Sportvorstand beim FC Bayern das Triple.

Ostfußballer: Matthias Sammer und Toni Kroos die großen Ausnahmen

Doch die "Lichtgestalt" Sammer war ein Sonderfall und in den vergangenen Jahrzehnten hat die Zahl der erfolgreichen Profis aus den neuen Ländern immer weiter nachgelassen. Selbst in der Bundesliga findet man neben Wolfsburgs Maximilian Arnold (Geburtstort Riesa) und Freiburgs Nils Petersen (Wernigerode) kaum noch Leistungsträger mit Wurzeln in den neuen Ländern.

Die Ausnahme von dieser Regel ist sicherlich Toni Kroos, der wie der gebürtige Chemnitzer Michael Ballack mit 98 Länderspielen die meisten Begegnungen eines Ostdeutschen für den DFB bestritten hat.

Der Star von Real Madrid wurde noch in der DDR im Januar 1990 in Greifswald geboren, als "typischer Ostdeutscher" fühlt er sich laut eigener Aussage aber nicht. "Ich habe davon nichts mehr mitbekommen. Ich bin im vereinten Deutschland aufgewachsen", sagte er vor einigen Jahren.

"Toni Kroos ist anders groß geworden, daher muss man seine Meinung akzeptieren", meint Dixie Dörner dazu. "Aber die älteren Spieler sehen es sicherlich anders, dass es eben nicht so einheitlich gelaufen ist wie vorausgesagt."

"Fünftklassige Trainer und Manager aus dem Westen"

Stattdessen wurden viele Klubs aus dem neu gegründeten Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) von windigen Geschäftemachern wie dem einstigen Dresdner Präsidenten Rolf-Jürgen Otto heruntergewirtschaftet.

"Wir haben fünftklassige Trainer und Manager geholt, weil wir dachten, die aus dem Westen sind die Heilsbringer", sagte Eduard Geyer, letzter DDR-Nationaltrainer und später Bundesliga-Coach beim inzwischen in die Viertklassigkeit abgestürzten FC Energie Cottbus: "Doch das waren Blinde, die uns erst richtig reingerasselt haben."

Allerdings haben nicht alle Defizite des ostdeutschen Fußballs "mit der Vereinigung zu tun", wie Matthias Sammer einmal erklärte. Neben hausgemachten Fehlern ist auch der Standortnachteil in den strukturschwachen Regionen wohl das größte Problem.

Fast alle großen Firmen und damit potenzielle Sponsoren haben ihren Sitz und damit auch ihren Fokus im Westen. Aber selbst wenn einmal Geld da ist, wird es zu oft verbrannt. So pumpte der belgische Milliardär Roland Duchatelet seit seinem Einstieg 2013 rund acht Millionen Euro in den Traditionsklub Carl Zeiss Jena, doch in der vergangenen Saison stieg der Europacup-Finalist von 1981 als abgeschlagener Tabellenletzter aus der dritten Liga ab.

"Es stimmt hundertprozentig, dass viele Vereine im Osten ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben", gibt Dixie Dörner zu. "Generell sollten wir aber nicht jammern, sondern die Klubs müssen einfach versuchen ihre Arbeit zu machen. Für Vereine wie Dresden oder Magdeburg muss mindestens die zweite Liga das Ziel sein, weil die dritte Liga ein finanzielles Grab für alle Mannschaften ist."

Der 69-Jährige weiß, wovon er spricht. Bei Drittligist Dresden, dem "FC Bayern des Ostens", ist Dörner Ehrenspielführer und sitzt im Aufsichtsrat.

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