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Frank Fahrenhorst im Interview: "Nur wenn ich eine Bindung geschaffen habe, kann ich auch entwickeln"

Frank Fahrenhorst

Frank Fahrenhorst schoss den VfL Bochum mit seinen Toren am BVB vorbei nach Europa, er lieferte sich mit Werder Bremen ein legendäres Duell in der Champions League mit Juve und er war nach der aktiven Karriere lange Jahre Coach in der Schalker Knappenschmiede. Jetzt ist der 42-Jährige als neuer U21-Trainer zum VfB Stuttgart gewechselt. Im Interview mit SPOX und Goal blickt Fahrenhorst auf eine Karriere mit vielen Höhen und Tiefen zurück.

Außerdem erzählt Fahrenhorst von seinen Erfahrungen als Jugendtrainer von Leroy Sane, spricht über verloren gegangene Werte und erklärt, warum er beim VfB viel Power spürt.

Herr Fahrenhorst, in Deutschland stehen die Sommerferien an, oder sie laufen bereits, erinnern Sie sich an die Sommerferien 1994?

Frank Fahrenhorst: (lacht) Sehr gut sogar. Damals habe ich meinen besten Freund besucht, der in Bochum in einen anderen Stadtbezirk gezogen war. Dieser Besuch war im Endeffekt der Startschuss für meine Karriere.

Was ist passiert?

Fahrenhorst: Ein Freund von meinem Kumpel hat beim VfL Bochum gespielt. Eines Tages hat er vorgeschlagen, dass wir mit zum Training kommen und danach in die Stadt losziehen. Wie es der liebe Gott wollte, fehlte beim Training dann ein Mann, um ein Spiel machen zu können. So wurde ich gefragt, ob ich nicht mitmachen wolle. Danach bekam ich das Angebot, zum VfL zu gehen und drei Jahre später stand ich plötzlich in der Bundesliga auf dem Platz. Klaus Toppmöller hat mich in Duisburg in der 74. Minute eingewechselt, das war natürlich etwas ganz Großes für mich. Bochum hatte damals diese knallgelben Trikots, das Teil hängt heute noch bei mir zuhause.

Das Hochgefühl hielt aber nicht lange an. Sie bekamen früh in Ihrer Karriere große Verletzungsprobleme.

Fahrenhorst: Es war so schlimm, dass ich zwischendurch nicht mehr wusste, ob meine Karriere nicht schon wieder vorbei sein würde, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Es hätte alles zu Ende sein können. Nachdem ich mich bei einem Spiel in Nürnberg schwer am Knie verletzt und danach wieder herangekämpft hatte, brach ich mir im Training das Wadenbein. Leider kam es danach immer wieder zu Komplikationen, sodass ich insgesamt elf Monate lang aussetzen musste. Das war hart. Am schlimmsten war der Vorwurf der Simulation, der von einigen Leuten damals kam. Ich habe so viel investiert, um wieder fit zu werden, aber abends lag ich im Bett, habe gegrübelt und mich gefragt: Warum glauben mir diese Leute nicht? Warum bloß? Das war zermürbend. Zum Glück bin ich dann mit Verspätung doch noch an die richtigen Menschen gekommen, die mir geholfen haben. Aber die Verletzungen haben mir viele Spiele und sicher auch einiges in der Entwicklung gekostet.

Dennoch hatten Sie im Anschluss eine herausragende Zeit in Bochum mit dem Höhepunkt in der Saison 2003/04. Die Abschlusstabelle von damals liest sich heute legendär: 1. Werder, 4. VfB, 5. Bochum, 6. BVB, 7. S04, 8. HSV, 9. Hansa Rostock. Was hat diese Bochumer Mannschaft um Dariusz Wosz, Vahid Hashemian oder Peter Madsen damals ausgezeichnet?

Fahrenhorst: Es klingt klischeehaft, aber wir waren wirklich ein verschworener Haufen. Wir haben uns auf und neben dem Platz überragend verstanden. Vor allem wusste jeder in der Mannschaft, welche Rolle er innehatte. Das war ganz wichtig. Peter Neururer hat es damals als Trainer sensationell gut verstanden, einer Truppe Struktur zu geben. Und Vertrauen. Egal, ob du ein Schlüsselspieler oder die Nummer 24 im Kader warst. Das war die Basis. Mit den Erfolgen ist unser Selbstvertrauen stetig gewachsen, wir haben uns berauschen lassen von der Freude und den guten Leistungen. Mit dem Ergebnis, am Ende vor den großen Rivalen aus Dortmund und Schalke zu stehen. Das hat ganz Bochum stolz gemacht.

Frank Fahrenhorst über seine Siebentoresaison und das Duell mit Ronaldo, Ronaldinho und Adriano

Und Sie hatten großen Anteil am Erfolg, sogar als Torschütze. Sieben Tore erzielten Sie als Innenverteidiger in dieser Saison, genauso viele wie Michael Ballack oder Fredi Bobic.

Fahrenhorst: Nicht schlecht für einen Abwehrspieler, oder? (lacht) Lustigerweise ist es aber kein Tor aus dieser Saison, das bei mir am meisten im Kopf geblieben ist. In der Saison 2001/02 haben wir am 33. Spieltag 2:1 gegen Union Berlin gewonnen - nach meinem Siegtreffer in der 89. Minute. Das war ein entscheidender Schritt zum Aufstieg und das wichtigste, schönste und emotionalste Tor meiner Karriere.

Nach der Saison sind Sie zum Double-Sieger nach Bremen gewechselt und wurden im Sommer auch von Jürgen Klinsmann zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. In Österreich und gegen Brasilien standen Sie 90 Minuten auf dem Feld, es sollten allerdings Ihre einzigen Länderspiele bleiben. Warum?

Fahrenhorst: Mit der Nominierung ist für mich natürlich ein Kindheitstraum wahr geworden. In Berlin bekam ich es in einem ausverkaufen Olympiastadion mit Ronaldo, Ronaldinho und Adriano zu tun - das war schon ein außergewöhnlicher Moment für mich. Ich war nach den zwei Spielen noch ein paar Mal im Kader, aber leider wurde ich dann erneut von Verletzungen zurückgeworfen. Das Thema bin ich leider nicht losgeworden. Es wäre gelogen, dass ich nicht mal darüber nachgedacht hätte, wie meine Karriere hätte verlaufen können, wenn ich nicht diese Knackpunkte erlebt hätte. 2006 hatten wir die WM im eigenen Land. Aber ich bin ganz weit weg davon, mich zu beklagen. Ich habe zweimal für Deutschland gespielt und war im Kreis der Creme de la Creme, das war eine tolle Erfahrung.

Wie würden Sie die zwei Jahre bei Werder im Rückblick beschreiben? Sie kamen nach Bremen, als dort jedes Jahr Champions League angesagt war.

Fahrenhorst: Meine Zeit in Bremen war hochspannend. Ich habe dort auch wieder fürs Leben gelernt. Ich wurde damals als Nachfolger von Mladen Krstajic verpflichtet, der nach Schalke abgewandert war. Ich kam aus Bochum zum amtierenden Double-Sieger und damit auf eine ganz andere Bühne. Der Anspruch war ein ganz anderer. Es wurde noch viel erfolgsorientierter gearbeitet. Ich habe plötzlich mit grandiosen Individualisten wie Johan Micoud zusammengespielt. Der Rhythmus war ein ganz anderer. Die Zeit war extrem interessant. Natürlich auch wegen der Highlights in der Champions League.

Frank Fahrenhorst: "Dann hat Tim Wiese leider den Ball fallen gelassen"

In Ihrem ersten Jahr in Bremen wurden Sie mit Werder von Sylvain Wiltord kaputtgeschossen im Achtelfinale gegen Lyon.

Fahrenhorst: 0:3 und 2:7. Das waren keine wirklich guten Abende.

Beim 2:7 wurden Sie beim Stand von 2:6 eingewechselt. Da kommt Freude auf, oder?

Fahrenhorst: Klar, es gibt Angenehmeres, aber so habe ich das ehrlich gesagt nicht gesehen. Ich bin in meinem Leben so geprägt worden, in jeder Situation zu versuchen, das bestmögliche daraus zu machen. Das sollte eigentlich normal sein, ist es aber nicht. Ich habe in meiner Karriere immer mal wieder Spieler erlebt, die sich am Freitag beim Abschlusstraining "abgemeldet" haben. Die hatten keinen Bock und wollten sich aus der Affäre ziehen. Mir war immer wichtig, in jeder Situation für meine Mannschaft da sein. Wenn es 2:6 steht, gilt das genauso wie beim Stand von 5:0. Ob es am letzten Spieltag noch um was geht oder nicht - es ist nie egal. Das fordere ich jetzt auch als Trainer von meinen Mannschaften ein.

Im zweiten Jahr stand Werder wieder im CL-Achtelfinale und traf auf Juve. Ein Juve mit Buffon, Thuram, Cannavaro, Nedved, Vieira, Ibrahimovic, Trezeguet. Sie waren Stammspieler zu diesem Zeitpunkt und hätten mit Werder eigentlich weiterkommen müssen. Nach einem 3:2 im Hinspiel stand es in Turin bis kurz vor Schluss 1:1 ...

Fahrenhorst: Dann hat Tim Wiese leider den Ball fallen gelassen und Emerson hat das 2:1 gemacht. Kein Vorwurf an Tim, aber für die Mannschaft war es einfach tragisch. Wir hatten Juve nach knapp 180 Minuten am Rande des Ausscheidens. Und das sicher nicht unverdient, wir waren mindestens im Hinspiel die bessere Mannschaft. Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir da ins Viertelfinale einziehen.

Nach zwei Jahren in Bremen zogen Sie nach Hannover weiter, es gab eine Art Tausch mit Ihnen und Per Mertesacker. Wären Sie gerne in Bremen geblieben?

Fahrenhorst: Es war eine etwas surreale Situation. Auch wenn ich gute Phasen hatte bei Werder, hatten sich beide Seiten gegenseitig etwas mehr erhofft. Ich hatte ein Gespräch mit der sportlichen Leitung um Klaus Allofs, in der mir fest zugesichert wurde, dass der Verein mit mir plant. Darauf habe ich mich verlassen. Ich hatte zu der Zeit auch ein Angebot eines namhaften Bundesligisten auf dem Tisch, habe es aber ausgeschlagen, weil ich in Bremen nochmal angreifen wollte. Leider wurde damals nicht mit offenen Karten gespielt, sodass es in der Folge zu dieser Art "Tausch" gekommen ist, auch weil 96 Per nur gehen lassen wollte, wenn sie einen adäquaten Ersatz bekommen. Ich bin niemandem mehr böse, aber damals war ich natürlich enttäuscht. Es hatte ein Geschmäckle, wie die Sache abgelaufen ist. Das hätte man anders machen können. Das Schöne war, dass ich danach drei gute Jahre in Hannover hatte. Sportlich zwar nicht mehr auf dem Niveau von Werder, aber wir haben in den Jahren mit 96 an das internationale Geschäft herangerochen und den Verein in der Bundesliga stabilisiert. Und ich habe mich extrem wohlgefühlt in Hannover. Es war top.

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