Fussball

Fußball-Kolumne: Warum nur die Fans Schalke-Alleinherrscher Clemens Tönnies stürzen können

Von Martin Volkmar
Clemens Tönnies stand bei Schalke zuletzt massiv in der Kritik.

Clemens Tönnies steht nicht nur wegen des verheerenden Corona-Ausbruchs in seinem Unternehmen schwer in der Kritik. Auch Schalkes Fans fordern das Aus des Aufsichtsratsvorsitzenden. Warum er trotzdem fest im Sattel sitzt, erklärt die Fußball-Kolumne.

Wenn Clemens Tönnies nicht im Moment wie alle Mitarbeiter seiner Fleischfabrik in Quarantäne wäre, könnte er sich vermutlich trotzdem nicht vor die Tür trauen. Sogar vor seiner Villa in Rheda-Wiedenbrück gab es Proteste gegen den Hauptverantwortlichen des Corona-Lockdowns in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf.

Nach dem massiven Corona-Ausbruch in seinem Unternehmen, in dem sich vermutlich aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen bis jetzt mehr als 1500 Mitarbeiter infiziert haben, ist Tönnies zur Persona non grata in seiner Heimat geworden.

Doch auch in seiner zweiten Heimat auf Schalke ist der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende des Bundesligisten endgültig zum Feindbild Nummer 1 der verärgerten Anhänger geworden. "Die gesamte Saison ist eine moralische Bankrotterklärung", schrieben die Ultras Gelsenkirchen am Dienstag in einem offenen Brief.

Am Mittwoch dann säumten zahlreiche Anti-Tönnies-Plakate das Vereinsgelände und mehrere Fan-Organisationen riefen für Samstag zu einer Demonstration auf unter dem Motto: "Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins."

FC Schalke 04: "Tönnies ist nicht mehr tragbar"

Er schäme sich für Tönnies, erklärte Organisator Stefan Bartra in der Zeit und forderte mit Verweis auf die Vorkommnisse in Tönnies' Unternehmen den sofortigen Rückzug: "Härter kann ein Aufsichtsratsvorsitzender das Image seines Vereins gar nicht ramponieren."

Auch intime Kenner des Vereins und langjährige Mitarbeiter halten eine Trennung vom umstrittenen Ostwestfalen, der schon vor rund einem Jahr nach seinen rassistischen Äußerungen heftig attackiert worden war, für dringend nötig. Abgesehen von den Fans traut sich aber niemand, seine Vorwürfe öffentlich zu äußern.

"Weil sie alle Angst vor Tönnies haben", erklärt ein ehemaliger führender S04-Funktionär im Gespräch mit SPOX und Goal, der aber ebenfalls nicht genannt werden will: "Meine Familie ist mir wichtiger als Herrn Tönnies zu kritisieren, denn das ist sehr gefährlich. Er regiert mit harten Bandagen und versucht die Leute einzuschüchtern, die nicht nach seiner Nase tanzen."

Clemens Tönnies: Rücktritt bei Schalke 04 ausgeschlossen

Von alleine aber, da sind sich alle einig, wird der bis 2022 gewählte Schalke-Boss den Weg nicht frei machen. "Ich mache mich nicht aus dem Staub", erklärte er öffentlich nach dem PR-Desaster in seiner Firma, und so denkt er auch über seine Rolle bei den Königsblauen. "Ein Rücktritt würde nicht zu ihm passen", sagte Ehrenpräsident Gerd Rehberg der Sport Bild.

Vom früheren Gelsenkirchener Bürgermeister muss Tönnies allerdings auch keinen Gegenwind erwarten, von 1994 bis 2007 arbeitete er als S04-Vorstandsvorsitzender eng mit dem Aufsichtsrat zusammen. Auch jetzt stellt sich Rehberg hinter Tönnies und erklärt, dieser sei ein "anständiger Mensch" und habe "unheimlich viel für Schalke getan".

Clemens Tönnies bei Schalke 04: Nahezu alle wichtigen Positionen mit Vertrauten besetzt

Auch sonst muss Tönnies aus dem Verein keine Opposition mehr fürchten, nachdem er nahezu alle wichtigen Positionen in den fast 25 Jahren im Amt mit Vertrauten oder Unterstützern besetzt hat. So sitzt im Ehrenpräsidium als Rehbergs Stellvertreter dessen Nachfolger als (ehrenamtlicher) Vorstandsvorsitzender, Josef Schnusenberg. Hauptberuflich war der 79-Jährige Steuerberater von Tönnies und eine Zeit lang sogar Generalbevollmächtigter des Fleischunternehmens.

Stellvertreter im Schalker Ehrenrat wiederum ist Klaus Bernsmann, Universitätsprofessor in Bochum und früherer Anwalt von Tönnies. Es hat daher wenige verwundert, dass das Gremium den Aufsichtsratsboss im Vorjahr statt mit einem durchaus möglichen Vereinsausschluss oder Ämterentzug lediglich mit einer dreimonatigen Sperre belegte, die dieser sogar selbst vorgeschlagen hatte.

Grund für das Verfahren waren die Äußerungen auf dem Handwerkertag in Paderborn. Unter anderem hatte Tönnies da erklärt, man solle statt Steuern zu erhöhen "lieber 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel wird, Kinder zu produzieren".

Tönnies zum Rassismus-Skandal: "Nichts Falsches gesagt"

Der Aufschrei danach war groß, die Konsequenzen waren klein. Und nach Ablauf der Sperre im November machte Tönnies weiter wie vorher. Weil er nach eigener Ansicht nichts "Falsches gesagt habe, sondern, weil es falsch aufgefasst wurde. Man hat mich falsch verstanden", wie er im Januar bei Sky meinte. "Er versteht die Kritik an seinen Äußerungen bis heute nicht", sagt ein Insider.

Zumal Tönnies damals sogar vom Vorwurf des Rassismus freigesprochen wurde, weswegen Kornelia Toporzysek, Richterin am Oberlandesgericht Düsseldorf, einen Monat später aus dem Ehrenrat zurücktrat. Die Vorgänge waren auch ein Grund, warum der Ex-Schalker Hans Sarpei zu Jahresbeginn seine Kandidatur für den Aufsichtsrat ankündigte. Aktuell will er sich aber auf Anfrage nicht äußern, ebenso wenig wie Ehrenspielführer Olaf Thon. Der saß allerdings auch kürzlich neben Tönnies auf der Tribüne der Schalker Arena.

"Tönnies braucht Putzerfischchen, keine Leute, die ihm widersprechen", meint ein ehemaliger führender Mitarbeiter. Dies gilt offenbar auch für den Aufsichtsrat, dem er seit 2001 vorsitzt. Seitdem die Kritiker Axel Hefer, Andreas Horn und Thomas Wiese abgewählt wurden, hat der gelernte Metzger hier keinen Widerspruch mehr zu befürchten, eine Abwahl ist daher ausgeschlossen.

Vorwurf: Clemens Tönnies agiert wie ein Vorstandsboss

Am Hauptvorwurf der damaligen Drei-Mann-Opposition hat sich aber nichts geändert: Dass Tönnies faktisch wie ein Vorstandsvorsitzender handelt und diese Macht auch den eigentlichen Schalker Vorständen deutlich zu verstehen gibt - obwohl er sie eigentlich nur kontrollieren soll.

Da der dreiköpfige Eilausschuss des Aufsichtsrats, in dem neben ihm noch Huub Stevens und Peter Lange sitzen, jedes Geschäft über 500.000 Euro genehmigen muss, ist keine Entscheidung der jüngeren Vergangenheit, ob Trainer-Rauswurf oder Spielerkauf, ohne Tönnies' Zustimmung getroffen worden.

"Damit hat er alle Machtbefugnisse in der Hand und kann bestimmen, wer kommt und wer geht. Letztendlich entscheidet er wie ein Vorstand. Er ist ein Patriarch vom alten Schlag, aber nicht im positiven Sinne", sagt ein früherer Schalke-Funktionär.

Clemens Tönnies: Millionen-Darlehen für Schalke 04 und beste Kontakte nach Russland

Daran wird sich wohl auch in der jetzigen Krise nichts ändern, zumal der Klub angesichts von 197 Millionen Euro Verbindlichkeiten wirtschaftlich ebenfalls von Tönnies abhängig ist. Immer wieder hat er den Knappen in der Vergangenheit mit Millionen-Darlehen aus der Klemme geholfen, die er sich angeblich mit bis zu sechs Prozent verzinsen ließ. Und ohne seine engen Kontakte zu Russlands Herrscher Wladimir Putin wäre auch nicht der bei den Fans äußerst unbeliebte Hauptsponsor Gazprom eingestiegen, der pro Jahr rund 20 Millionen Euro plus Boni bezahlt.

Laut kicker wollte der Vorstand seinen Gönner nun erneut um eine Finanzspitze bitten. Im Gespräch ist auch ein Kauf von Anteilen durch Tönnies, sofern die Schalker ihre Profifußball-Sparte aus dem Verein ausgliedern, um dadurch die große Finanzlücke zu schließen.

Allerdings deutet derzeit wenig daraufhin, dass die Mitglieder dieser höchst umstrittene Satzungsänderung mit der dafür nötigen Dreiviertel-Mehrheit zustimmen würden. So sind die Fans die letzte echte Opposition gegen Schalkes Alleinherrscher Tönnies.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung