Fussball

Werder Bremens ehemaliger Co-Trainer Wolfgang Rolff im Interview: "Mesut Özil konnte im Schatten von Diego viel lernen"

Von Stanislav Schupp
Verbrachten viele Jahre gemeinsam in der Bundesliga bei Hannover 96, Eintracht Frankfurt und Werder Bremen: Thomas Schaaf und Assistent Wolfgang Rolff.

Fast zehn Jahre lang war Wolfgang Rolff Co-Trainer an der Seite von Thomas Schaaf in Bremen, Frankfurt und Hannover. Darüber hinaus war der 60-Jährige in Kuwait, Aserbaidschan und China tätig. Im Exklusiv-Interview mit SPOX und Goal erklärt Rolff unter anderem, weshalb eSport bald den Trainerjob ersetzen könnte, wovon Ex-Bremer Kevin De Bruyne zu Beginn nicht angetan war und warum er in Kuwait einst eine Viertelstunde auf seine Spieler warten musste.

Herr Rolff, mit 36 Jahren beendeten Sie Ihre aktive Karriere. Wann haben Sie erstmals mit dem Gedanken gespielt, Trainer zu werden?

Wolfgang Rolff: Ich habe mir mit 30 ungefähr das erste Mal darüber Gedanken gemacht. In diesem Alter hat man als Spieler bereits eine Menge Erfahrung gesammelt. Während meiner Zeit bei Fortuna Köln hat der damalige Präsident Jean Löring darüber nachgedacht, mich als Trainer zu installieren. Das hat zwar letztlich aus unterschiedlichen Gründen nicht funktioniert, aber es war für mich klar, dass ich dem Fußball erhalten bleiben möchte und wenn möglich, als Trainer.

Waren Sie im Laufe Ihrer Karriere bereits die rechte Hand des Trainers?

Rolff: Ich war während meiner Karriere oft Kapitän, dadurch war ich mit ungefähr ab 27 bis zu meinem Karriereende die rechte Hand des Trainers. Ich war zudem schon immer ein Mannschaftsspieler und habe mich vor allem für den Umgang mit jungen Spieler eingesetzt

1997 übernahmen Sie den Posten des Co-Trainers beim HSV unter Felix Magath. Wie kam es dazu?

Rolff: Der damalige Sportdirektor Bernd Wehmeyer hat mich kontaktiert und gesagt, dass es Probleme gibt und gefragt, ob ich mir den Job vorstellen kann. Der HSV hatte eine gute Mannschaft, konnte aber nicht das umsetzen, was in ihr steckte. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht und zugesagt.

Wie haben Sie den Trainer Magath kennengelernt?

Rolff: Wir haben früher bereits beim HSV zusammengespielt, später war er bei Bayer Uerdingen mein Manager. Wenn man sich so lange und so gut kennt, dann entwickelt man ein gewisses Vertrauen. Er hatte seine Ideen und war damit auch immer erfolgreich.

Viele verbinden mit Magaths Training den Medizinball. War das schon immer Teil seiner Trainingsmethoden?

Rolff: Training mit dem Medizinball ist ja nicht schlimm. Es kommt ganz darauf an, wie man ihn einsetzt (lacht). Das gleiche gilt für Hürden, Sprungseile usw. Andere Trainer trainieren auch mit Medizinbällen, sicherlich hat der ein oder andere Trainer nicht so oft Medizinbälle genutzt. Am Ende kommt es darauf an, wie erfolgreich man ist und das war Magath. Er hat viele Klubs gerettet, ich kann nicht sagen, ob im Anschluss Probleme aufgetaucht sind. Aber ob das an den Medizinbällen lag, sei einmal dahingestellt (lacht).

Wie kann man sich die Aufgaben eines Co-Trainers zur damaligen Zeit vorstellen?

Rolff: Das Trainerteam war damals nicht so groß wie heute. Wir hatten einen Torwarttrainer und zwei Co-Trainer. Damals musste man neben der Trainertätigkeit auf dem Platz beispielsweise das Scouting selbst abdecken. Das hieß damals noch Spielbeobachtung und man musste nach dem Training noch zu Spielen fahren, um die Spieler unter die Lupe zu nehmen. Der Co-Trainer und der Torwarttrainer teilten sich auf und übernahmen die Arbeit. Darüber hinaus haben wir uns um die verletzten Spieler gekümmert. Heute gibt es ganze Abteilungen für solche Aufgaben.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Co-Trainer-Tätigkeit?

Rolff: Ich wollte frei arbeiten und meinen Teil mit einbringen. Das hat auch in den ganzen Jahren in Absprache mit den Cheftrainern gut funktioniert, sodass ich so trainieren konnte, dass es am Ende Erfolg brachte. Ich konnte mich ausleben und das einbringen, was mich als Spieler ausgezeichnet hat.

"Einige Jugendspieler dachten, dass Training mit angezogener Handbremse reicht"

Zum Beispiel?

Rolff: Beispielsweise der Umgang mit jungen Spielern. In Bremen (2004 - 2013, die Red.) war für Talente, wie zum Beispiel Martin Harnik oder Max Kruse schwer, ins Team zu kommen, weil wir mit Spielern wie Diego, Torsten Frings oder Miroslav Klose eine super Mannschaft hatten. Dann ist es nicht einfach, die Jungs bei der Stange zu halten. Das habe ich probiert und ihnen einiges auf den Weg gegeben. Wenn man sich die Entwicklung ansieht, können alle eine super Bundesliga-Karriere oder eine internationale Karriere vorweisen. Dem ein oder anderen konnte man auch eine professionellere Einstellung einreden.

Kam es vor, dass Spieler keine professionelle Einstellung an den Tag gelegt haben?

Rolff: Nicht direkt. Einige Jugendspieler dachten sicherlich, dass Training mit angezogener Handbremse ausreicht. Allerdings kann ich keinen älteren Star verdrängen, wenn ich mit Handbremse trainiere, da sie routinierter sind. Wenn man als junger Spieler mehr Power hat, muss man das auch zeigen, um sich in den Fokus zu spielen. Der ein oder andere Spieler musste das lernen. Es gab wenige Spieler, die keine professionelle Einstellung an den Tag gelegt haben. Die meisten haben das Maximum aus ihrer Karriere rausgeholt und dafür muss man am Ende nicht unbedingt Nationalspieler geworden sein.

Fällt Ihnen dazu ein konkreter Name ein?

Rolff: Zum Beispiel Dominic Peitz, der früher bei den Bremer Amateuren und jahrelang in der zweiten und dritten Liga gespielt hat. Er war vom Einsatz her vorbildlich, es fehlt dann eben ein ganz kleines Stück für die Bundesliga. Für sich persönlich hat er aber unheimlich viel gewonnen. Er hat immer das umgesetzt, was man ihm vermittelt hat. Ich habe auch einen Mesut Özil trainiert, der Nationalspieler und Weltmeister wurde, aber einen anderen Karriereweg als Peitz eingeschlagen hat. Er hatte sicherlich auch andere Fähigkeiten, aber beide können auf eine großartige Karriere zurückblicken.

Inwieweit hat Ihre Erfahrung einen Teil dazu beigetragen, Spieler in die richtige Bahn zu lenken?

Rolff: Als Spieler hat man alles erlebt, sei es englische Wochen oder gewonnene und verlorene Finals. Ich finde, dass für ein Trainerteam Erfahrung wichtig ist, die den Spielern vermittelt werden kann. Die Spieler hören zu, sind wissbegierig und finden vieles aus der Vergangenheit spannend. Sie versuchen das auch in der Zukunft umzusetzen, was schön anzusehen ist. Wenn die Spieler einen erfolgreichen Trainer haben, wollen sie erreichen, was er bereits erreicht hat.

Konnten Sie Spieler mit Ihrer Geschichte mitreißen?

Rolff: Der ein oder andere Spieler hat gefragt, wie die Freizeitgestaltung früher ablief, als es noch keine PlayStation gab. Damals haben wir noch Tischtennis, Skat oder Poker gespielt. Die Gamer, die es heute unter den Profis gibt, gab es damals nicht. Wir mussten uns anders beschäftigen. Ich kann mir vorstellen, dass einige aktuelle Profis nach der Karriere in den eSport übergehen.

Wie meinen Sie das konkret?

Rolff: Manch einer hat ja bereits ein Team. Während zu meiner Zeit Spieler gesagt haben, dass sie Trainer werden und im Fußballgeschäft bleiben wollen, wird es vielleicht Spieler der jüngeren Generation geben, die sich stattdessen im Gaming etablieren wollen, ob das jetzt FIFA ist oder andere Spiele.

Rolff über Meppen, Stuttgart und Leverkusen

Nach Hamburg übernahmen Sie den SV Meppen als Cheftrainer. Wie kam der Schritt zum Cheftrainer zustande?

Rolff: Wenn man Cheftrainer werden kann, dann sollte es auch das Ziel sein. Daher habe ich mich zu dem Schritt entschlossen.

In Meppen blieben Sie knapp sieben Monate. Woran scheiterte es dort?

Rolff: Meppen kämpfte zu dem Zeitpunkt um den Klassenerhalt in der zweiten Liga. Zuvor hatten Sie um den Aufstieg in die Bundesliga gespielt. Das Problem war die Altersstruktur, der Durchschnitt lag bei 33 oder 34 Jahren. Man hat über Jahre hinweg mit derselben Mannschaft gespielt und die Verjüngung verpasst. Als ich kam, wollte ich junge Spieler einbinden, was teilweise funktioniert hat. Wir haben gute Spiele gemacht, nur die Ergebnisse haben leider nicht gestimmt. Wenn man nur Unentschieden spielt oder knapp verliert, dann leidet der Glauben der Mannschaft, das Ruder noch umreißen zu können, darunter. Hinzu kamen Verletzungen der älteren Spieler, sodass wir letzten Endes die Klasse nicht halten konnten.

Direkt im Anschluss erhielten Sie ein Angebot vom VfB Stuttgart, einer Spitzenmannschaft, gespickt mit Top-Spielern. Dort waren Sie wieder als Co-Trainer tätig. Wie schwer war die Umstellung aus dem Tabellenkeller der zweiten Liga in die obere Region der Bundesliga?

Rolff: Die Umstellung fiel mir absolut nicht schwer. Die Mannschaft hatte einige Nationalspieler, dort herrschte eine ganz andere Qualität. Die Arbeit in Meppen war gut, aber nicht von Erfolg gekrönt, während die spätere Arbeit von erfolgreich war. Wenn man die gleiche Arbeitsweise bei Spielern anwendet, die jünger und talentierter sind, dann weiß man, dass man Erfolg haben kann. Ich konnte die Arbeitsweise und den Fußballstil, den mir als Spieler vermittelt wurde, auf die Mannschaft übertragen. Wenn man früher selbst mit Abseitsfalle und Pressing gespielt hat, dann überlegt man, wie man das als Trainer einbauen kann.

Zwischen 2000 und 2001 arbeiteten Sie als Assistent von Berti Vogts bei Bayer Leverkusen. Dort standen ebenfalls viele Stars unter Vertrag. Wie war der Umgang mit Größen wie Ulf Kirsten, Ze Roberto oder Michael Ballack?

Rolff: Wir haben nicht nach Namen aufgestellt. Dass man mit manchen besser auskommt und dass einige mehr Sympathien für einen hegen ist normal. Es herrschte ein Top-Niveau, wir haben international gespielt und sind am Ende Vierter geworden. Leider hat sich der Klub dazu entschieden, dass der vierte Platz für eine Weiterbeschäftigung nicht ausreicht.

Also hatte der Verein höhere Ambitionen?

Rolff: Das Ziel war die Qualifikation für die Champions League, der vierte Platz reichte damals nicht für die direkte Qualifikation. Wir haben guten Fußball abgeliefert, viele Tore geschossen und begeisternd gespielt. Am Ende ist es natürlich schade, dass man die Qualifikation in der neuen Saison nicht miterleben darf.

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