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Fussball

Gregor Gysi im Interview: "In der Regel habe ich die Union-Fans relativ schnell wieder aus der Haft rausbekommen"

Gregor Gysi ist seit der Kindheit schon glühender Anhänger von Union Berlin.

Gregor Gysi ist einer der charismatischsten deutschen Politiker. Zwischen 2005 und 2015 war er Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Deutschen Bundestag. Der 72-Jährige ist aber vor allem auch ein leidenschaftlicher Fußballfan. Im Interview mit SPOX und Goal spricht Gysi über die Coronakrise, seine Liebe zu Union Berlin und Fan-Proteste.

Dieser Artikel wurde im März 2020 veröffentlicht.

Außerdem verrät Gysi, wie sich sein Verhältnis zu Uli Hoeneß verändert hat und warum er von Union in seinen Zeiten als Anwalt gut leben konnte.

Herr Gysi, wie ist Ihre Liebe zu Union entstanden?

Gysi: Ich bin in Berlin-Johannisthal aufgewachsen, nicht weit entfernt von der Alten Försterei. Alleine dadurch war ich schon auf Seiten von Union.

Um kurz einzuhaken: Haben Sie auch selbst gespielt?

Gysi: Ja, ich war Torwart. Die Position des Torhüters hat mich schon immer fasziniert. Die meiste Zeit stehen sie nur herum, aber dann kommt es doch ganz entscheidend auf sie an. Und wenn sie ein Tor bekommen, pfeifen sie die Verteidiger zusammen. Torhüter sind wie Schlagzeuger im Orchester - eine ganz besondere Spezies. Ich wollte in der Schule alleine deshalb immer ins Tor, weil ich zu faul war, die ganze Zeit hin und her zu rennen. Das Problem war nur, dass ich ja etwas kurz geraten bin und schauen musste, wie ich an die Latte komme. (lacht) Aber so schlecht war ich gar nicht, ich durfte immer im Tor bleiben und wurde nicht rausgenommen.

Gregor Gysi: "Ich konnte als Anwalt von Union leben"

Aber zurück zu Union.

Gysi: Ich habe mich auch in den Klub verliebt, weil er zwar nie ganz vorne gelandet ist, aber mit so einer komischen Art Fußball spielte. Und Union war der frechste Klub in der DDR. In der DDR gab es eine Regel, dass Vorbestrafte nicht mitspielen durften. Union hat das aber nicht interessiert. Union hat mir damals auch beruflich geholfen. Ich konnte als Anwalt von Union leben, weil sie mir regelmäßig neue Mandanten beschert haben. (lacht) Die saßen in der Untersuchungshaft in Rummelsburg. Wenn ich mit ihnen zu tun hatte, konnte ich ihre unvergleichliche Bindung zu Union spüren. Ich habe dem Gericht dann immer erklärt, dass sie einfach eine so große Leidenschaft haben und man da eben leicht mal durchdreht, gerade wenn man jung ist. In der Regel habe ich sie relativ schnell wieder rausbekommen.

Stimmt es, dass Sie quasi durch die Gefägnissstrafe für Uli Hoeneß ein anderes Verhältnis zu ihm bekommen haben?

Gysi: Das ist richtig. Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer mochten mich aus offensichtlichen Gründen natürlich nicht, aber dann ist etwas passiert. Zu der Zeit, als das Ermittlungsverfahren gegen Herrn Hoeneß lief, habe ich ihn im Stadion gesehen, wie niemand mehr mit ihm gesprochen hat. So etwas kann ich nicht leiden. Ich habe mich dann ausführlich mit ihm unterhalten und so haben wir uns ganz anders kennengelernt. Seitdem pflegen wir einen guten Umgang miteinander.

Was man von der Hertha und Union nicht wirklich sagen kann.

Gysi: Leider nicht. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als es gute Beziehungen zwischen den Klubs gab, aber diese sind leider zerbrochen. Das bedauere ich. Ich habe persönlich nichts gegen die Hertha, aber mir hat es gar nicht gefallen, als in der Hinrunde beim Derby die Feuerwerkskörper abgeschossen wurden. In der Misere spiegelt sich auch das Ost-West-Verhältnis in Berlin wider, das leider nicht Schritt für Schritt besser geworden ist. Es gibt eine Spannung, gar nicht mal so sehr bei der jüngeren Generation, aber sie hat sich auf diese übertragen. Man müsste sich überlegen, ob man vielleicht einen Vermittler einschalten könnte. Im Kern sind sich beide Vereine ja einig: Die sportliche Rivalität darf und soll natürlich bleiben, aber wir müssen wieder einen halbwegs vernünftigen Umgang miteinander hinbekommen. Bestimmte Sachen dürfen einfach nicht mehr passieren, da muss man auf einen gemeinsamen Nenner kommen mit den Fans.

Gregor Gysi: "Bei Union würde auch kein Fan abspringen, selbst wenn wir in der achten Liga spielen würden"

Aktuell ist Union ja der erfolgreichere Klub in der Stadt. Und die Hertha war nach der Episode mit Jürgen Klinsmann völlig im Chaos.

Gysi: Das kann man wohl so sagen. Ich bin ja jetzt 72 Jahr alt und damit weise. Ab 70 darf man sich als weise bezeichnen, vorher allenfalls als klug und intelligent. (lacht) Ich habe gelernt: Wenn einmal Mist in einer Geschichte drin ist, dann hört das so schnell nicht mehr auf. Genau so war es bei Klinsmann, der dann einfach abgehauen ist. Das war natürlich keine große Leistung von ihm.

Die Hertha hat mit Lars Windhorst jetzt einen Investor im Rücken. Stichwort: Big City Club. Genau das, was gerade Union-Fans verabscheuen. Wie schauen Sie generell auf die Über-Kommerzialisierung im Fußball?

Gysi: Natürlich schaut man als Union-Anhänger mit Unverständnis darauf. Es gibt Klubs in Deutschland, die eben nicht aus eigener Kraft an die Spitze gekommen sind, sondern dank eines einzelnen Geldgebers. Union ist auch deshalb so ein besonderer Klub, weil seine Anhänger am liebsten alles selbst aufbauen. So wie wir es beim Stadion gesehen haben. Bei Union würde auch kein Fan abspringen, selbst wenn wir in der achten Liga spielen würden. Es würde bei Union auch keine Pfiffe gegen die eigene Mannschaft geben. Und man könnte niemals Union von der Alten Försterei in ein anderes Stadion verpflanzen. Das ist eine andere Mentalität. Klar tun wir uns dann schwer, in einer Liga mitzuspielen, in der du nunmal Geld brauchst. Wir müssen alle akzeptieren, dass wir jetzt in einer kapitalistischen Welt leben.

Also lohnt es sich auch nicht mehr, sich darüber aufzuregen.

Gysi: Nur begrenzt. Vieles müssen wir einfach akzeptieren. Wir sollten uns nur Aufgaben stellen, die wir auch bewerkstelligen können. Zu glauben, wir können den Fußball entkommerzialisieren, ergibt wenig Sinn. So romantisch der Gedanke auch wäre.

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