Fussball

Der 1. FC Köln unter Markus Gisdol: Auferstanden von den Toten

Von Stefan Rommel
Mit Markus Gisdol holte der 1. FC Köln 22 Punkte aus zwölf Liga-Spielen.

Im Spätherbst war der 1. FC Köln ein aussichtsloser Fall, der Klub drohte mal wieder im Chaos zu versinken. Dann kamen Horst Heldt und Markus Gisdol. Die Geschichte einer wundersamen Wendung. Am Freitagabend ist Köln beim SC Paderborn zu Gast (20 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER).

Es war die Woche vor den Weihnachtsfeiertagen, die in Köln alles veränderte. Der Effzeh tat mal wieder Effzeh-Dinge, hatte seinen Trainer geschasst und seinen Geschäftsführer gleich dazu. Der frisch berufene Vorstand warf die Brocken nach nicht einmal 100 Tagen schon wieder hin und der neue Trainer: Verlor wie sein Vorgänger wichtige Spiele.

Ein schauderhaftes 0:2 bei Aufsteiger Union Berlin ließ den 1. FC Köln auf den letzten Tabellenplatz absacken, Markus Gisdol schien nach vier Wochen im Amt und lediglich einem Punkt aus drei Spielen schon schwer beschädigt. Dann kam das kleine Derby gegen Bayer Leverkusen, ein Heimspiel - was für die bis dato zweitschlechteste Heimmannschaft der Liga keinen Vorteil bedeutete. Der Spielplan wollte es außerdem so, dass in der Woche vor den Weihnachtsferien gleich drei Partien innerhalb von acht Tagen anstanden. Erst Leverkusen, dann Frankfurt und zuletzt Werder Bremen. Die Chance auf völlig verhagelte Weihnachten erschien deutlich größer als die Aussicht auf Besserung.

Der 1. FC Köln auf Rekordjagd

Acht mickrige Pünktchen hatte Köln aus den 14 vorherigen Spielen geholt. Am Ende dieser ominösen Woche waren es plötzlich mehr als doppelt so viele. Die drei Siege am Stück waren wie ein Erweckungserlebnis: Für die Mannschaft, den Trainer, die Fans, den ganzen Klub. Seitdem läuft es unverschämt gut. Das 3:0 gegen Schalke vor wenigen Tagen bedeutete den besten Rückrundenstart einer Kölner Mannschaft seit 28 Jahren.

24 Tore hat die Mannschaft in den jüngsten neun Spielen erzielt - davor waren es zwölf in 14 Spielen. Gisdol steht derzeit bei 22 Punkten aus zwölf Spielen unter seiner Leitung. So gut war zwischenzeitlich nur Peter Neururer - und das ist 22 Jahre her.

Der rasante Aufstieg des Effzeh vom Tabellenletzten zum gefestigten Mittelklasseteam ist unweigerlich mit Gisdol verbunden. Der Coach schraubte den Punkteschnitt der Mannschaft spektakulär nach oben, mittlerweile ist seine Mannschaft schon Tabellenelfter, wobei der Vorsprung auf Relegationsplatz 16 bereits größer ist (acht Punkte) als der Rückstand auf Europapokalplatz sechs (sieben Punkte). Und Köln hat das Nachholspiel in Gladbach noch in der Hinterhand.

Es wäre eine glatte Untertreibung, die Bedenken bei Gisdols Berufung als massiv einzustufen. Dem Trainer eilte kein besonders guter Leumund voraus, er war nach seiner Freistellung in Hamburg fast zwei Jahre lang ohne Job. Allenfalls noch diente der Name Gisdol als Retter, immerhin schaffte er mit Hoffenheim und dem HSV einst jeweils den Klassenerhalt aus einer besonders misslichen Lage. Aber Gisdols einfache Art des Fußballs schien nicht kompatibel mit einer Mannschaft, die unter Zweitligabedingungen zusammengestellt und dann auf Geheiß des erst im Sommer geholten Achim Beierlorzer modifiziert wurde.

1. Fc Köln: Markus Gisdol findet die richtigen Hebel

Das Experiment mit Beierlorzer war ebenso gescheitert wie jenes mit Markus Anfang und mal wieder haftete einer Kölner Mannschaft der Ruf an, untrainierbar zu sein. Aber Gisdol legte nach einer schwierigen Anfangszeit einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag gepaart mit einigen überaus pfiffigen Entscheidungen. Er verordnete der Mannschaft nach dem Hurra-Fußball unter Beierlorzer mit dessen sehr aggressivem Angriffspressing mehr Geduld und Kompaktheit. Seitdem verteidigt die Mannschaft längst nicht mehr so hoch, sucht stattdessen im Mittelfeld den Zugriff auf den Gegner.

Gisdols Volte korrigierte den Irrglauben, mit dem vorhandenen Kader eine Art Überraschungsfußball in der Bundesliga spielen zu können. "Wir spielen nicht mehr dieses Angriffspressing wie unter Beierlorzer. Im Moment stehen wir hinten einfach besser. Das passt besser zu unserer Mannschaft und unseren Charakteren", sagte Mittelfeldspieler Dominik Drexler schon vor ein paar Wochen: "Wir gehen sehr aggressiv in die Zweikämpfe, stehen kompakt und kommen dann über viel Tempo. Vorher sind wir oft ins offene Messer gelaufen. Das ist einer von ganz vielen Punkten. Die Kompaktheit ist signifikant für unseren Erfolg."

Gisdol hat sich dafür ein Stück weit entfernt von seinem eigenen Stil, der durchaus auch auf frühe Balleroberungen aus war. Geblieben ist aber der Konterfußball Rangnickscher Prägung. Köln hat zwar erst 13 Tore aus dem freien Spiel erzielt, dafür aber schon acht Mal nach einem Konter getroffen. Keine Mannschaft der Liga schaltet kaltblütiger um als Gisdols Truppe. Hinzu kommen mittlerweile schon 14 Treffer nach Standards, auch das ist momentan unerreicht in der Bundesliga. Und das ohne ein einziges Elfmetertor.

Identifikation durch Kölner Jungs

Dazu entdeckte Köln einen neuen Jugendstil. Gisdol hatte die Traute, im Derby gegen Leverkusen und nach seinen ersten drei Spielen ohne Sieg Ismail Jakobs (20), Noah Katterbach (18) und Jan Thielmann (17) aufzustellen. Drei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die auf der Stelle einschlugen. Neben dem Wunsch nach sorgenfreien Jahren in der Bundesliga ist die Sehnsucht der Fans nach einer "Kölsche Mannschaft" ein übergeordnetes Ziel. Die letzte dieser Art gab es vor rund 15 Jahren mit Pröll, Cullmann, Lottner, Voigt, Kurth oder Scherz.

Mit den drei frechen Youngsters, mit Timo Horn, Christian Clemens, Niklas Hauptmann, Marcel Risse, den Quasi-Kölnern Simon Terodde und Anthony Modeste und nicht zuletzt Rückkehrer Mark Uth ist zumindest eine vage Hoffnung verknüpft auf noch mehr Identifikation. Auf dem Sprung steht auch Offensivtalent Tomas Ostrak (19) aus der eigenen A-Jugend. Die führt derzeit die West-Staffel der A-Junioren-Bundesliga an, vor so starken Teams wie Borussia Dortmund, Gladbach oder dem FC Schalke 04. Die U17 wurde im vergangenen Sommer nach acht Jahren mal wieder Deutscher Meister.

Umso bedauerlicher aus Kölner Sicht, dass in Darko Churlinov ein hoffnungsvoller Teenager nach Stuttgart abgewandert ist und der zehn Jahre in Köln ausgebildete Florian Wirtz, erst 16 Jahre jung, von Bayer Leverkusen abgeworben wurde. Horst Heldt als ehemaliger Spieler des Effzeh rundet die Kölner Losung dennoch unfreiwillig ab.

Horst Heldt korrigiert die Schwachstellen im Kader

Heldt nutzte die Winterpause, um an den neuralgischen Stellen im Kader noch einmal nachzuarbeiten. Neben Uth, ausgeliehen von Schalke und seit Jahren schon ein Wunschspieler der jeweiligen Verantwortlichen und der Fans, holte Heldt auch Abwehrspieler Toni Leistner aus England und vor allen Dingen Elvis Rexhbecaj für anderthalb Jahre vom VfL Wolfsburg. Im zentralen Mittelfeld hat der erst 22-Jährige sofort funktioniert und sich für größere Aufgaben als die des Lückenfüllers angeboten. Rexhbecaj ist im Uth-Getöse ein gerne unterschlagener Transfer, an dem die Kölner aber noch ziemlich viel Freude haben werden.

Es läuft derzeit ziemlich viel ziemlich richtig in Köln. Das Freitagabendspiel beim SC Paderborn (20.00 Uhr, live auf DAZN) bietet die große Chance, sich fast schon entscheidend von der Abstiegszone abzusetzen. Köln hätte dann bereits elf Punkte Vorsprung auf Düsseldorf und Platz 16. Bei ehemals vier Punkten Rückstand auf eben jenen Relegationsplatz kommt die Kölner Punktejagd einer kleinen Wiederauferstehung gleich.

Bundesliga-Tabelle seit der Übernahme von Markus Gisdol

PlatzVerein Sp.GUVTore+/-Pkt.
13101242:103231
1392243:172629
1384133:141928
1382324:15926
12*71426:19722

* Aufgrund der Absage des Spiels zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln haben beide Klubs ein Spiel weniger absolviert.

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