Fussball

RB Leipzig unter Julian Nagelsmann: Ein neuer Strang für die RB-DNA

Julian Nagelsmann ist seit Sommer 2019 Trainer von RB Leipzig.

Tabellenführer RB Leipzig empfängt nach dem besten Saisonstart der Vereinsgeschichte am Samstag Verfolger FC Bayern (18.30 Uhr im LIVETICKER). Es ist die erste echte Standortbestimmung für das neue Leipzig, das sich unter Trainer Julian Nagelsmann ein Upgrade erhofft. Eine Hoffnung, die berechtigt ist.

Dieses Gerede über Grundordnung geht ihm auf den Zeiger. Nicht zuletzt aufgrund dieser Einstellung gilt Julian Nagelsmann als Taktik-Tüftler. Es verwundert daher nicht, dass er in Leipzig etwas verändern will: "Ich will nicht schmälern, was hier vorher war. Ich würde drei Kreuze machen, wenn ich auch wieder Dritter würde. Das sage ich ganz ehrlich. Aber es geht darum, sich weiterzuentwickeln."

Das wird in erster Linie an der veränderten, aber immer noch verhassten Grundordnung deutlich: Statt im 4-4-2-System lässt Nagelsmann im 3-5-2 spielen. Da dieses neue System - wie auch das alte oder jedes beliebige - meist nur beim Anstoß ersichtlich wird, lohnt sich angesichts des Leipziger Traumstarts (3 Spiele, 9 Punkte, 9:2 Tore) ein Blick ins Spiel.

Leipzigs Saisonstart: Drei Spiele, drei Siege

SpieltagHeimErgebnisGast
1Union Berlin0:4RB Leipzig
2RB Leipzig2:1Eintracht Frankfurt
3Borussia Mönchengladbach1:3RB Leipzig

Julian Nagelsmann setzt bei RB Leipzig auf eigenen Ballbesitz

Wie die neue und hiermit letzmalig erwähnte Grundordnung bereits andeutet, will Nagelsmann den eigenen Ballbesitz in Leipzig wieder salonfähiger machen. Ganz oben auf der Agenda steht seit diesem Sommer ein kontrollierter und vor allem flacher Spielaufbau.

Dabei lebt die vielzitierte RB-DNA doch eigentlich vom gegnerischen Ballbesitz. Für Nagelsmann bedeutet eigener Ballbesitz jedoch: "Eine höhere Wahrscheinlichkeit für Torabschlüsse, das bessere Personal-Verhältnis fürs Gegenpressing und dem Gegner das Gefühl zu geben, er könne kontern, obwohl er nicht kontern kann." Und dann schlägt die RB-DNA eben doch wieder zu.

Wenn seine Mannschaft den Ball sorgfältig in den eigenen Reihen nach vorne trägt und hier und da "Lockbälle in den Sechser-Raum" spielt, so heißt das zumindest im Nagelsmann-Jargon, dann schafft sie "Gegenpressing-Voraussetzungen in der gegnerischen Hälfte".

Damit soll auch Schluss mit der Einfallslosigkeit gegen tieferstehende Teams sein. In der vergangenen Saison ließ Leipzig ganze 18 Punkte gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte liegen.

Nagelsmann-Fußball in Leipzig braucht Zeit

Zum Bundesliga-Auftakt klappte das gegen Union Berlin bereits sehr gut. Davon war nach einer Vorbereitung mit Höhen (2:0 gegen Rennes) und Tiefen (1:4 gegen Zürich, 1:3 gegen Aston Villa) nicht auszugehen.

Vor allem nach dem knappen 3:2-Sieg beim VfL Osnabrück im Pokal schien Leipzig noch nicht bereit für die Liga."Wir sind noch weit weg von dem idealen, tollen Fußball, den ich mir vorstelle - und das wird auch noch ein bisschen dauern", lautete das Fazit von Nagelsmann nach dem Spiel.

Einen Monat ist das nun her. Die Spieler erkennen zwar "mehr Struktur im Spiel" (Willi Orban) und stehen hinter Nagelsmanns Ideen, haben jedoch offensichtlich noch Probleme sie umzusetzen.

Überfordert Julian Nagelsmann seine Spieler?

Seit dem Start der Vorbereitung ist die Taktiktafel fester Bestandteil einer jeden Trainingseinheit - ganz nach Nagelsmanns Maxime: Viel Input hilft viel.

Hoffenheims Andrej Kramaric hatte jedoch gerade deswegen nach der abgelaufenen Spielzeit leise Kritik an seinem Ex-Trainer geübt: "Wir wechseln zu oft das System während des Spiels. Wir sind keine Roboter, sondern Menschen. Das sind viele Fehler von draußen."

Den Eindruck, dass er seine Spieler überfordert, hat Nagelsmann aber nicht. "Wenn ich mir am Ende der Woche drei von fünf Informationen merke, ist das gut. Wenn ich mir aber von 20 Informationen sieben merke, ist das absolut gesehen besser", erklärte Nagelsmann auf dem Internationalen Trainer-Kongress im August.

Julian Nagelsmann installiert Grundprinzipien bei RB Leipzig

Ein von dem Streben nach Perfektion getriebener Taktik-Professor ist Nagelsmann aber dennoch keineswegs. Seine Spieler genießen auf dem Platz jede Menge Freiheiten, sie sollen nur innerhalb bestimmter Leitplanken agieren.

Nagelsmann installiert in Leipzig Prinzipien, auf die sich die Spieler losgelöst von ihren ohnehin schwimmenden Positionen immer beziehen können. Zum Beispiel: offensiv das Zentrum zu suchen oder defensiv den tiefen Passweg in der gegnerischen Hälfte blocken.

Er will vorgefertigte Handlungsmuster etablieren - je nach Spielphase (Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz, offensive und defensive Umschaltsituationen, Standards). So sollen seine Spieler den Kopf für kreative Aktionen frei bekommen.

Julian Nagelsmann fordert Vertrauen und Disziplin

Dabei ist das Vertrauen in den Trainer von Spielerseite unerlässlich. Und Nagelsmann fordert - nicht nur bei seinen Prinzipien - Gehorsam von jedem Spieler, auch zum eigenen Schutz. Denn: Der Trainer befasst sich in der Regel mehr mit dem Gegner als die Spieler. Aber nur wenn die Mannschaft die fundierten Anweisungen des Trainers umsetzt, kann er sich schützend vor sein Team stellen, meint Nagelsmann: "Dann war meine Idee scheiße."

Der 32-Jährige richtet seine Startaufstellung, seinen Spieltags-Kader sowie die taktische Ausrichtung immer nach den Stärken des Gegners. Erwartet er ein Spitzenteam wie den FC Bayern am Samstag, dann geht Nagelsmann von "weniger Ballbesitzphasen und mehr Pressingsituationen" aus.

Entsprechend setzt er auf "die stärksten defensiv denkenden Spieler gepaart mit den drei, vier offensiv stärksten in der aktuellen Form".

Julian Nagelsmann hat ein Luxusproblem und genießt es

Etwaige Gedankenspielchen kann sich Nagelsmann in Leipzig dank des breiten Kaders leisten. Andere Trainer würden wohl von einem Luxusproblem sprechen.

Aus diesem Grund saß etwa Emil Forsberg zum Saisonstart vorerst auf der Bank - nicht der Anspruch des kreativen Spielmachers. Doch nach mehreren kleinen Blessuren sah Nagelsmann den Schweden "weit weg von 100 Prozent". Zudem glänzten Marcel Sabitzer und Timo Werner regelmäßig. Abgeschrieben ist Forsberg deswegen noch lange nicht. Beim 3:1-Sieg gegen Gladbach stand er in der Startelf und bereitete das 1:0 vor.

Nordi Mukiele hingegen fand sich im Borussia-Park auf der Bank wieder und das obwohl der Franzose einer der Gewinner unter Nagelsmann ist. Im 3-5-2 hat der Rechtsverteidiger seinen Platz in der Dreierkette gefunden. Durch seine zentralere Rolle kann er seine Spielstärke im Aufbau einbringen und hat keinen Lukas Klostermann vor der Nase.

Im Duell gegen einen spielstärkeren Gegner wie eben Gladbach setzt Nagelsmann jedoch wieder auf defensiver denkende Spieler. Auch die Rückkehr zum 4-4-2 ist dann eine Option.

FC Bayern als erste Zerreißprobe für RB Leipzig

Leipzigs Kader ist für Nagelsmann eine hochwertige Werkzeugkiste. So hochwertig, dass Experten wie Lothar Matthäus oder Marco Rose die Sachsen sogar als Meisterkandidaten sehen.

Die einzelnen Tools arbeiten zwar schon überraschend gut, aber noch nicht perfekt zusammen. Das Duell mit den Bayern ist eine Zerreißprobe in der Frühphase des Leipziger Nagelsmann-Projekts. Es wird den Status Quo der angestrebten Weiterentwicklung offenlegen.

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