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Fussball

"FSV als Underdog gibt es nicht mehr"

Julian Baumgartlinger ist der neue Kapitän beim FSV
© getty

Julian Baumgartlinger tritt als Kapitän beim FSV Mainz 05 die Nachfolge von Klub-Ikone Nikolce Noveski an. Mit SPOX spricht er über seine neue Rolle, kontrastreiche Trainer in Mainz, selbstbewusste Neuzugänge und das gestorbene Underdog-Image beim FSV.

SPOX: Herr Baumgartlinger, sehen wir Sie bei der nächsten Mainzer Fastnacht im Kapitäns-Outfit? Ihre neue Rolle im Team erfordert es fast schon.

Julian Baumgartlinger: Ich glaube eher nicht, wobei ich es auf mich zukommen lasse (lacht).

SPOX: Erst hieß es, Martin Schmidt wollte das Kapitänsamt nicht fest vergeben.

Baumgartlinger: Über ein mögliches Rotationsprinzip wurde mit uns gar nicht gesprochen. Für die Mannschaft war von Anfang an klar, dass es wie immer einen festen Kapitän gibt, zusammen mit einem Stellvertreter und dem Mannschaftsrat. So ist es dann auch gekommen.

SPOX: Erhält dieses Amt für Sie noch einmal eine stärkere Gewichtung als ohnehin schon, wenn Sie bedenken, dass Sie die Nachfolge von Nikolce Noveski antreten - einer absoluten Ikone beim FSV?

Baumgartlinger: Nach so einer langen Zeit ist es natürlich schön, derjenige zu sein, der Nikolces Rolle übernimmt. Die Gewichtung bleibt aber die gleiche. Ich nehme die Verantwortung gerne auf mich. Deshalb muss ich aber nicht mehr daraus machen als es ist.

SPOX: Noveski war ein eher stiller Kapitän. Sie selbst sagten zuletzt deutlich, dass jede Mannschaft eine klare Hierarchie braucht. Sind Sie kommunikativer und lautstärker als Ihr Vorgänger?

Baumgartlinger: Ich habe mir nicht vorgenommen, nur noch rumzuschreien (lacht). Ich habe immer versucht, durch Leistung und Einsatz voranzugehen. Trotzdem ist es auch wichtig, neben dem Platz viel zu kommunizieren. Gerade wenn eine Mannschaft aus vielen unterschiedlichen Charakteren besteht, muss es auch diejenigen geben, die den Mund aufmachen.

SPOX: Niko Bungert, der die Binde zum Ende der letzten Saison trug, zeigte sich nach der Entscheidung überrascht und enttäuscht. Haben Sie mit Ihm darüber gesprochen?

Baumgartlinger: Wir machen nicht alles an der Binde fest. Niko und ich haben in den letzten Jahren immer wieder gemeinsam versucht, Dinge anzupacken und in Führungsrollen hineinzuwachsen. Für mich ist es in erster Linie schön, die Wertschätzung in dieser Form zu erhalten. Natürlich ist Niko ein bisschen enttäuscht. An unserer Beziehung hat das aber nichts geändert. Ich hätte es ihm genauso gegönnt wie er es mir gönnt. Am Ende sind wir alle Teil des Teams.

SPOX: Zu dem Johannes Geis, Shinji Okazaki und Nikolce Noveski seit diesem Sommer nicht mehr gehören. Ist es auf Dauer nicht anstrengend, sich als Mannschaft jedes Jahr wieder neu erfinden zu müssen? Abgänge von Leistungsträgern sind in Mainz ein wiederkehrendes Muster.

Baumgartlinger: Einerseits ja, andererseits nein. Trotz der Verluste ist ein Großteil des Gerüsts geblieben. Es sind noch immer viele Spieler dabei, die in den letzten Jahren Eckpfeiler waren und Führungsspieler geworden sind. Zudem kamen sehr gute Neuverpflichtungen dazu. Sie können die Positionen adäquat mit ihrer Erfahrung und einer gewissen Unbekümmertheit ausfüllen. Dadurch, dass wir in der Sommerpause auch keinen Trainerwechsel hatten, sind wir ein gutes Stück weiter als im letzten Jahr zu diesem Zeitpunkt.

SPOX: Geis und Okazaki steigen andernorts zu Großverdienern auf. Was hat Sie bewogen, lieber in Mainz zu verlängern?

Baumgartlinger: Das waren viele Faktoren. Die sportliche Perspektive hat aber den Ausschlag gegeben. Zudem fühle ich mich in Mainz und der Umgebung wirklich sehr wohl.

SPOX: Trotzdem haben Sie sich für die Entscheidung Zeit gelassen.

Baumgartlinger: Ich wurde nach meiner Verletzung erst wieder zum Saisonende richtig fit, weshalb mein Fokus zu Beginn des Jahres noch nicht auf dem Vertrag lag. Außerdem bin ich mit 27 Jahren im besten Fußballeralter. Da musste ich mir zwangsläufig meine Gedanken machen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Es ging nicht darum, den ganzen Markt abzufragen oder auf das ganz große Geld zu warten, sondern in Ruhe den besten Schritt für meine Entwicklung zu wählen.

SPOX: Neben Ihnen haben auch Loris Karius und Yunus Malli ihre Verträge verlängert - zwei Spieler, die ebenfalls sehr umworben waren. Sind das Beweise dafür, dass Mainz nicht mehr nur ein Ausbildungsverein ist, sondern mittlerweile ein Klub mit überdurchschnittlichen Ambitionen?

Baumgartlinger: Das wird sich erst zeigen, wenn diese Vorgänge konstant passieren. Diese Unterschriften sind ein guter Start. Mit Fabian Frei kam zudem ein Schweizer Nationalspieler, der Champions League gespielt hat. Mit Yoshi Muto hat sich das größte Talent Japans ebenfalls für Mainz 05 entschieden. Unsere Grundidentität haben wir noch, aber das Bild des Karnevalsvereins hat sich geändert. Das hängt natürlich auch mit guter Arbeit außerhalb des Platzes zusammen: Eine gesunde Vereinsstruktur spielt eine ganz wichtige Rolle.

SPOX: Für Sie persönlich war Martin Schmidt aber auch ein wichtiger Baustein. Sie lobten sein klares Bekenntnis zum aggressiven Pressing-Stil. War das unter Kasper Hjulmand abhandengekommen?

Baumgartlinger: Kasper Hjulmand wollte anders mit uns Fußball spielen. Er hatte eine andere Philosophie, die per se auch viel Gutes hat. Seine Ideen passten jedoch einfach nicht zu den Stärken des Kaders - jedenfalls nicht in dieser Zusammenstellung. Es ist schwierig, eine völlig andere Spielidee in den Verein zu bringen, die weg geht vom aggressiven Gegenpressing mit schnellem Umschalten, hin zum sehr ballbesitzorientierten Fußball. Die Zeit hat man heute nicht mehr, er hatte sie auch nicht. Das tut mir leid für ihn, da er menschlich viel Positives mitgebracht hat.

Seite 1: Baumgartlinger über einen enttäuschten Bungert und Hjulmands Scheitern

Seite 2: Baumgartlinger über Tuchels Rücktritt und das gestorbene Underdog-Image

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