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Fussball

Der Reset-Knopf klemmt

Von Fatih Demireli
Arnesen und Fink sollen einkaufen - nur mit welchem Geld?
© Getty

Die Bilanz der vergangenen Bundesliga-Saison war für den Hamburger SV niederschmetternd: In der schlechtesten Spielzeit der Vereinsgeschichte wurde der Abstieg gerade noch abgewendet. Damit sich die Talfahrt nicht fortsetzt, soll der Umbruch, der in der Vorsaison gestartet wurde, fortgesetzt werden. Allerdings stößt der HSV dabei auf große Hürden. Eine Bestandsaufnahme.

"Der HSV in die Wildnis", hieß am Montag die verbreitete Schlagzeile. Gemeint war eigentlich das geplante Trainingslager des Hamburger SV in Schweden. Dort sollen sich die HSV-Spieler von der Außenwelt abgeschnitten in einer Art Dschungelcamp selbst verpflegen, zelten, wandern, paddeln und sich Mahlzeiten selbst zubereiten. Handys und andere technische Hilfsmittel sind dort nicht zu gebrauchen.

Hamburgs Trainer Thorsten Fink will durch die Survivor-Expedition das Teambuildung bei den Hanseaten forcieren: "Die Mannschaft soll enger zusammenrücken. Jeder soll sich nur auf sich selbst konzentrieren. Ohne das ganze Gedöns."

Ein neues Beuteschema

Der HSV in der Wildnis. Mit einem ausgeprägten Hang zur Übertreibung würde der Titel auch zur Planung der Hamburger für die kommende Spielzeit passen. Nach einer verhältnismäßig katastrophalen Saison 2011/2012, als man erst auf der Zielgeraden den erstmaligen Absturz in die Zweitklassigkeit verhindern konnte, soll nun auf den Reset-Knopf gedrückt und ein Neuanfang gestartet werden.

Letztlich soll es die Fortsetzung der in der vergangenen Saison in Gang gesetzten Umbauarbeiten werden, die Frank Arnesen nach seiner Amtsübernahme in Angriff nahm und dabei in erster Linie auf junge Spieler - zumeist mit Premier-League-Vergangenheit - setzte. Eine Basis wurde damit teils geschaffen.

Das aktuelle Beuteschema sieht anders aus: Sportlich brauchbar, talentiert, nicht zwingend jung, aber in erster Linie erschwinglich. Genau an dieser Stelle beginnt nämlich das Problem: Der HSV schreibt wieder einmal rote Zahlen, laut Medienberichten sogar in Höhe von sechs Millionen Euro, sodass der Klub einen drastischen Sparkurs hinlegen muss, um sich zu konsolidieren.

Große Altlasten

"Das sollte das letzte Jahr mit einem Verlust sein, wir wollen eine schwarze Null schreiben", sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow bei der Mitgliederversammlung. Der besagte Reset-Knopf klemmt, die Finanzen durchkreuzen die sportlichen Pläne. Erste Maßnahmen wurden aber längst getroffen.

Etwas kurios: Die Frauen-Mannschaft wurde aus der Bundesliga zurückgezogen. Der Klub spart sich so 750.000 Euro jährlich. Wie viele andere Abteilungen konnten sich die Frauen nicht selbst finanzieren: Den anderen Ressorts droht nun ein ähnliches Schicksal. Vor allem aber wurde erstmals der Etat für die Profi-Mannschaft gesenkt.

Es ist ein Vorgang, um perspektivisch den Etat im Verhältnis sogar zu erhöhen. Derzeit soll der Etat-Anteil am Gesamtumsatz bei 31 Prozent liegen. "Andere Bundesliga-Klubs können 40 bis 50 Prozent des Umsatzes in ihr Bundesliga-Team stecken", sagt Jarchow. Der HSV will mittelfristig zur Konkurrenz aufstoßen, kurzfristig muss er aber sparen.

Altlasten aus Stadionbau, teuren Spielerverträgen, falschen Transfers und misslungenen Kalkulationen drücken den Verein heute noch. Jetzt zieht Hamburg die Handbremse.

Spieler verkaufen, aber wen?

Jarchow glaubt zwar "nicht daran, dass es automatisch die Qualität der Bundesligamannschaft bestimmt", wenn der Etat gesenkt wird. Aber die Waffen, mit denen die sportlichen Verantwortlichen kämpfen müssen, haben an Kaliber verloren. "Wenn wir Geld einsparen und gleichzeitig unsere Mannschaft stärken möchten, bedeutet das für uns, dass wir kreativ sein müssen", gibt der HSV-Boss zu.

Um möglichst viele Mittel für neue Spieler zu kreieren, sollen vor allem erst einmal welche verkauft werden. Die große Frage lautet allerdings: Wen denn? Sechs Spieler haben den Klub verlassen - jeder von ihnen ablösefrei, weil entweder der Vertrag abgelaufen ist oder wie im Fall von Sören Bertram schlicht keine Ablöse drin war.

Spieler, die Hamburg gegen eine Ablöse verlassen dürften, gibt es zur Genüge. Jaroslav Drobny, Robert Tesche, Per Skjelbred, Marcus Berg, Paolo Guerrero, Gojko Kacar, Slobodan Rajkovic - die Namen möglicher Verkaufskandidaten sind fast immer dieselben, ernsthafte Interessenten gibt es allerdings keine.

Ein möglicher Millionen-Bringer wäre Gökhan Töre, an dem der türkische Meister Galatasaray Interesse hat. Aber Töre denkt nicht über einen Weggang nach und da der FC Chelsea Teile der Transferrechte an Töre hält, würde die Ablöse ohnehin nicht komplett beim HSV landen.

Im Grunde weiten sich die Möglichkeiten fast auf den gesamten Kader aus, wenn man Jarchow glaubt: "Es gibt keine Liste mit Spielern, die wir abgeben wollen. Am Ende des Tages ist keiner unverkäuflich. Davon im Fußball zu reden, wäre falsch."

Interesse an de Guzman

Fink übt schon leichten Druck auf den einen oder anderen Streichkandidaten aus, der keine Anstalten macht, sich einen neuen Verein zu suchen: "Ich erwarte von dem einen oder anderen, dass er wechselt. Die Spieler wissen, wie ihre Chancen bei uns stehen. Es bringt keinem etwas, wenn er zwei Jahre auf der Bank sitzt."

Fast 30 Spieler zählt der HSV-Kader aktuell, 24 sollen es am Ende sein - auch aus finanziellen Gründen. "20 bis 21 Feldspieler plus drei Torhüter. Das wäre ideal", sagt Sportchef Frank Arnesen. Hinzu gerechnet sind bereits die drei Neuzugänge Rene Adler, Artjoms Rudnevs und Maximilian Beister, der an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen war und nun fest eingeplant wird.

Doch damit sind die Planungen längst nicht abgeschlossen. Besetzt soll vor allem das Mittelfeldzentrum mit einem kreativen Spieler. Namen sind bisher viele gefallen, vermehrt der von Jonathan de Guzman, der mit dem FC Villarreal in Spanien abgestiegen ist, aber nicht nur in Hamburg auf dem Wunschzettel steht.

Der HSV sondiert den Markt, ist aber aus bekannten Gründen noch nicht fündig geworden. "Das meiste Geld, das wir haben, müssen wir für einen spielstarken Mann in die Hand nehmen. Wir wollen uns aber nicht einfach irgendwen greifen, sondern in Ruhe gucken, wen wir bekommen können", sagt Fink.

Selbst Youngster Calhanoglu zu teuer

Die große Gefahr ist, dass die angesprochene Ruhe oder Vorsicht auf dem Transfermarkt nicht zum gewünschten Erfolg führt. Liverpools Dirk Kuyt wurde wochenlang gehandelt, sowohl der HSV als auch der Niederländer liebkosten sich förmlich öffentlich, bis der niederländische EM-Teilnehmer dann doch bei Fenerbahce in der Türkei unterschrieb.

Granit Xhaka, geformt und gefördert von Fink beim FC Basel, wechselte auch lieber zu Borussia Mönchengladbach. Auch da konnte Hamburg finanziell nicht mithalten. "Wenn der Richtige auf dem Markt ist, können wir auch sofort zuschlagen", sagt Fink, aber das stimmt nur bedingt. Selbst Teenager Hakan Calhanoglu vom Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC ist für Hamburg zu teuer. Den 19 Jahre alten Mittelfeldspieler zieht es nun zu Werder Bremen.

Um einen wettbewerbsfähigeren HSV zu formen, will sich Fink mit Optionen aus den eigenen Reihen behelfen. Heiko Westermann wird in der neuen Saison vom Abwehrchef zum defensiven Mittelfeldspieler umfunktioniert. "Dort kann er uns Impulse geben. Er gewinnt Zweikämpfe, ist torgefährlich und kann gute diagonale Pässe spielen", sagt der HSV-Coach.

Die offene Planstelle in der Abwehr sollte eigentlich David Abraham besetzen. Der Basler weilte bereits in Hamburg, führte Gespräche, rückte aber dann irgendwann mit der Information heraus, dass er bereits im Januar einen Vorvertrag beim FC Getafe unterschrieben habe.

Die Spanier fordern eine hohe Ablöse, auch wenn Abraham auf einen Wechsel zum HSV drängt. Hamburg ist dagegen nicht bereit, eine Kaufsumme für einen Spieler zu bezahlen, der ablösefrei kalkuliert wurde. Schon gar nicht, wenn Wackelkandidaten wie Rajkovic nicht verkauft werden.

Ganz egal, wohin man sich beim HSV dreht, die finanziellen Engpässe stehen als große Hürde da. Zumal die Architektur des Kaders mit dem Transfer eines kreativen Mittelfeldspielers eigentlich noch nicht abgeschlossen wäre. Eine Struktur lässt sich - Stand heute - nur im Ansatz erkennen. Ein Hauch von Wildnis.

Der Kader des Hamburger SV

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