Cookie-Einstellungen
Fussball

"Morten Olsen muss jetzt zuschlagen"

Von Interview: Haruka Gruber
Zwei Skandinavier, zwei Kandidaten des HSV: Morten Olsen und Stale Solbakken (r.)
© Imago

Die dänische Revolution in Hamburg: Wie tickt der neue Sportchef Frank Arnesen? Ist Morten Olsen oder Stale Solbakken der richtige Trainer? Und warum nicht Michael Laudrup? Der ehemalige dänische Nationalspieler und HSV-Profi Stig Töfting hat einen klaren Favoriten.
 

Stig Töfting (41) spielte insgesamt 127 Mal in der Bundesliga und ist in Dänemark einer der bekanntesten Fußball-Experten. Töfting über den Ruf seines Landsmanns Arnesen und die Besonderheiten von Solbakken und seines ehemaligen Nationaltrainers Olsen.

SPOX: Neben Holger Stanislawski und Interims-Lösung Michael Oenning gelten mit Morten Olsen, Stale Solbakken und Michael Laudrup drei Trainer, die aus Dänemark stammen oder dort arbeiten, als aussichtsreichste Kandidaten auf die vakante Stelle des Hamburger Chefcoaches. Machen die drei Namen Sinn?

Stig Töfting: Olsen oder Solbakken beim HSV kann ich mir sehr gut vorstellen, Laudrup hingegen nicht. Er leistet in Mallorca angesichts der schlechten Rahmenbedingungen exzellente Arbeit und er wird wenn überhaupt wohl nur innerhalb Spaniens wechseln. Dieses Land ist seine wahre Heimat, außerdem passt die Primera Division viel besser zu seiner Philosophie als die Bundesliga. Ich glaube nicht, dass Laudrup Deutschland als Option ansieht.

SPOX: Dann bleibt die Frage: Dänemarks Nationaltrainer Olsen oder der Norweger Solbakken, der mit dem FC Kopenhagen die dänische Liga dominiert?

Töfting: Auf jeden Fall Morten Olsen, bei ihm habe ich keine Bedenken. Er kennt die deutsche Kultur, die deutsche Sprache und den deutschen Fußball. Er hält sich in der Bundesliga auf dem Laufenden und passt auch vom Charakter her gut nach Hamburg. Er ist ja quasi ein halber Deutscher. Und was den Fußball-Sachverstand anbelangt, hatte ich nie einen besseren Trainer als ihn. Er würde mit Frank Arnesen ein gutes Team bilden.

SPOX: Tatsächlich? Man könnte erwarten, dass Arnesen einen nicht ganz so dominanten Trainer bevorzugen würde, um sich klubintern erst einmal selbst zu profilieren.

Töfting: Mit einem starken Trainer wie etwa Felix Magath, der offenbar auch im Gespräch war, würde die Zusammenarbeit wohl nicht funktionieren. Morten ist auch bestimmend, aber Arnesen kennt ihn anders als Magath seit Jahrzehnten sehr genau und beide schätzen sich. Von daher dürfte es keine Probleme geben.

SPOX: Über Arnesen ist in Deutschland kaum etwas bekannt, außer dass ihm beim FC Chelsea von Jose Mourinho vorgeworfen wurde, im Hintergrund die Strippen zu ziehen und ein Machtmensch zu sein. Wer ist Arnesen?

Töfting: Eigentlich ist er genau das Gegenteil von dem, was Sie gerade andeuten. Er ist als Manager so, wie er als Spieler war: ruhig und bedacht. In Dänemark genießt er einen glänzenden Ruf und wir sind alle sehr stolz darauf, dass es einer von uns im Big Business geschafft hat. Welcher Däne hat schon einmal für Eindhoven, Tottenham, Chelsea und bald Hamburg gearbeitet?

SPOX: Seine Bilanz bei Chelsea erst als Nachwuchschef und später als Sportdirektor ist jedoch durchwachsen.

Töfting: Als Außenstehender ist es sehr schwierig, ein Urteil zu bilden, weil bei Chelsea die Kompetenzen offenbar nicht genau abgesteckt waren und vieles im Hintergrund ablief. Aber ich bin überzeugt, dass er ein sehr guter Mann ist, wenn er wie beim HSV angedacht der Hauptverantwortliche für Transfers und die generelle sportliche Ausrichtung ist.

SPOX: Arnesen soll mit Solbakken gut befreundet sein, weswegen Letzterem gute Chancen eingeräumt werden. Was halten Sie vom Norweger, der seit viereinhalb Jahren den dänischen Serienmeister FC Kopenhagen trainiert?

Töfting: Er ist ein Top-Trainer, aber vielleicht ist der HSV eine Nummer zu groß. Die Qualität hat er zweifelsohne, aber ob es ratsam ist, als erste Station in einer großen Liga einen Klub mit soviel Unruhe auszusuchen, ohne die Sprache des Landes zu sprechen? Morten Olsen hingegen kann sofort durchstarten und etwas bewegen.

SPOX: Welchen Fußball lassen Solbakken und Olsen spielen?

Töfting: Sie ähneln sich. Beide bevorzugen eine dominante Spielweise, aber beide sind es gewohnt, sehr flexibel zu sein und die Taktik nach den Stärken der Mannschaft auszurichten. Vielmehr bleibt ihnen auch nicht übrig, angesichts des im internationalen Vergleich begrenzten Etats des FC Kopenhagen und der begrenzen Auswahl an hochklassigen Spielern für die Nationalmannschaft.

Weckruf für schlafende Riesen: Wer ist Frank Arnesen?

SPOX: Solbakkens Vertrag mit Kopenhagen läuft im Sommer aus und er hat mit dem norwegischen Verband bereits eine Vereinbarung, 2012 die Nationalmannschaft zu übernehmen. Offenbar kann er jedoch aussteigen, sollte er von einem großen Klub ein Angebot erhalten.

Töfting: Da hat er sehr clever verhandelt. Sein Name wird spätestens nach dem sensationellen Einzug ins Champions-League-Achtelfinale heiß gehandelt. Ich nehme an, dass sich noch weitere Vereine aus den Top-Ligen mit ihm beschäftigen. In Dänemark hat er sich auf jeden Fall schon unsterblich gemacht.

SPOX: Was für ein Charakter ist Solbakken? War seine lautstarke Auseinandersetzung mit Barcas Pep Guardiola bezeichnend?

Töfting: Eigentlich nicht, privat ist er eher zurückhaltend. Auf dem Fußball-Platz ist er unglaublich emotional und lässt sich nichts sagen, auch nicht von einem Guardiola. Er trägt sein Herz auf der Zunge trifft auch zu seinen Spielern sehr deutlich auf. Dabei bleibt er jedoch immer fair. Er kritisiert sogar seine Leistungsträger wie Jesper Grönkjaer in der Öffentlichkeit, aber immer nur, nachdem er die Spieler genau das zuvor im vertraulichen Gespräch gesagt hat. Ich habe noch nie gehört, dass sich jemand beschwert hätte über Solbakkens Art.

SPOX: Solbakken sollte mit seiner einnehmenden Art auch bei der Hamburger Presse gut ankommen. Was wäre von Olsen zu erwarten?

Töfting: Morten wird zu Journalisten schon mal ungeduldig, obwohl man sich das eigentlich nicht mehr leisten kann. Aber im dem Punkt hat er sich deutlich gebessert.

SPOX: Sehen Sie ein generelles Umdenken beim Hardliner Olsen?

Töftig: Er ist noch immer ein Hardliner, aber auch er wurde über die Jahre etwas milder und relaxter. Davon profitiert er. Früher hat er 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche nur an Fußball gedacht. Fußball, Fußball, Fußball, was anderes gab es nicht. Er hat sich andauernd Gedanken gemacht, die Mannschaft angetrieben und die Spieler so platt gemacht. In der Nationalmannschaft ging es häufig gut, weil die Zusammenarbeit zeitlich begrenzt war. Bei seinen Klubstationen zuvor in Köln und Amsterdam ist er jedoch an dieser Verbissenheit und fehlenden Kompromissbereitschaft gescheitert.

SPOX: War er wirklich so tough?

Töftig: Ich weiß noch, wie Morten früher bei der Nationalmannschaft jeden zusammengefaltet hat, wenn er mit dem Training unzufrieden war. Michael Laudrup war früher sein Co-Trainer und wenn die Mannschaft in zwei Zehner-Gruppen aufgeteilt wurde, wollte sich jeder aus Olsens in Laudrups Gruppe schleichen. Bei Laudrup hatte man immer etwas Ruhe und konnte auch mal mit Hacke und Spitze spielen, bei Morten hingegen musste man bei jeder Einheit hundert Prozent geben. Mittlerweile ist er aber ruhiger geworden, ohne den Ordnungssinn zu verlieren. Das dürfte gut zur Bundesliga passen.

SPOX: Olsen Vertrag als dänischer Nationaltrainer läuft bis 2012. Ein Problem?

Töfting: Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn Dänemark am Samstag in Norwegen das EM-Qualifikationsspiel verlieren sollte, sind die Chancen auf eine Teilnahme extrem gering. In dem Fall glaube ich, dass Morten schon in diesem Sommer eine neue Herausforderung sucht.

SPOX: Wäre ein Misserfolg wie die verpasste EM-Qualifikation zum Einstand bei einem neuen Klub nicht fatal?

Töftig: So tragisch ist das Verpassen eines Großturniers doch gar nicht. Dänemark hat rund fünf Millionen Einwohner, entsprechend ist jede Teilnahme an einer EM oder WM ein Wunder. Zurzeit haben wir eben keine Spieler wie früher die Laudrups und müssen akzeptieren, dass solche Phasen für eine kleine Nation normal sind.

SPOX: Will Olsen in den Klub-Fußball wechseln, um endlich angemessen bezahlt zu werden? Der dänische Verband gilt als knauserig.

Töfting: Wenn es nach dem Geld gehen würde, hätte er schon längst wechseln müssen, es gab Angebote. Ich glaube, es hängt eher mit dem Alter zusammen. Er wirkt zwar viel jünger, aber im August wird er 62 Jahre alt. Viele Gelegenheiten werden sich nicht mehr ergeben. Wenn er es noch einmal bei einem großen Verein versuchen will, muss er jetzt zuschlagen.

Zweimal Hamburg - Publikumsliebling Stig Töfting im Steckbrief

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung