Fussball

"Klassenerhalt das Ende der Fahnenstange"

Von Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann
Michael Frontzeck schaffte in der Vorsaison mit der Arminia den Klassenerhalt
© Getty

Michael Frontzeck ist seit dem 15. Dezember 2007 Trainer von Arminia Bielefeld. Viele Experten sahen ihn nur als Übergangslösung - und die Arminen vor der Saison als Abstiegskandidat. Nun trumpften Artur Wichniarek und Co. zum Rückrundenauftakt gegen Werder Bremen aber groß auf und die Arminia entfernt sich immer mehr vom Tabellenende.

exklusiv Im SPOX-Interview spricht Frontzeck über die vermeintliche Bielefeld-Verschwörung, die Unterstützung der Fans und über das Umfeld auf der Alm.

SPOX: Kennen Sie die Bielefeld-Verschwörung?

Michael Frontzeck: Nein. Ist das eine Satire gegen die Stadt?

SPOX: Ja. Laut einem Eintrag bei Wikipedia gibt es Bielefeld gar nicht.

Frontzeck: (lacht) Jaja, wir werden von den sogenannten Experten ja auch vor jeder Saison stets aufs Neue in die Zweite Liga verabschiedet.

SPOX: Wie entstehen solche Behauptungen?

Frontzeck: Die Stadt und auch wir als Bundesligaverein stehen nicht so sehr im öffentlichen Fokus wie andere Vereine.

SPOX: Sehen Sie das als Herausforderung oder sind Sie über solche Aussagen verärgert?

Frontzeck: Der Klassenerhalt ist für uns sicherlich immer wieder eine neue Herausforderung. Ich habe mir die Etats der Bundesligisten angeschaut. Da stehen wir zusammen mit Energie Cottbus mit 15 Millionen am Ende der Liga. Dann kommen Bochum und Karlsruhe mit 17 Millionen. Die sind noch in Reichweite. Aber alle anderen haben 25 Millionen oder mehr zur Verfügung. Wir gehen den Weg der kleinen Schritte und versuchen so, Stück für Stück stabiler zu werden.

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SPOX: Welche Rolle spielen dabei die Fans?

Frontzeck: Nach dem Duisburgspiel in der Rückrunde der letzten Saison, als die Volksseele ein bisschen hochgekocht war, ging ein Ruck durch alle. Zum Glück, denn sonst hätten wir den Klassenerhalt womöglich nicht geschafft. Wir hatten zum Schluss der Saison wieder so eine Atmosphäre im Stadion, dass es für die Gegner unangenehm war, nach Bielefeld zu kommen. Das ist elementar wichtig für uns.

SPOX: Es gibt doch durchaus namhafte Unternehmen in Bielefeld und Umgebung. Warum investieren die nicht in den Verein?

Frontzeck: Man kann niemanden zwingen bei uns einzusteigen. Die Stadt ist schön und mit dem Teutoburger Wald in unmittelbarer Nähe lässt es sich hier gut leben. Trotzdem werden wir scheinbar noch nicht so stark wahrgenommen. Auch unser Stadion wird ja gerne unter den Teppich gekehrt.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Frontzeck: Wir haben hier in Bielefeld mit der ehemaligen Alm, heute Schüco-Arena, ein wunderschönes Stadion mit viel Tradition. Wo findet man es denn heutzutage noch, dass ein Stadion nach englischem Vorbild mitten in der Stadt steht? Das macht Bielefeld zu etwas Besonderem.

SPOX: Immerhin wurde es jetzt modernisiert.

Frontzeck: Es hat eine neue Tribünenseite bekommen. Der Klub brauchte das, um konkurrenzfähig zu bleiben. Nur wenn der Verein das wie in unserem Fall ohne die Stadt oder das Land stemmen muss, nagt das natürlich am Etat.

SPOX: Es sei denn, es kommt ein Dietmar Hopp.

Frontzeck: Es darf nicht unser Weg sein, davon zu träumen, dass irgendwann einer um die Ecke kommt und sagt, kommt hier habt ihr Geld. Wir sind Realisten und müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben. Dann ist der Klassenerhalt eben das Ende der Fahnenstange. Wer ernsthaft glaubt, dass wir mit unserem Etat andere Ziele verfolgen, der träumt wirklich. Wir müssen immer kämpfen und mehr als hundert Prozent geben. Aber das ist nichts Neues.

SPOX: Ihre Mannschaft hat den Kampf in Bremen angenommen und die ein Jahr dauernde Auswärtsmisere ohne Sieg gestoppt.

Frontzeck: Alles spricht davon, dass wir Werder geschlagen haben. Von dieser Art von Auswärtsspielen haben wir in dieser Saison schon fünf oder sechs gemacht. In Berlin und auf Schalke hatten wir sicher ein bisschen Glück, aber in Frankfurt, Stuttgart und Hannover hätten wir durchaus gewinnen können. Deswegen war der Sieg in Bremen für mich auch nicht überraschend. Wichtig ist, dass die Mannschaft sieht, wir sind auf dem richtigen Weg und werden endlich belohnt.

SPOX: Mussten Sie nach dem Erfolg auf die Bremse treten?

Frontzeck: Die Freude war groß und das ist gut so. Natürlich habe ich die Kommentare der Spieler nach der Partie genau verfolgt. Sie waren sachlich. Es hat niemand gesagt, dass wir auch die Berliner weghauen. Damit könnte ich auch wenig anfangen.

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SPOX: Ob die Fans das auch so sehen?

Frontzeck: Sie sind sicher froh, dass sie dieses Mal nicht umsonst mit dem Zug oder dem Auto durch Deutschland gereist sind und erst einmal sehr erleichtert. Aber sie wissen natürlich auch, dass Berlin nicht umsonst auf Platz zwei steht.

SPOX: Die Hertha steht also zurecht so weit oben?

Frontzeck: Selbstverständlich, sie haben schließlich niemanden beklaut. Keine Mannschaft steht ohne Grund nach 19 Spieltagen oben. Mich freut es sehr für Lucien Favre. Er leistet in einem Umfeld, das nicht immer einfach ist, eine tolle Arbeit. Aber ich muss ehrlich sagen: Im Endeffekt interessiert mich meine eigene Mannschaft mehr.

SPOX: In der scheint Winterneuzugang Vlad Munteanu schon ganz gut integriert zu sein.

Frontzeck: Er hatte überhaupt keine Probleme damit, in die Mannschaft zu kommen, und ist direkt akzeptiert worden. Zudem ist er ein aufgeschlossener Typ und sehr lernfähig. Allerdings hatte er im November eine Knie-OP und davor fast ein halbes Jahr nicht gespielt. Er braucht noch ein bisschen Zeit, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Es wäre auch falsch, den Fokus nur auf Vlad zu legen. Hinter der ersten Elf sind noch ein paar Leute, die ich gerne auf dem Platz habe.

SPOX: Wen?

Frontzeck: Nico Herzig, Daniel Halfar, Robert Tesche, Jonas Kamper, der sich gut entwickelt und an seinen Schwächen immens gearbeitet hat, aber auch ein Berat Sadik ist nach seiner Verletzung wieder näher an der Mannschaft dran. Wir haben momentan ein gutes Niveau.

SPOX: Dann kann Wikipedia die Verschwörungsseite ja bald schließen.

Frontzeck: Wenn wir in dieser Saison wieder drin bleiben, sollten sie das tun. Dann weiß sicherlich jeder, wo Bielefeld liegt (lacht).

Bielefeld-Hertha: Daten & Fakten

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