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Fussball

Benjamin Köhler im Interview über den Kampf gegen den Krebs: "Ich rief jeden Tag im Krankenhaus an und nervte die Leute"

Benjamin Köhler bei der Arbeit in seinem Eiscafe.

Benjamin Köhler kickte neun Jahre lang für Eintracht Frankfurt und war ein gestandener Fußballprofi, als ihn 2015 als Spieler von Union Berlin im Alter von 34 Jahren aus dem Nichts die Diagnose Krebs ereilte. 13 Monate später stand Köhler für die Eisernen wieder auf dem Feld - und beendete ein Jahr später seine Karriere.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Köhler ausführlich über den Weg bis zur Krebs-Diagnose, seinen Umgang mit der Krankheit, den Ablauf der Chemotherapie und den entscheidenden Anruf zu seiner Genesung.

Der heute 40-Jährige erzählt auch davon, wie er Inhaber eines Berliner Eiscafes wurde und weshalb er dieses wieder schließen musste.

Herr Köhler, nach Ihrem Karriereende betrieben Sie von Ende Oktober 2018 bis September 2020 zusammen mit Ihrer Frau das Eiscafe "La Luna" in der East Side Mall nahe der Mercedes-Benz-Arena in Berlin. Die naheliegendste Frage daher gleich zu Beginn: Was sind Ihre Lieblingssorten?

Benjamin Köhler: Dark Chocolate und Cookies. Zur Weihnachtszeit kam noch Zimt hinzu.

Nachdem Sie zunächst wieder öffnen durften, mussten Sie das Eiscafe wegen der Corona-Krise endgültig schließen.

Köhler: Corona hat uns den Todesstoß gegeben. Zuvor lief es okay, doch es hat letztlich nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Es begann schon nicht ideal, da der Haupteingang der East Side Mall ein Jahr lang geschlossen war. Als Corona kam, hatten wir keine Chance mehr. Das kannst du nicht überleben. Ich wollte auch nicht mit Biegen und Brechen darum kämpfen mit all diesen Anträgen und Staatshilfen, nur um mich dann gerade so über Wasser zu halten. Das wäre viel Arbeit ohne großen Ertrag gewesen. So geht es leider vielen. Ich habe keine Ahnung, wie das einige andere trotzdem offenbar irgendwie hinkriegen.

Sie sollen zunächst auch an eine Shisha-Bar gedacht haben.

Köhler: Während meiner aktiven Karriere war es mein Traum, zusammen mit einem Kumpel eine Shisha-Bar zu eröffnen. Der hat mittlerweile auch zwei. Mir hätte das auch jetzt gewiss viel Spaß gemacht, aber das spielt sich eben zumeist im Nachtleben ab und ist mit einer Familie und drei Kindern kaum vereinbar.

Wenn Ihnen nach dem Karriereende jemand gesagt hätte, dass Sie einmal hinter der Theke eines Eiscafes stehen würden, was hätten Sie entgegnet?

Köhler: Niemals! (lacht) Die Sache kam über meinen Berater und einen Freund zustande, dem eine große Eiscafe-Kette gehört. Wir haben über ein Jahr lang viele Gespräche geführt. Mir wurde das Konzept vorgestellt und ich habe lange überlegt. Ein Eiscafe war ja nicht mein Traum, sondern es ging mir um ein zweites Standbein. Also habe ich es gewagt und bin ins kalte Wasser gesprungen, denn ich musste mich ja in viele Themen hineinfuchsen. Die Gastronomie ist immer schwierig, aber ich habe es dann als minimales Risiko gesehen. Jetzt habe ich leider ein bisschen Geld in den Sand gesetzt.

Wie sah Ihre Arbeitswoche denn konkret aus?

Köhler: Ich war meist viermal im Wechsel mit meiner Frau vor Ort. Sie hat daran auch Spaß gehabt, einer von uns beiden war also immer da. Man musste gewissermaßen ständig präsent sein. Ich stand hinter der Bar, habe das Eis angerichtet oder den Kaffee gemacht, aber hauptsächlich koordiniert. Gerade zu Beginn war es hart und anstrengend, da war ich regelmäßig bis 22, 23 Uhr im Laden.

Wie sind Sie mit Dingen wie der Buchhaltung klargekommen?

Köhler: Das war alles totales Neuland für mich. Ich wurde zwar vorab eingelernt, aber ich bekam so viele Informationen, da hat der Kopf in den ersten Wochen richtig geraucht. Ich habe jeden Tag das Kassenbuch geführt, Rechnungen bezahlt, Lieferungen aufgegeben. Als die Sache dann allmählich lief, erledigte ich das meistens abends von zu Hause aus.

Wie reflektieren Sie heute einen solchen Arbeitstag im Eiscafe, wenn Sie an Ihre Zeit als Profi zurückdenken, in der Ihnen vieles abgenommen wurde?

Köhler: Als Profi wird einem nicht vieles, sondern alles abgenommen! Dass das Leben als Fußballer purer Luxus ist, war mir schon immer klar und das habe ich durch meine Krankheit auch noch einmal deutlich vor Augen geführt bekommen. Kein Fußballer sollte sich je beschweren. Man hat zwar gewisse Einschränkungen, aber führt ein gesundes, sehr gutes Leben mit viel Freizeit. Allerdings sollten die Vereine noch mehr dabei helfen, ihre Spieler für das Karriereende zu sensibilisieren und sie darauf vorzubereiten. Man häuft ein bestimmtes finanzielles Polster an, wenn man es nicht allzu sehr übertrieben hat. Ganz normale Spieler wie auch ich es war können aber nicht ihr gesamtes restliches Leben vom Ersparten bestreiten. Man will ja auch einen gewissen Standard halten. Zu viele Profis machen sich zu wenig Gedanken, was nach der Karriere kommt.

Sie selbst sind weiter am Ball geblieben. Zunächst kickten Sie zusammen mit ehemaligen Profis wie Karim Benyamina, Chinedu Ede, Michael Delura, Daniel Ziebig oder Maik Franz in der Ü32 der Spandauer Kickers.

Köhler: Und heute spielen wir fast alle in der Ü32 von Hertha BSC. Bei Spandau haben wir alle Pokale geholt und sind auch Meister geworden. Die Hertha wollte in diesem Bereich dann auch erfolgreich sein. Wir haben Gespräche geführt und dann sind wir dorthin gewechselt. Auch Dennis Aogo ist nun mit dabei. Pal Dardai spielt in der Ü40, für die ich auch auflaufen kann. Wegen Corona gab es bislang aber nur drei Spiele, die Saison wurde abgesagt.

Wie regelmäßig wird trainiert?

Köhler: Einmal die Woche, aber es gibt keine Anwesenheitspflicht. Wenn nicht genügend Leute auf die Ankündigung in unserer Chatgruppe reagieren, dann fällt's halt aus. Mir macht es viel Spaß, denn es ist kein Tempo drin. (lacht) An den Wochenenden sind die Spiele, bisher haben wir immer sehr deutlich gewonnen. Am Saisonende steht dann die deutsche Meisterschaft mit Mannschaften aus allen Staffeln in Deutschland an. Das ist ein Turnier über zwei Tage. Man spielt auch gegen ziemlich gute Dorfmannschaften. Das hat mehr Niveau als die Berlin-Liga. Wir hatten mit Spandau damals neun Spiele bis zum Titel, die jeweils 30 Minuten dauern. Da gingen einem nach und nach die Männer wegen Muskelverletzungen aus.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie heute so durchs Leben gehen und Fußball spielen können. Im Februar 2015 wurde bei Ihnen als Spieler von Union Berlin ein bösartiger Tumor des Lymphsystems im Bauch diagnostiziert. Sie waren damals mit Union im Trainingslager in Spanien. Wie fing das alles an?

Köhler: Als wir noch in Berlin waren, hatte ich nur sehr leichte Bauchschmerzen und dachte, ich hätte etwas Falsches gegessen. Im Trainingslager ging es dann so richtig los. Tagsüber ging es, aber am Abend, nachdem der Körper zur Ruhe kam, hatte ich richtig starke Bauchschmerzen. Ich konnte nicht mehr schlafen und war immer mehrere Stunden wach. Ich versuchte es erst einmal mit Schmerztabletten.

Wann dämmerte Ihnen, dass Sie wohl doch nicht nur etwas Falsches aßen?

Köhler: Erst relativ spät. Natürlich grübelte ich weiter, was das denn sein könnte. Ich habe mir aber natürlich nie Gedanken darüber gemacht, dass es etwas Schlimmes ist. Als es nach vier, fünf Tagen nicht besser wurde, nahm man mich aus dem Training. Es hieß, man wolle jetzt bis zu unserer Rückkehr nach Deutschland abwarten, um dort dann die dem Verein vertrauten Ärzten zu konsultieren.

Wie ging es dann weiter?

Köhler: Es wurde zunächst ein Ultraschall gemacht und festgestellt, dass meine Lymphdrüsen im Bauchbereich zu groß waren. Das könne aber mehrere Ursachen haben, sagte man mir. Anschließend hatte ich ein paar Termine in der Charite. Nach einer Computertomographie kam heraus, dass auch die Lymphdrüsen im Brustbereich zu groß sind. Es sollten noch weitere Untersuchungen gemacht und eine Gewebeprobe aus der Brust entnommen werden. Das war der Moment, an dem ich erstmals schlucken musste.

Inwiefern?

Köhler: Für die Gewebeprobe musste ich in eine Abteilung, in der auch viele Krebspatienten waren. Ich dachte: Was mache ich hier zwischen all den Krebspatienten? Meine Frau sagte: Vielleicht stehen hier halt einfach die richtigen Geräte für die Gewebeprobe. Anschließend musste ich wieder auf die Ergebnisse warten. Zwischendurch habe ich ganz normal trainiert. Die Bauchschmerzen waren zu diesem Zeitpunkt auch etwas gelindert und nicht mehr so schlimm, weil ich schon vorab Schmerztabellen einnahm.

Schließlich folgte die finale Diagnose. Wo haben Sie davon erfahren?

Köhler: Auf dem Trainingsgelände von Union. Unser Mannschaftsarzt kam in der Kabine auf mich zu und meinte, die Ergebnisse seien da. 'Okay, und was ist jetzt Sache?', fragte ich. 'Lass uns mal ins Büro gehen', antwortete er. 'Jetzt sag's mir doch einfach', erwiderte ich, aber er hat darauf bestanden. Wir sind also rüber in die Geschäftsstelle, wo schon Trainer- und Funktionsteam saßen. Da wurde mir klar: Scheiße, das ist etwas Ernstes! Und dann haben sie mir gesagt, dass ich Krebs im dritten von vier Stadien habe und sofort eine Chemotherapie machen muss.

Benjamin Köhler: Die Stationen seiner Karriere im Überblick

ZeitVereinPflichtspieleToreVorlagen
2000-2003Hertha BSC1--
2001-2002MSV Duisburg (Leihe)231-
2003-2004Rot-Weiss Essen3413-
2004-2013Eintracht Frankfurt2573335
20131. FC Kaiserslautern812
2013-20171. FC Union Berlin51610
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