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Fussball

Julian Koch im Interview: "Ich wartete wie ein Süchtiger, dass die Schmerzpumpe wieder funktionierte"

Julian Koch feiert am 11. November 2020 seinen 30. Geburtstag.

Julian Koch gehörte vor rund zehn Jahren zu den vielversprechendsten Talenten im deutschen Fußball. Während einer Leihe vom BVB zum MSV Duisburg verletzte sich der Defensivallrounder jedoch schwer - beinahe hätte sein Unterschenkel amputiert werden müssen. Doch Koch gelang das wundersame Comeback, ehe er im vergangenen Jahr mit 29 seine Karriere beenden musste.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Koch über die Gründe für das vorzeitige Aus als Spieler und seinen Einstieg als Co-Trainer der U17 beim VfL Bochum.

Zudem öffnet sich Koch erstmals seit über fünf Jahren ausführlich zu seiner schwerwiegenden Verletzung aus dem Jahr 2011, als an einem kalten Freitagabend in Oberhausen sein komplettes Knie zerstört wurde.

Herr Koch, mittlerweile sind Sie Co-Trainer der U17 des VfL Bochum und spielen nebenbei noch in der Kreisliga B2 bei Ihrem Heimatverein VfL Hörde. Stimmt es denn, dass Sie vergangenen Sommer innerhalb von einem Tag entschieden, nach dutzenden Verletzungen Ihre Spielerkarriere zu beenden?

Julian Koch: Ja und nein. Die Entscheidung für Bochum traf ich wirklich innerhalb eines Tages, aber das Thema Karriereende war eher ein schleichender Prozess, der gegen Ende meiner Zeit bei Ferencvaros Budapest begann. Das Angebot des VfL kam daher im genau richtigen Moment.

Wie überrascht waren Sie, als Ihr alter Schulfreund David Siebers anrief und Ihnen den Posten an seiner Seite anbot?

Koch: Extrem und auch ein bisschen geschockt, aber vor Freude. Er wusste, dass ich Trainer werden möchte, wenn bei mir der Tag X eintritt. Also hat er einfach mal nachgefragt. Ich komme aus Dortmund, Bochum ist direkt um die Ecke und ein geiler Traditionsverein, ich kann in der U17-Bundesliga anfangen - den Einstieg hätte ich mir nicht besser malen können.

Dieses abrupte Ende klingt paradox, wenn man bedenkt, dass nach Ihrer schweren Knieverletzung 2011 beinahe Ihr Unterschenkel amputiert werden musste und Sie anschließend vehement um die Fortsetzung Ihrer Karriere kämpften. Was wäre denn Ihr Plan gewesen, hätte Siebers nicht angerufen?

Koch: Ganz ehrlich: Ich habe absolut keine Ahnung. (lacht) Der Anruf kam einfach zum bestmöglichen Zeitpunkt. Es war, als hätte David meine Gedanken gelesen.

Wie ergeht es Ihnen als Trainer?

Koch: Ich habe es mir leichter vorgestellt und muss noch sehr viel lernen, da es ungeachtet meiner Profikarriere etwas komplett anderes ist, auf einmal an der Seitenlinie zu stehen. Da steckt so viel Planung dahinter, das hat man als Spieler ja kaum einmal hinterfragt. Allein das Thema Menschenführung ist ein ganz neuer Bereich für mich.

Welcher Coach hat Sie denn am meisten geprägt?

Koch: Der beste Trainer meiner Karriere war Thomas Tuchel. Was er fachlich ausgestrahlt und uns beigebracht hat, wie er jeden Tag die Freude und Leidenschaft bei uns entfacht hat, war einzigartig. Bei ihm hatte ich täglich riesige Lust, ins Training zu kommen, weil man wusste, man lernt etwas Neues.

Begonnen hatte Ihre Karriere quasi 2001, als Sie am "Tag der Talente" trotz eines erzielten Eigentors vom BVB entdeckt wurden und anschließend in die Dortmunder Jugendabteilung wechselten. Erst 2013 kehrten Sie der Borussia nach zwei Bundesligaspielen für die Profis endgültig den Rücken. Wie erinnern Sie sich an die Zeit unter Jürgen Klopp, als Sie 2009 dem Profikader so nah wie nie waren?

Koch: Ich weiß noch, wie ich es beim ersten Training unfassbar spektakulär fand, in der Kabine neben den ganzen Stars zu sitzen, die ich als junger Kerl und Balljunge im Stadion angefeuert habe. Gerade mit meinem großen Idol Dede. Das kam dem wahr gewordenen Traum schon recht nahe. Ich war beim Profitraining dabei, habe aber meist bei den Amateuren gespielt. Es ging darum, zu lernen und in den Einheiten oder bei Klopps Ansprachen so viel wie nur möglich aufzusaugen. Ein bisschen problematisch war, zwischen den beiden Mannschaften gependelt und nirgends so richtig hingehört zu haben. Das war zusammen mit der benötigten Spielpraxis auch der Grund, weshalb ich mit Klopp entschied, mich nach Duisburg ausleihen zu lassen.

Julian Koch über das Spiel gegen Real und Cristiano Ronaldo

Zuvor hatten Sie im August 2009 Ihren ersten großen Auftritt. In einem Testspiel gegen Real Madrid, das zwar 0:5 verloren ging, spielten Sie von Beginn an und hielten Cristiano Ronaldo in Schach. Wie erinnern Sie sich?

Koch: Als sei es gestern gewesen. (lacht) Wir hatten vormittags noch trainiert. Dort hat mir Klopp eröffnet, dass ich von Beginn an spielen werde. Ich konnte nicht glauben, dass mein erstes Spiel im Westfalenstadion gegen das große Real Madrid sein würde. Vor dem Spiel war ich eigentlich schon komplett erschöpft, weil ich die ganze Zeit herumtelefoniert und wirklich jedes Familienmitglied und jeden Kumpel angerufen habe, um die Nachricht zu verkünden.

Ihre Kräfte haben trotzdem noch gereicht, ein "sehr ordentliches" Spiel zu machen, wie Klopp urteilte.

Koch: Ich stand dermaßen unter Adrenalin. Als ich aus den Katakomben aufs Spielfeld ging, war ich vollkommen im Tunnel. Ich habe die Zuschauer nicht wirklich gesehen, sondern nur ihr Getöse wahrgenommen. Ich war total gepusht und stand mit Gänsehaut auf dem Platz. In der ersten Minute gewann ich gleich ein Kopfballduell gegen Ronaldo, das die Zuschauer brutal bejubelt haben. Von da an lief alles wie von alleine. Es war ein unglaublich krasses Gefühl.

Und anschließend waren Sie wieder mit Telefonieren beschäftigt?

Koch: So in etwa. Die Glückwünsche rissen kaum ab. Ich merkte dann auch, dass ich von gefühlt fast ganz Fußball-Dortmund anders gesehen wurde. Zuvor kannte mich ja kein Mensch. Plötzlich hieß es manchmal: Der Koch da rechts hinten, auf den können wir uns vielleicht in den nächsten Jahren verlassen.

Es dauerte aber noch rund sieben Monate, bis Sie Ihr Bundesliga-Debüt feierten. Eine Woche später folgte der zweite und letzte Einsatz für die Borussia. Hatten Sie sich nach der Leistung gegen Real mehr erhofft?

Koch: Lügen will ich ja nicht: natürlich. Ich war jung, hatte eine gute Leistung abgeliefert - selbstverständlich wollte ich mehr. Dass daraus nichts wurde, muss man als junger Spieler aber einfach hinnehmen. Auch wenn es gerade in dem Alter recht schwerfällt, geduldig zu bleiben. Ich war ja aber kein Mario Götze, der mit 18 konstant auf Champions-League-Niveau gekickt hat.

Zu dieser Zeit wettete Ihr Vater mit einem Freund um eine Kiste Bier, dass Sie 2014 für Deutschland bei der WM spielen würde.

Koch: Er schloss die Wette mit unserem damaligen Nachbarn Uwe ab. Mein Vater war nach dem Real-Spiel natürlich stolz wie Oskar. Er ist ewiger Dortmund-Fan und hat bis heute seine Dauerkarte. Natürlich ist er auch traurig, dass es nicht so kam, weil er weiterhin fest davon überzeugt ist, dass ich ohne die Verletzungen diesen Weg gegangen wäre. Deshalb hat er die Kiste auch nie abgedrückt - und Uwe fand das in Ordnung.

Koch: Warum ich eigentlich nie über meine Verletzung rede

Bevor Sie zur nächsten Saison in die 2. Liga zum MSV verliehen wurden, verlängerten Sie Ihren Vertrag beim BVB bis 2012. In Meiderich wurden Sie auf Anhieb zum Vize-Kapitän ernannt und vom kicker zur Winterpause als bester defensiver Mittelfeldspieler der Liga eingestuft. Alles lief also nach Plan, oder?

Koch: Ja. Das war auch das schönste und beste Jahr meiner Karriere. Wir hatten ein tolles Mannschaftsgefüge, ich kam mit Trainer Milan Sasic super klar und wir waren mit dem Einzug ins Pokalfinale richtig erfolgreich. Ich habe mich erst kürzlich wieder so an diese Zeit zurückerinnert gefühlt, als ich mit einem Kumpel den Sport-Film "Gegen jede Regel" mit Denzel Washington angeschaut habe. Auch dort verletzt sich ein wichtiger Spieler kurz vor dem Saisonfinale und muss seine Mannschaft am Fernsehen verfolgen. Da habe ich ein paar Tränchen verdrückt, weil es mir ja exakt genauso ging.

Damit wären wir beim 25. Februar 2011, einem kalten Freitagabend in Oberhausen. Beim Spiel gegen RWO zerstörten Sie sich nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Dimitrios Pappas in Minute 13 Ihr Kreuzband, das Außenband und den Meniskus. Waren Sie seitdem eigentlich mal wieder im Stadion Niederrhein?

Koch: Ja, wir hatten dort später mit Fortuna Düsseldorf mal ein Testspiel.

Und?

Koch: Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Die Kabine war immer noch dieselbe, so dass es natürlich ein Leichtes war, sich zu erinnern, wie ich dort in der Dusche lag und behandelt wurde, bis der Krankenwagen kam. Es war alles sehr emotional für mich, weil sich dort mein Leben letztlich enorm verändert hat.

Hatten Sie seitdem noch einmal Kontakt zu Dimitrios Pappas?

Koch: Bis jetzt überhaupt nicht, aber ich bin deshalb nicht sauer auf ihn. Es war eine Szene, die tausendfach im Fußball vorkommt. Letztlich entschied eine Millisekunde darüber, wer von uns beiden eher an den Ball kommt. Leider war ich es nicht.

Wie schwer fällt es Ihnen heute noch, darüber zu sprechen?

Koch: Ich mache hier gerne eine Ausnahme und Sie können mir dazu jede Frage stellen. Ich muss aber sagen, dass ich eigentlich so gut wie nie darüber rede, weil vieles wieder hochkommt und es sehr aufreibend für mich ist. Es ist dann, als würde ich es noch einmal durchleben.

Erst im Jahr 2015 während Ihrer Leihe von Mainz zu St. Pauli erzählten Sie diese Geschichte in der Zeit erstmals öffentlich.

Koch: Es kamen zuvor kaum Anfragen in diese Richtung und ich selbst habe nichts unternommen, weil ich dachte, dass es niemanden interessieren würde. Als ich dann das erste Mal darüber sprach, half es mir, die ganze Sache so richtig zu reflektieren. Ich kann mir die Verletzung an sich heute noch problemlos vor Augen führen und sagen, wie es passiert ist. Was mich aber emotional so richtig packt, ist die erste Zeit danach, als ich im Krankenhaus lag und auf meine Familie und Freunde traf.

Julian Koch im Steckbrief

Geburtsdatum (Alter)11.11.1990 (29)
Geburtsort/NationalitätSchwerte/Deutschland
Größe1,84 Meter
PositionAbwehr, Mittelfeld
Bundesligaspiele/Tore6/0
Ehemalige VereineVfL Hörde, BVB, Duisburg, Mainz, St. Pauli, Düsseldorf, Ferencvaros
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